Gesundheitswesen

Beim Test sind vier durchgefallen: Das sagen die betroffenen Aargauer Spitäler

In Rheinfelden, Laufenburg, Baden, Muri und Menziken müssen überdurchschnittlich viele Patientinnen und Patienten nach einer Behandlung noch einmal zurück ins Spital. Das zeigt eine neue Studie. Was heisst das für die Behandlungsqualität?

Noemi Lea Landolt
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Im Kanton Aargau fallen mehrere Spitäler mit hohen Wiedereintrittswerten auf.

Im Kanton Aargau fallen mehrere Spitäler mit hohen Wiedereintrittswerten auf.

CH Media

Das Resultat der Untersuchung hat selbst die Studienleiterin überrascht. Der nationale Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken (ANQ) hat auf Basis der Zahlen des Bundesamtes für Statistik von 2016 untersucht, wie oft Patientinnen und Patienten nach einer Behandlung noch einmal zurück ins Spital müssen.

2016 hatten 47 von 195 untersuchten Spitälern in der Schweiz deutlich mehr Wiedereintritte von Patienten verzeichnet, als erwartet wurde. Im Vergleich zum Vorjahr waren es mehr als doppelt so viele, wie die «SonntagsZeitung» berichtete.

Im Kanton Aargau fallen fünf der elf Spitäler mit hohen Werten auf: das Kantonsspital Baden sowie die Regionalspitäler Muri, Laufenburg, Rheinfelden und Menziken. Im Vorjahr waren die Spitäler Baden, Muri und Rheinfelden noch nicht mit einer überdurchschnittlich hohen Anzahl Wiedereintritte aufgefallen.

Nicht nur Schwarz und Weiss

Damit sich die Spitäler vergleichen lassen, wurden für jedes Spital die erwartbaren Wiedereintritte berechnet. Diese sind je nach Patientenmix, Komplexität der Fälle oder Angebot eines Spitals unterschiedlich hoch.

So weisen etwa Universitätsspitäler und Spitäler der Grundversorgung mit einem relativ hohen Anteil an älteren und mehrfacherkrankten Patienten ein höheres Risiko für Wiedereintritte auf als Spezialkliniken für Sportunfälle. Nur wenn die tatsächliche Anzahl Wiedereintritte in einem Spital das berechnete Signifikanzniveau übersteigt, gilt ein Spital als auffällig; hat also zu viele potenziell vermeidbare Wiedereintritte.

Die Rate potenziell vermeidbarer Wiedereintritte ins Spital werde in der wissenschaftlichen Literatur «weitherum als valider Indikator für die Qualitätsmessung bei Spitälern betrachtet», heisst es in der Studie. Es bestehe ein Zusammenhang zwischen der Behandlungsqualität und dem Risiko einer erneuten Hospitalisierung.

Dennoch gebe es nicht nur Schwarz und Weiss, sagt Studienleiterin Regula Heller. Das Ziel der ANQ-Studie sei auch nicht, aufgrund der Wiedereintritte gute und schlechte Spitäler darzustellen, ebenso wenig würden sich die Resultate für ein Spital-Ranking eignen.

«Trotzdem empfehlen wir den Spitälern mit einer auffällig hohen Anzahl Wiedereintritte, die Zahlen detaillierter zu analysieren und nach auffälligen Mustern zu suchen», sagt Heller. Etwa, ob in einer Abteilung besonders viele Patienten nach einem Austritt später wieder ins Spital zurückkehren.

Keine Erklärung für die Zunahme

Allerdings würden längst nicht alle Spitäler detaillierte Analysen machen. Auch im Aargau werden die Resultate der Studie skeptisch beurteilt. Omar Gisler, Mediensprecher des Kantonsspitals Baden, findet etwa, es sei «falsch und unqualifiziert», einem Spital aufgrund der Wiedereintritte ein Qualitätsproblem zu unterstellen (siehe nachfolgenden Text).

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Gesundheit Aargau

Kantonsspital Baden

Das Kantonsspital Baden (KSB) war bei der letzten ANQ-Untersuchung noch nicht mit überdurchschnittlich vielen Wiedereintritten aufgefallen. Dennoch nimmt man das Resultat gelassen. Mediensprecher Omar Gisler sagt, es gebe für die Beurteilung der Qualität verschiedene Parameter. «Kein genereller Qualitätsindikator sind Wiedereintritte, da diese stark vom Angebot abhängig sind.»

Aussagekräftiger seien hingegen Patientenzufriedenheit, Infektionsraten oder Zertifizierungen, bei denen ein Spital von externen Revisoren durchleuchtet werde. «All diese Parameter werden im KSB laufend analysiert», sagt Gisler. Die Schlüsse, die daraus gezogen werden, würden dazu beitragen, Prozesse und Abläufe «kontinuierlich zu optimieren».

So wende das KSB ein detailliertes Austrittsmanagement an, das einen engen Austausch mit externen Partnern wie Hausärzten oder Spitex beinhalte. Dem Spital sei es zudem ein Anliegen, den Patienten zu ermöglichen, zu Hause gesund zu werden. «Dieser Ansatz bedingt jedoch eine niederschwellige Wiedereintrittsmöglichkeit ins Spital, sollte dies die Situation erfordern», sagt Gisler. Für das KSB seien Wiedereintritte deshalb ein Zeichen für «eine zeitnahe, patientenorientierte Behandlung».

Einem Spital aufgrund der Wiedereintritte ein Qualitätsproblem zu unterstellen, sei hingegen «falsch und unqualifiziert». Interne und externe Überprüfungen würden die hohen Qualitätsstandards am Kantonsspital Baden bestätigen. (nla)

Jürg Waldmeier;zvg;

Spital Muri

Das Spital Muri hat die Daten der Wiedereintritte von Patientinnen und Patienten detailliert analysiert. Es wurde untersucht, ob es Häufungen pro Monat, Abteilung, Fachbereich oder Diagnosegruppe gibt. «Wir hinterfragen so unsere Behandlungen und leiten daraus gegebenenfalls Massnahmen ab», erklärt Martina Wagner von der Medienstelle. Allerdings hätten auch durch die detaillierte Analyse in keinem Suchbereich Auffälligkeiten festgestellt werden können.

Einen möglichen Grund für die statistisch häufigen Wiedereintritte sieht Wagner bei Patientinnen und Patienten, denen während des ersten Spitalaufenthalts eine Nebendiagnose gestellt wurde. «Wird diese Nebendiagnose nach dem Austritt zum Anlass für einen zweiten Spitalaufenthalt, wird dieser Wiedereintritt durch den Algorithmus als ‹potenziell auffällig› gekennzeichnet», sagt Wagner. Dies, obwohl der erste Spitalaufenthalt nicht im direkten Zusammenhang mit der Nebendiagnose stand. Damit würden diese Patienten «möglicherweise zu Unrecht als vermeidbare Wiedereintritte eingestuft», sagt Wagner.

Abgesehen von den Wiedereintritten werden im Spital Muri Todesfälle, Komplikationen sowie Infektionen analysiert. Über alle Abteilungen und Bereiche hinweg greifen zudem «etablierte Standards», sagt Wagner. Diese helfen, mögliche Fehlerquellen zu minimieren und Schwachstellen rasch zu identifizieren, damit sie behoben werden können. (nla)

zvg

Gesundheitszentrum Fricktal

Die Spitäler Rheinfelden und Laufenburg gehören zum Gesundheitszentrum Fricktal (GZF). Beide Spitäler fallen mit überdurchschnittlich vielen Wiedereintritten auf. Beunruhigt ist man deswegen nicht: «Wir erachten die Studie als methodisch äusserst problematisch und die Resultate als nicht aussagekräftig», sagt Mediensprecherin Miriam Crespo. Das Problem sei, dass gängige Rückverlegungen aus medizinischen Gründen oder auf Wunsch des Patienten als Rehospitalisierungen ausgewiesen würden. «Das verfälscht die Resultate der Studie stark.»

Für das GZF sei es sehr schwer, aus der Studie Schlüsse zu ziehen. Einerseits weil die Daten bis zum Vorliegen der Studie bis zu 2,5 Jahre alt seien und keine Rückschlüsse auf individuelle Fälle möglich seien. «Eine Überprüfung oder Ableitung von Massnahmen ist basierend auf dieser Studie nicht möglich», sagt Crespo.

Beim GZF komme noch dazu, dass eine Verlegung eines Patienten von Rheinfelden nach Laufenburg oder umgekehrt als Rehospitalisation gezählt werde. Im Jahr 2016, aus dem die verwendeten Datensätze stammen, sei zudem der Operationstrakt umgebaut worden. «Die Patienten wurden vorwiegend in Laufenburg operiert und auf ihren Wunsch nach Rheinfelden zurückverlegt», sagt Crespo. Die ausserordentlich vielen Verlegungen 2016 würden sich nun im Resultat der Studie negativ widerspiegeln. «Allerdings ohne jeglichen Einfluss auf die Qualität der medizinischen Behandlung.» (nla)

Spital Menziken

Daniel Schibler, der Direktor des Spitals Menziken, ist sich bewusst, dass das Spital statistisch gesehen und im Vergleich mit übrigen Spitälern der Schweiz «eine eher hohe Rehospitalisierungsquote» ausweist. Das Spital habe die Gründe für die hohe Anzahl Wiedereintritte analysiert. Einerseits gebe es viele Wiedereintritte aufgrund des Alters der Patienten und aus sozialen Gründen.

«Häufig wollen, insbesondere ältere, Patienten nach Hause, obwohl die Voraussetzungen für einen Austritt teilweise ungünstig sind, weil die Personen sozial isoliert sind oder die Nachsorge nicht optimal sichergestellt ist», sagt Schibler. Das führe dazu, dass die Patienten einige Tage später wieder als Notfall ins Spital eintreten. «Oft wird das durch Angehörige, die Spitex oder den Hausarzt veranlasst», sagt der Spitaldirektor.

Andererseits habe das Spital Menziken viele Wiedereintritte von palliativen Patienten. «Sie werden zum Sterben nach Hause entlassen, kehren aber, wenn sich ihr Zustand verschlechtert, wieder ins Spital zurück», erklärt Schibler.

Nicht zuletzt widerspiegle die Anzahl der Wiedereintritte auch die Regionalisierung der Spitallandschaft im Kanton Aargau, sagt Schibler. «Häufig werden Patienten für den Haupteingriff in ein Zentrumsspital, meistens ins Kantonsspital Aarau, verlegt und kehren nach einer bis zwei Nächten wieder ins Spital in ihrer Wohnregion zurück.» Auch das werde in der Statistik als Wiedereintritt erfasst. (nla)

Warum 2016 im Vergleich zum Vorjahr mehr als doppelt so viele Spitäler überdurchschnittlich viele Wiedereintritte aufweisen, kann Regula Heller – trotz Zusatzanalysen – nicht restlos erklären. Heute werden Patienten schneller aus dem Spital nach Hause entlassen. Im Aargau ist die durchschnittliche Aufenthaltsdauer von 2001 bis 2017 von 14 auf 10,5 Tage gesunken.

Das geht aus der kantonalen Gesundheitsstatistik hervor. Ist eine (zu) frühe Entlassung der Grund, dass Patienten noch einmal im Spital landen? «Die kürzere Aufenthaltsdauer beeinflusst das Ergebnis zwar, erklärt dieses aber nicht abschliessend», sagt Studienautorin Heller. Sie sei deshalb gespannt, wie die nächste Auswertung aussehe.

Kanton sieht kein Problem

Das Departement Gesundheit und Soziales (DGS) wird – wie die Spitäler – über die ANQ-Messungen informiert. Die Resultate werden in der Kontaktgruppe Qualität, in der alle Akutspitäler des Kantons vertreten sind, diskutiert, sagt Mediensprecherin Karin Müller. «Abweichungen und mögliche Gründe dafür werden offen analysiert.»

Die auffällig vielen Wiedereintritte seien aber aus Sicht des Gesundheitsdepartements kein Problem, das angegangen werden müsse. Im Rahmen der Kontaktgruppe Qualität seien die Spitäler und das Departement seit Jahren konstant daran, die Qualitätszahlen – auch andere als die Anzahl Wiedereintritte – zu monitorisieren und gegebenenfalls Massnahmen zu ergreifen.

Müller betont, nur wenige Kantone würden einen «derartig proaktiven und offenen Austausch» mit ihren Spitälern pflegen.