Häusliche Gewalt

Aargauer Fachstelle: «Schlagende Kinder und Jugendliche sind zunehmend ein Problem»

Mirjam von Felten koordiniert im Kanton Aargau den Kampf gegen häusliche Gewalt. Die Arbeit wird ihr leider nicht so schnell ausgehen.

Mario Fuchs
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Gewalt in den eigenen vier Wänden ist auch im Aargau ein Thema. (Symbolbild)

Gewalt in den eigenen vier Wänden ist auch im Aargau ein Thema. (Symbolbild)

Keystone

Am Freitag sendete der Bundesrat ein motivierendes Signal: Er unterzeichnete die internationale Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt. Die Gesetzesgrundlagen dafür in der Schweiz gibt es bereits. Auf Bundesebene wird einzig noch diskutiert, ob das bestehende Angebot an Telefonberatungen ausgebaut werden soll.

Geht es im Aargau um dieses Thema, ist die Abteilung «Fachstelle Intervention gegen häusliche Gewalt» im Departement Volkswirtschaft und Inneres erste Ansprechpartnerin. Wobei: Abteilung ist ein grosses Wort für das 50-Prozent-Pensum von Stellenleiterin Mirjam von Felten. Die 52-jährige Soziologin aus Brugg führt die Fachstelle alleine, sagt: «Ja, ich bin die, die dieses Thema im Aargau hütet.» Sie sagt aber auch: «Alleine könnte ich natürlich nicht arbeiten.» Damit meint sie die regierungsrätliche Kommission Häusliche Gewalt, deren Präsidentin sie ist. Darin vereint sind Fachpersonen aus Institutionen und Behörden, die in ihrem Berufsalltag mit häuslicher Gewalt konfrontiert sind. Die Kommission hat beratende Funktion und ist interdisziplinär zusammengesetzt.

Mirjam von Felten Leiterin Fachstelle Intervention gegen häusliche Gewalt Aargau.

Mirjam von Felten Leiterin Fachstelle Intervention gegen häusliche Gewalt Aargau.

Mario Fuchs

Nicht jeder automatisch ein «Täter»

2003 hatte der Kanton sich des Themas angenommen. 2009 floss das gesammelte Know-how in ein verbessertes Hilfsangebot, sowohl für Opfer als auch für Täter. Aber Obacht, bei den Begrifflichkeiten sei Vorsicht geboten, sagt von Felten: «Wir sprechen nicht von Tätern und Opfern, sondern von Gewaltausübenden und Gewaltbetroffenen.» Denn nicht jede Tat ist auch eine Tat im Sinne des Strafgesetzbuchs, entsprechend nicht jeder Gewaltausübende per se ein Täter.

2011 wurde die Fachstelle gegründet mit dem Auftrag, «den Status quo eines fachgerechten Umgangs mit häuslicher Gewalt im Kanton Aargau längerfristig sicherzustellen», wie es damals im Communiqué hiess. Mirjam von Feltens Aufgabe ist es seither, dafür zu sorgen, dass das Angebot nicht irgendwo still abgebaut wird respektive die Fachpersonen noch besser miteinander vernetzt werden. Mit ihrem 50-Prozent-Pensum, das gibt sie zu, sei es «nicht immer ganz einfach, wahrgenommen zu werden». Ich Fachkreisen aber sei die Fachstelle inzwischen bekannt.

Kommen neue Phänomene auf, werden diese in der regierungsrätlichen Kommission besprochen. Aktuell sind dies etwa Gewalt in jugendlichen Paarbeziehungen oder Kinder, die schlagen. «Wir haben zuletzt mehrere Meldungen von der Polizei und der Dargebotenen Hand erhalten, die bestätigen, dass das zunehmend ein Problem ist», erzählt von Felten. Sie werde die Entwicklung beobachten und das Thema für die nächste Sitzung traktandieren.

Freiwilligkeit reicht nicht

In den letzten beiden Jahren waren es vor allem Tötungsdelikte im häuslichen Umfeld, die sich im Aargau häuften und die Experten beschäftigten. Februar 2015: 44-jähriger Vater tötet mutmasslich seine vierjährige Tochter in Niederlenz, später nimmt er sich im Gefängnis das Leben. Mai 2015: 36-Jähriger erschiesst in Würenlingen seine Schwiegereltern, seinen Schwager, einen Nachbarn und sich selbst. Juni 2015: 32-Jähriger ersticht seine Eltern in Sarmenstorf. Kürzlich zeigte eine Studie, dass 70 Prozent aller Tötungsdelikte in der Schweiz im häuslichen Kontext erfolgen. Es sind unvorstellbare Tragödien – und für die Kommission warfen sie die Frage auf: Was kann man unternehmen, um solche Fälle künftig eher zu verhindern? Mirjam von Felten sagt: «Es ist klar, dass man das nicht innerhalb einer Sitzung abhandeln kann.» Wichtig sei, dass es ein Gremium gebe, das sich solcher Fragen annehme und ständig versuche, das Hilfsangebot weiter zu verbessern.

Wichtigster Partner für die Fachstelle ist nebst der Polizei die Anlaufstelle Häusliche Gewalt AHG. Sie hilft Gewaltausübenden wie Gewaltbetroffenen, berät auch involvierte oder besorgte Dritte aus Familien- und Freundeskreis, Arbeitsumgebung oder Nachbarschaft. Die Polizei meldet alle Fälle der Anlaufstelle, diese kontaktiert die Betroffenen und bietet Beratungen und Lernprogramme an. Freiwillig und kostenlos. Vielen gelang so der Ausstieg aus der Gewaltspirale, die Mehrheit aber verzichtet der Freiwilligkeit wegen.

Hier wünscht sich die Expertin mehr rechtliche Handhabe. Zwar können Schlagende schon heute behördlich zu Lernprogrammen verpflichtet werden, doch nutzen längst nicht alle Staatsanwaltschaften und Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden dieses Mittel gleich konsequent.

Am Freitag ging in Aarau eine zweiwöchige Ausstellung über häusliche Gewalt zu Ende, organisiert von der Fachstelle. 1100 Schülerinnen und Schüler der Berufsschule Aarau und Hunderte Interessierte hatten sie besucht. Es meldeten sich viele Betroffene – pro Klasse im Schnitt eine Schülerin. Von Felten hatte damit gerechnet. Bewegend war es dennoch. Und es zeigte ihr, dass ihr die Arbeit noch lange nicht ausgeht.