Lehrplan 21

Die Befürworter kontern: «Darüber steht im Lehrplan kein Wort!»

Aussagen der Initianten der Volksinitiative «Ja zu einer guten Bildung – Nein zum Lehrplan 21» führen zu teils heftigen Reaktionen bei Befürwortern des Lehrplans 21. Vier verteidigen diesen hier.

Hans Fahrländer
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Wie der Lehrplan 21 schlussendlich umgesetzt wird, entscheidet sich im Klassenzimmer. (Symbolbild)

Wie der Lehrplan 21 schlussendlich umgesetzt wird, entscheidet sich im Klassenzimmer. (Symbolbild)

Keystone

Die beiden Initianten, Heilpädagogin Elfy Roca und Bezirkslehrer Harald Ronge, kritisierten am Lehrplan 21 unter anderem, er fröne dem Konstruktivismus: Die Schüler müssten ihre Lernprozesse selbstständig steuern, der Lehrer sei nicht mehr Wissensvermittler, sondern «Prozessberater», das überfordere vorab schwächere Kinder, diese brauchten Vorbilder und Anleitung.

Aus dem gleichen Grund wandten sie sich gegen «offene» Unterrichtsformen und gegen die Fokussierung des Lehrplans auf «Kompetenzen». Lernziele finde man keine mehr. Man merke heute schon, wie es den Kindern an Grundfertigkeiten fehle, der Lehrplan 21 verstärke diese Entwicklung.

Gefährliche Schwarzmalerei

Thomas Leitch

Thomas Leitch

Dominic Kobelt

Es mache pädagogisch keinen Sinn, eine bestimmte Lerntheorie zu verteufeln: «Keine Lehrperson orientiert sich rein an der Theorie des Konstruktivismus. Die Art und Weise, wie junge Menschen Informationen aufnehmen, verarbeiten, verstehen und erinnern, verlangt eine grosse Vielfalt von Ansätzen.» Klar sei indes, dass das «Einpauken» von Information allein niemals zum Ziel führe. «Es braucht Auseinadersetzung mit dem Lerninhalt und Fähigkeiten für das Lösen von Problemen.»

Völlig verfehlt findet Thomas Leitch die «Frontstellung» zwischen Wissensvermittlung und Kompetenz: «Wissen ist die Basis von Kompetenz. Man kann nicht kompetent sein, wenn man sich in der Sache nicht auskennt. Der Lehrplan 21 weist deshalb aus, welches Wissen die Schule vermitteln soll, bleibt aber dort nicht stehen. Die Schülerinnen und Schüler sollen das Wissen auch altersgemäss anwenden können. Mathematik zum Beispiel kann nicht nur durch Vorzeigen und Belehren gelernt werden. Auswendig gelernte Rezepte sind kurzfristig hilfreich, werden aber schnell wieder vergessen.»

Hattie falsch verstanden

Thomas Birri war bis 2014 Gesamtschulleiter in Obersiggenthal, heute ist er Dozent für berufspraktische Studien an der Pädagogischen Hochschule. «Ja, Wissen ist enorm wichtig – auch das Wissen, um was es im Lehrplan 21 tatsächlich geht», sagt er. «Der Konstruktivismus war nie eine Ideologie, sondern eine im Ursprung auf Kant zurückgehende Erkenntnistheorie. Sie besagt, dass jeder Mensch sein Bild von ‹Welt›, sein Wissen selber aufbauen muss. Diese Vorstellung ist dank der Hirnforschung heute eine neurophysiologische Tatsache.»

Thomas Birri

Thomas Birri

Ein Lehrplan-Macher kontert

Tobias Erne

Tobias Erne

«Ein Lehrplan formuliert Anforderungen, welche die Gesellschaft an die Schule stellt – beziehungsweise die Aufgaben, welche die Schule in Bezug auf die Kinder zu erfüllen hat. Es scheint auf der ganzen Welt Einigkeit darüber zu bestehen, dass man diese Anforderung am besten mit Kompetenzen formuliert, also damit, dass man der Schule sagt, was die Kinder am Ende ihrer Schulzeit können müssen. Dieses Konzept ist doch sinnvoller, als der Schule festzuschreiben, in welchem Jahr sie was durchnehmen muss.

Tobias Erne findet es bemühend, was die Initianten dem künftigen Lehrplan alles ankreiden, zum Beispiel heutige Lehrmittel, heutige Trends an den Hochschulen oder das heutige Bildungsniveau, das angeblich gesunken sei. Es gebe keine Untersuchung, welche dieses Klagelied stütze, aber mehrere Studien, welche das Gegenteil belegten. «Viel eher trifft der Befund zu, dass heutige Schüler viel mehr wissen und können müssen als früher», so Erne.

«Wissen und Können behalten ihre zentrale Bedeutung»

Victor Brun ist Leiter der Sektion «Organisation» im Bildungsdepartement BKS und in der Verwaltung zuständig für den Lehrplan 21. Hier sein Statement zur geäusserten Kritik:
«Der Lehrplan 21 hält am Bewährten fest und nimmt dort, wo es der gesellschaftliche Wandel notwendig macht, Neues auf. Zum Bewährten gehört, dass die Kinder wie bisher lesen, schreiben und rechnen lernen. Sie kennen Flüsse, Pflanzen und Tiere. Geschichtliche Ereignisse sind ihnen ebenso geläufig wie physikalische oder chemische Gesetze. Sie werden sich auch weiterhin handwerkliches Können aneignen, wie Kochen, Häkeln, Sägen. Wissen und Können behalten ihre zentrale Bedeutung. Weiterhin werden Lehrpersonen vor ihren Klassen stehen und nach ihren bevorzugten Methoden unterrichten. Ob dies nun mehr in frontalem Klassenunterricht, in Gruppenarbeit oder in Planarbeit geschieht, bestimmt nicht der Lehrplan, sondern die Lehrperson.

Würden Sie heute zu einem Zahnarzt gehen, der technisch auf dem Stand vor fünfzehn Jahren ist? Möchten Sie mit denselben Methoden behandelt werden, wie sie vor 20 Jahren üblich waren, nur weil es damals auch half? Unsere Lebenswelt verändert sich dynamisch. Der Lehrplan 21 nimmt diesen Wandel auf. Er hat unter anderem auch zum Ziel, Kinder zu befähigen, sich Wissen selber anzueignen, für Probleme neue Lösungsansätze zu suchen und mit anderen zusammenzuarbeiten. Im neuen Lehrplan sind deshalb auch Akzente auf Themen und Fächer gesetzt, die es bisher in dieser Form nicht gab.

Der Lehrplan 21 enthält vieles, was wir aus den heutigen Lehrplänen schon kennen. Er trägt jedoch den erfolgten Veränderungen und Erfordernissen von heute Rechnung. Er kann dazu beitragen, die Kinder von heute erfolgreich vorzubereiten für die Welt von morgen. Noch wichtiger als der Lehrplan sind dabei jedoch motivierte und kompetente Lehrpersonen.»