Windenergie
Energie-Knatsch: Die Aargauer Windmühlen-Lotterie

Verkehrte Welt bei der Windenergie: Umstrittene Standorte wie Laubberg und Heitersberg sind im Richtplan. Das von Kirchleerau unterstützte Projekt fehlt jedoch. 54 Millionen Kilowattstunden Strom könnten an 6 Kraftwerken jährlich produziert werden.

Hans Lüthi
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Hochrüti ob Kirchleerau (oben links) ist neu Standort für Windräder. ZVG

Hochrüti ob Kirchleerau (oben links) ist neu Standort für Windräder. ZVG

Der Kampf um die modernen Strom-Windmühlen tobt mit einer Heftigkeit, als ginge es um neue Atomkraftwerke.

Allerdings mit unterschiedlichen politischen Vorzeichen: Umweltverbände und Linksparteien sind für diese erneuerbare Energie, die Bürgerlichen wehren sich gegen eine Verschandelung der Hügelzüge und glauben, der Aufwand sei für den Ertrag zu gross.

Schon die Anhörung löste eine Flutwelle von Meinungen aus, doch die Aargauer Regierung schlug nur die sechs Standorte Burg bei Oberhof, Laubberg und Wessenberg im oberen Fricktal, Heitersberg, Lindenberg und Uf em Chalt ob Staffelbach vor.

Kirchleerau: Ein fertiges Projekt liegt vor

Im Grossen Rat wollte die Kommission drei Standorte streichen, die Ausmarchung nahm Züge einer Lotterie an: Auf der Strecke blieb der Wessenberg im oberen Fricktal mit 60 zu 62 Stimmen, Laubberg und Heitersberg kamen mit 64 zu 59 knapp in den Richtplan.

Für Hochrüti in Kirchleerau gibt es beste Argumente, die dem Parlament auch zu Ohren kamen: Ein fertiges Projekt liegt vor, die Anwohner sind einverstanden und auch die Standortgemeinde setzte sich dafür ein.

Die Ökostromfirma Luventa aus Schenkon ZH ist seit über drei Jahren in Kontakt mit den Fachstellen des Departementes Bau, Verkehr und Umwelt. Auf deren Wunsch sei die Planung auf drei Anlagen erhöht worden.

Die Nichtaufnahme und Ablehnung einer Besprechung bezeichnete der Gemeinderat Kirchleerau in einem Brief an Baudirektor Peter C. Beyeler als «absolut unverständlich und frustrierend».

Auch bei der Behandlung im Grossen Rat war das Glück den Kirchleerauern nicht hold, trotz bester Fürsprache durch den Grünen Ruedi Weber (Menziken) und Antragsteller Sämi Richner.

Mit dem Zufallsmehr von 59 zu 65 wurde der Standort Hochrüti abgelehnt – nur eine Minute nach der Aufnahme des Zusatzgebietes Hundsruggen in Zeinigen mit 65 zu 58 Stimmen.

Teure Wind-Messungen – für nichts

Für Luventa-Inhaber Anton Suter brach eine ganze Windenergiewelt zusammen. Fünf Jahre habe er an diesem Projekt gearbeitet und fast gleich lang weltweit Messungen für die Windenergie durchgeführt.

Suter sieht sich mit seiner Luventa GmbH selber als Vater der Aargauer Windenergie, auf dem Laubberg und dem Heitersberg hat er die teuren Messungen durchgeführt.

Für die einzige realisierbare Anlage im Aargau hat der gebürtige Aargauer rund 100 000 Franken investiert «und die vom Kanton geforderten Bedingungen immer prompt nachgeliefert», schreibt er in einem Protestbrief an Baudirektor Peter C. Beyeler.

«Das Windpotenzial, die Erschliessung und die Netzanbindung sind gewährleistet», betont Suter.

Für den Landwirt-Treuhänder Anton Suter ist die Windenergie ein Nebenjob, ebenso wie der jährliche Bau eines Schulhauses in Kambodscha – aus Spendengeldern.

Weil ihm eine intakte Natur am Herzen liegt, will er in Kirchleerau nicht zu hoch hinaus, nur auf 95 Meter Nabenhöhe, und 80 Meter Rotordurchmesser, statt der möglichen 120 Meter. Von den drei Standorten (einer in Triengen LU) könnte immerhin Strom für 2000 Haushalte geerntet werden.

Auch die Kirchleerauer Behörde will sich mit der unmöglichen Situation nicht abfinden. Mit einem Mail an alle Grossräte hofft die Gemeinde auf eine Umkehr des Resultats von letztem Dienstag, konkret also eine Aufnahme in den Richtplan als Kraftwerk-Standort.

Theoretisch wäre das zwar auch nachträglich möglich, aber erstens gingen Monate bis Jahre verloren, zweitens wäre die Zustimmung noch viel unsicherer.

«Bei uns liegen umfangreiche Machbarkeitsstudien vor und Widerstand gegen die Windkraftwerke gibt es keinen», betont der für das Bauwesen zuständige Gemeinderat Ulrich Häusermann.

Geschäft ist nicht zu Ende beraten

Wichtig sei jetzt der Standort-Eintrag, das Projekt selber sei durchaus verhandelbar. Befassen muss sich der Grosse Rat am Dienstag an seiner letzten Sitzung der Legislatur ohnehin mit den Windkraftwerken.

Das Geschäft ist nicht zu Ende beraten und der Punkt umstritten, ob mindestens drei Windturbinen (Windpark) gleichzeitig geplant und gebaut werden müssen. Auch das geeignete Potenzial von 450 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr und der Ausschluss von Naturschutzgebieten werden noch zu reden geben.

Rückkommen ist geplant, gewisse Details sind noch offen. So die Frage, ob man Hochrüti Kirchleerau als siebten Standort aufnehmen soll oder den Laubberg bei Gansingen wieder streichen. Die Gansinger wären glücklich darüber, Gemeindeammann und Grossrat Martin Steinacher (CVP/BDP) hat sich schon an der letzten Sitzung für die Streichung von Laubberg, Wessenberg und Heitersberg eingesetzt, «denn Windräder sind artfremd am Laubberg».

Den Antrag auf Rückkommen zum Standort Hochrüti Kirchleerau wird Roland Basler (BDP, Zofingen) stellen, ob im Tausch mit dem Laubberg oder nicht, liess er offen.

Mit Kritik am scheidenden Baudirektor halten sich alle Befragten zurück und betonen, es sei das Verdienst und auch der Job von Peter C. Beyeler, eine Verspargelung der Aargauer Landschaft durch zu viele einzelne Windkraftwerke zu verhindern.

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