eHealth-Strategie

Aargau schreibt die Kranken-Geschichte neu

Der Verein eHealth Aargau bereitet sich auf das elektronische Patientendossier vor. Dieses könnte das Gesundheitswesen revolutionieren.

Urs Moser
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Das elektronischen Patientendossier soll gemäss Plan im Jahr 2017 in Kraft treten.

Das elektronischen Patientendossier soll gemäss Plan im Jahr 2017 in Kraft treten.

Zur Verfügung gestellt

Als Andre Rotzetter vor etwa zwei Jahren mit dem sperrigen Begriff eHealth-Strategie konfrontiert wurde, konnte er damit nicht viel mehr anfangen als die meisten Normalbürger auch.

Als Geschäftsführer des Vereins für Altersbetreuung im oberen Fricktal und Vorstandsmitglied des Spital- und Heimverbands Vaka war er in eine Arbeitsgruppe des Kantons delegiert worden, «um mal zu schauen, was da läuft».

Was da läuft, so Rotzetter heute, ist «eine absolute Schlüsselgeschichte, die wohl wichtigste Neuerung im Gesundheitswesen seit einem Jahrzehnt».

CVP-Grossrat Andre Rotzetter ist dabei zu einem zentralen Player im Kanton geworden, denn im Vorstand des letzten Herbst gegründeten Vereins eHealth Aargau ist er für das Ressort Politik/Organisation verantwortlich. Der Verein hat die Aufgabe, den Weg dafür zu ebnen, dass das elektronische Patientendossier im Kanton realisiert werden kann.

Dabei kommt man jetzt in die heisse Phase. Der Aargauer Regierungsrat entscheidet demnächst darüber, dem Grossen Rat eine Aufstockung des Kredits von 880 000 Franken für das 2011 lancierte, kantonale eHealth-Programm vorzulegen, das dieses Jahr ausläuft.

Und heute Mittwoch behandelt der Nationalrat als zweite Kammer das Bundesgesetz zum elektronischen Patientendossier, das gemäss Plan im Jahr 2017 in Kraft treten soll.

Aufbauarbeit wird konkret

Worum geht es? Nehmen wir ein – zur Veranschaulichung simples – Beispiel: Sie verletzen sich beim Heimwerken an einem rostigen Nagel und gehen notfallmässig zum Arzt, weil die Wunde genäht werden muss. Man wird Sie fragen, wann Sie zum letzten Mal eine Tetanus-Impfung hatten. Aber das wissen Sie nicht, und den Impfausweis haben Sie auch nicht dabei. Mit dem elektronischen Patientendossier ist das kein Problem, dort wäre ihre ganze Gesundheitsgeschichte abrufbar.

Das elektronische Impfdossier war ein vom Kanton unterstütztes Pilotprojekt. Ein erfolgreiches: Im Rahmen der Kampagne wurden 1400 elektronische Impfdossiers eröffnet. Sie hat gezeigt, dass die Bevölkerung gegenüber der Speicherung persönlicher Gesundheitsdaten offen zu sein scheint.

Aber die Lungenliga, die das Pilotprojekt durchführte, hat nicht die Kapazitäten und Ressourcen, die Grundlagen weiter auszubauen und die Sache fortzuführen.

Das sei eine der Aufgaben des Vereins eHealth, erklärt Rotzetter: aufzuzeigen, wie solche Einzelprojekte in die Gesamtstrategie bei der Realisierung des Patientendossiers überführt werden können.

Der Verein ist die Trägerschaft für Leistungserbringer und weitere Organisationen, die nach dem Auslaufen des kantonalen Programms die Umsetzung der Bundesgesetzgebung zum Patientendossier vorantreiben sollen.

Eine zentrale Aufgabe ist derzeit, dafür mit dem Kanton eine konkrete Leistungsvereinbarung auszuhandeln, wobei es natürlich auch um die finanzielle Unterstützung geht.

Namentlich geht es um den Aufbau einer sogenannten Gemeinschaft: eine privatrechtliche Organisation, zum Beispiel eine Aktiengesellschaft, die für die technische Realisierung, Verwaltung der Einwilligungen und Widerrufserklärungen (ein Dossier darf nur mit Zustimmung des Patienten angelegt werden), Verwaltung der Zugriffsrechte etc. verantwortlich ist.

Andre Rotzetter skizziert den Fahrplan: Dieses Jahr soll die Leistungsvereinbarung mit dem Kanton und die Rechtsform der Gemeinschaft geklärt sein. 2016 geht es dann darum, die Gemeinschaft aufzubauen, zum Beispiel auch Aufträge für die technische Realisierung des Patientendossiers zu vergeben.

Ab 2017, wenn das Bundesgesetz in Kraft tritt, soll die Gemeinschaft dann operativ werden können.

Ärzte müssen mitspielen

Der Bund stellt für die Aufbauarbeit (total, für die ganze Schweiz) 30 Millionen zur Verfügung, pro Gemeinschaft aber nicht mehr als eine halbe Million. Und die Beiträge fliessen nur, wenn sich die Kantone im gleichen Umfang beteiligen.

Über den möglichen Kantonsbeitrag äussert sich Urs Zanoni, Leiter Fachstelle Masterplan integrierte Versorgung/eHealth im Departement Gesundheit und Soziales, noch vage.

So oder so müssten die Leistungserbringer als Träger der Betriebsgesellschaft aber ein Mehrfaches der Beiträge der öffentlichen Hand investieren, gibt er zu bedenken.

Grobe Schätzungen gehen von 1,2 bis 2,5 Millionen an einmaligen Aufbaukosten und jährlichen Betriebskosten von 250 000 bis 500 000 Franken für eine Gemeinschaft aus.

Ein Knackpunkt: Es ist noch offen, welche Leistungserbringer die Bundesgesetzgebung zur Mitwirkung am elektronischen Patientendossier verpflichtet. Der Ständerat sah nur die Spitäler vor. Die vorberatende Kommission des Nationalrats, der heute entscheidet, möchte mit einer Übergangsfrist von 10 Jahren auch die frei praktizierenden Ärzte einschliessen.

Abgesehen von der Akzeptanz bei den Patienten (die auf jeden Fall selber entscheiden, ob für sie ein Dossier angelegt wird und wer Zugriff hat) sei es für den Erfolg natürlich entscheidend, dass sich möglichst viele Ärzte beteiligen, so Zanoni.

Sollte es bei der sogenannten doppelten Freiwilligkeit bleiben, wird es eine weitere Aufgabe des Vereins eHealth Aargau sein, hier nach Möglichkeiten für Anreize zu suchen.