Bezirksgericht Lenzburg
Gefängniswärter verurteilt, weil er Brian unnötig schlug – der bekannteste Häftling der Schweiz wird vor Gericht ausfällig

Brian Keller, bekannt geworden unter «Carlos», stand am Dienstag für einmal als Kläger vor dem Bezirksgericht Lenzburg. Ein Wärter der Justizvollzugsanstalt Lenzburg wurde verurteilt, weil er den Häftling unnötig geschlagen hatte. Brian selber war auch am Prozess – hatte sich aber nicht unter Kontrolle.

Raphael Karpf
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Brian verlässt das Bezirksgericht Lenzburg.

Raphael Karpf

Für einmal erschien der Kläger in Handschellen vor Gericht, nicht der Angeklagte. Brian Keller, unter dem Namen Carlos schweizweit bekannt geworden, hatte Strafanzeige eingereicht. Und zwar gegen einen Vollzugsbeamten der Justizvollzugsanstalt (JVA) Lenzburg.

Eigentlich sitzt Brian seine Strafe in der JVA Pöschwies in Regensdorf ab. Er hatte einen Bekannten aus der Kampfsportszene mit einem Faustschlag niedergestreckt, später im Strafvollzug immer wieder Aufseher beleidigt und angegriffen. Vergangenen Monat hatte das Zürcher Obergericht den Schuldspruch wegen versuchter schwerer Körperverletzung, mehrfacher Körperverletzung und Sachbeschädigung – alles begangen im Gefängnis – bestätigt. Die Strafe: über sechs Jahre Gefängnis.

Kamera zeichnete den Vorfall auf

Doch die Unterbringung von Brian gestaltet sich schwierig. Immer wieder geht er auf Wärter los und beschädigt seine Zelle. Seit Monaten sitzt er deswegen in Einzelhaft. Das löste einen Disput über die Haftbedingungen aus, mit dem sich selbst die UNO beschäftigte.

Brian Keller – schweizweit als Carlos bekannt geworden.

Brian Keller – schweizweit als Carlos bekannt geworden.

Screenshot Rundschau

2019 versuchten die Behörden, Brian in der JVA Lenzburg unterzubringen. Doch auch das ging nicht gut: Auch hier soll Brian Wärter angegriffen haben. Nach nur kurzer Zeit sollte er wieder zurück in die Pöschwies verlegt werden.

Und wegen dieser Verlegung trafen sich nun Brian und einer seiner ehemaligen Aufseher vor Gericht. Denn als sechs Beamte ihn aus seiner Zelle holten, soll er diese angespuckt, bedroht und sie schliesslich angegriffen haben.

Die Aufseher drückten ihn gemeinsam zu Boden und taserten ihn. So weit war alles noch zulässig. Als Brian aber bereits wehrlos gewesen sein soll, soll nun ein Wärter weiter auf ihn eingetreten und -geschlagen haben. Eine Kamera zeichnete das ganze Geschehen auf.

Der Wärter war wegen Amtsmissbrauchs und einfacher Körperverletzung angeklagt. Brians Anwalt forderte zudem eine Verurteilung wegen versuchter schwerer Körperverletzung – der Verteidiger des Wärters forderte einen Freispruch.

Im Gerichtssaal wurde Brian ausfällig

Besonders verwerflich aus Sicht von Brians Verteidiger: Die Schläge erfolgten, als Brian gefesselt und mit einem Sack auf dem Kopf am Boden lag. Er habe so die Faustschläge gegen das Gesicht nicht einmal kommen sehen. «Jemand, der sich so wenig unter Kontrolle hat, hat im Strafvollzugssystem nichts verloren», so der Verteidiger.

Auch Brian selbst erschien vor dem Bezirksgericht Lenzburg. Ein halbes Dutzend Polizisten brachten ihn in Fesseln her, drei davon setzten sich im Gerichtssaal direkt hinter ihn. Brian redete schnell und viel, beschrieb die Schläge und kommentierte sie laufend: Die Wärter hätten sich mächtig gefühlt, es sei traurig, dass solche Leute im Gefängnis arbeiten würden. Er persönlich hätte nie auf einen Hilflosen eingeschlagen. Auch sei er ständig von den Wärtern provoziert und rassistisch beleidigt worden. Und am Vorabend der Verlegung hätte der Beschuldigte ihm gedroht: Morgen würde es eine Abreibung geben.

Als der Verteidiger des Wärters an der Reihe war, erzählte er eine andere Version. Zuerst versuchte er aber, die Anklagepunkte formaljuristisch zu entkräften. Das Video sei nicht korrekt beschafft und die Anklage nicht korrekt verfasst worden, alleine deshalb hätten schon Freisprüche zu erfolgen. Diese Einwände liess die Richterin aber nicht gelten.

Aber auch die Vorfälle hätten sich anders zugetragen, als dies Brian und sein Anwalt geschildert hätten, so der Verteidiger. Brian hätte die Wärter angegriffen, sie hätten sich nur gewehrt, Schläge auf den hilflosen Mann habe es keine gegeben. Ausserdem hatte Brian nur leichte Verletzungen davongetragen. Hätte der im Nahkampf ausgebildete Wärter Schaden anrichten wollen, dann hätte er das auch getan.

Bei diesen Ausführungen wurde der Verteidiger mehrfach unterbrochen. Einmal stand Brian auf, ein anderes Mal nannte er ihn einen Lügner.

Bei der dritten Unterbrechung warf die Richterin Brian aus dem Saal. Als drei Polizisten ihn rausbrachten, beleidigte Brian den Anwalt.

Richterin stützt Urteil auf das Video ab

Der Beschuldigte selbst äusserte sich nicht zu den Vorfällen. Er verweigerte jede Aussage.

Die Aussagen spielten für das Urteil aber schliesslich nur eine untergeordnete Rolle. Die Richterin hatte selbst das Video des Zwischenfalls gesehen und stützte ihr Urteil nach kurzer Bedenkzeit darauf ab.

Speziell: Der Nahkampf-Ausbildner der Vollzugsbeamten hatte das Video auch analysiert. Er kam zum Schluss: Der Einsatz der Beamten sei verhältnismässig gewesen, es seien keine unnötigen Schmerzen verursacht worden. Diesen Experten befragte die Richterin aber gar nicht – obwohl der Verteidiger das gefordert hatte. Auch die anderen damals anwesenden Vollzugsbeamten wurden nicht befragt. Das sei nicht nötig, so die Richterin: Auf dem Video sei alles zu sehen, was sie sehen müsste.

Sie sprach den Wärter wegen einfacher Körperverletzung frei. Sie sprach ihn aber wegen Amtsmissbrauchs schuldig. Sie verurteilte den Mann zu einer bedingten Geldstrafe von 18'900 Franken sowie einer Busse von 4700 Franken.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der Verteidiger des Wärters hat bereits angekündigt, das Urteil anzufechten.

Es dürfte aber nicht nur deswegen nicht das letzte Mal sein, dass Brian auch als Kläger vor Gericht erscheint. Laut seinem Verteidiger werden weitere Klagen momentan geprüft.

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