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50 Jahre Beznau – oder wie der Aargau zum Atomkanton wurde

Im Aargau finden in den 1950er-Jahre die ersten Experimente zur Nukleartechnik statt, später werden hier drei von fünf Schweizer Kernkraftwerken gebaut. Woher kam diese Begeisterung, wieso endete sie mit dem Bau von Leibstadt 1984 und warum wehte bereits zehn Jahre davor in Kaiseraugst ein ganz anderer Wind? Zeitzeugen und Experten liefern in diesem Film Antworten.

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Stolz, Begeisterung, Applaus. Von Risiken sprach in den 1950er- und 60er-Jahren noch niemand im Zusammenhang mit der Atomenergie. Vielmehr wurde sie als Lösung für den gestiegenen Energiebedarf angesehen, und erst noch als umweltfreundliche.

Am 9. Dezember 1969, vor 50 Jahren, ging das erste Schweizer Kernkraftwerk ans Netz: Beznau I. Auf der gleichnamigen Aareinsel bei Döttingen im Kanton Aargau.

Eintreffen der ersten nuklearen Brennstoffelemente auf der Beznau, wo sie von den Experten einer Prüfung unterzogen wurden. Ein Brennstoffelement besteht aus einem Rohrbündel, wobei die Rohre mit Uranoxydpillen gefüllt sind. 121 solcher Brennstoffelemente bildeten die Brennstoffladung des Reaktors.
24 Bilder
1967: Transport des Atomreaktors nach Beznau.
Das Herzstück des Kraftwerks wird angeliefert: Ende 1697 rollt der erste Reaktor in seiner stählernen Schutzhülle auf das Gelände des AKW Beznau (im Bild rechts) Transportiert wird das rund 150 Tonnen schwere Metallgefäss aus der französischen Schmiede Creusot auf einem speziellen Tieflader der Firma Welti-Furrer.
1966: Bau des Kernkraftwerks Beznau durch das Firmenkonsortium Westinghouse International Atom Power Co. Ltd. und AG Brown Boveri & Cie (BBC).
Nach ungefähr einem Jahr Bauzeit ist das Reaktorgebäude von Block 1 oben bereits mit einer Kuppel geschlossen. Die Aufnahme oben entstand im Rahmen einer Baureportage der Fotoagentur Comet im Herbst 1967. Sie zeigt Arbeiter im Gebäude, wo später der Druckwassereaktor mit 365 Megawatt Leistung installiert wird.
Kommandoraum des Kernkraftwerks Beznau 1969.
Erstmaliges Einsetzen von Brennelementen im Atomkraftwerk Beznau, aufgenommen am 23. Juni 1971.
Ein Würenlinger Versuchsreaktor kommt per Luftpost in der Holzkiste aus den USA in die Schweiz.
Eidgenössisches Institut für Reaktorforschung in Würenlingen 1960.
Am 21. Januar 1969 kam es im Versuchsreaktor in Lucens im Kanton Waadt zu einem schweren Reaktorunfall.
Nach einer Revision wurde der Reaktor wieder angefahren, worauf sich ein schwerer Zwischenfall ereignete.
Nach Problemen mit dem Kühlsystem kam es zu einer partiellen Kernschmelze.
Der Atomunfall im unterirdischen Versuchs-Atomkraftwerk von Lucens 1969 gilt heute als siebtschwerster Reaktorunfall weltweit.
Die Baustelle des Kernkraftwerks Leibstadt am 17. April 1978.
Die Baustelle des Kernkraftwerks Leibstadt am 19. Mai 1981.
Am frühen Morgen des 19. Februar 1979 flog der Informationspavillon beim geplanten Kernkraftwerk Kaiseraugst in die Luft.
Die Kernkraftwerke der Schweiz im Vergleich.
Die Kernkraftwerke der Schweiz im Vergleich.
Blick auf den Reaktor im Kernkraftwerk Leibstadt.
Angestellte des Kernkraftwerks Beznau Block 2 heben am 4. August 2003 während einer Revision den Druckgefässdeckel des Reaktordruckbehälters an. Dabei werden auch die Regelstabführungen und -antriebe geprüft. Im Reaktordruckgefäss befinden sich die Brennelemente.
Blick in das Herz des Reaktors im AKW Beznau.
Am Forschungsreaktor Proteus untersuchten Forschende des PSI die reaktorphysikalischen Parameter von unterschiedlichen Kernbrennstoff-Füllungen.
Transport- und Lagerbehaelter für hochradioaktive Abfaelle stehen im Behälterlagergebaeude im Zwischenlager Zwilag in Würenlingen AG. Die Behälter enthalten verglaste Abfälle aus den Wiederaufbereitungsanlagen und ausgediente Brennelemente aus den schweizerischen Kernkraftwerken.
Gegen die Kernkraft wurde in den letzten Jahren oft demonstriert - so wie hier in Brugg im März 2018. Dieses Wochenende wollen jedoch die Befürworter auf die Strasse gehen.

Eintreffen der ersten nuklearen Brennstoffelemente auf der Beznau, wo sie von den Experten einer Prüfung unterzogen wurden. Ein Brennstoffelement besteht aus einem Rohrbündel, wobei die Rohre mit Uranoxydpillen gefüllt sind. 121 solcher Brennstoffelemente bildeten die Brennstoffladung des Reaktors.

RBA Ringier Bildarchiv

Dies Jahre, nachdem die Geschichte der Atomkraft ihre Anfänge nahm – ebenfalls im Unteren Aaretal im Aargau. In Würenlingen gab es 1957 den ersten Schweizer Versuchsreaktor, 1960 den zweiten. Man forschte an der Energiegewinnung, aber auch an Atomwaffen. Aus dem damaligen EIR, dem Eidgenössischen Institut für Reaktorforschung, ist das heutige Forschungszentrum Paul Scherrer Institut, kurz PSI, hervorgegangen.

Zeitgeschichte Aargau – forschen und vermitteln

«Zeitgeschichte Aargau» ist ein Forschungs- und Vermittlungsprojekt der Historischen Gesellschaft Aargau. Ein Team aus acht Historikerinnen und Historikern erarbeitet die wissenschaftlichen Grundlagen für die Vermittlung der Aargauer Zeitgeschichte zwischen 1950 und 2000 in verschiedenen Formaten. Der Aargauer Regierungsrat hat beschlossen, das Unterfangen mit Geldern aus dem Swisslos-Fonds zu finanzieren. Mit der Aargauer Zeitung besteht eine Medienkooperation, zudem wird das Projekt von SRF, der Bildagentur Keystone und mehreren Stiftungen unterstützt.

Mehr dazu unter zeitgeschichte-aargau.ch

Auch das letzte Schweizer Atomkraftwerk ist im Aargau gebaut worden, 1984 in Leibstadt. Wie kam es zu dieser Ballung an nuklearen Anlagen, wie ist der Aargau zum Atomkanton worden? Dieser Frage ging das Projekt «Zeitgeschichte Aargau» mit diesem Film nach. Zeitzeugen berichten, wie sie die Entwicklungen zwischen 1955 und 1985 erlebt haben, Experten ordnen die wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation damals ein.

In der Geschichte der Atomenergie im Aargau fällt nur eine Episode aus dem Rahmen: Kaiseraugst. Dort hätten im April 1975 die Bauarbeiten für ein weiteres Kernkraftwerk beginnen sollen. Stattdessen verhinderte ein breiter Widerstand dieses Projekt. Mit einer elf Wochen dauernden Besetzung. Wir trafen Vertreter der damaligen «Gewaltfreien Aktion» auf dem noch immer brachliegenden Gebiet und schauten mit ihnen nicht nur zurück, sondern auch in die Zukunft.

Beznau: Eine der ältesten Anlagen der Welt

Beznau I ist einer der ältesten von weltweit 449 Reaktoren, die derzeit gemäss der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) in Betrieb stehen. Wie Block I sind fünf weitere momentan aktive Reaktoren dieses Jahr 50 Jahre alt geworden.

Nur die beiden Blöcke in Tarapur in Indien sowie die beiden Werke Oyster Creek und Nine-Mile-Point-1 in den USA sind einige wenige Monate, beziehungsweise Tage, länger am Netz.

Zusammen mit dem baugleichen, 1972 in Betrieb genommenen Block II produzierte das AKW Beznau mit seinen zweimal 365 Megawatt Leistung rund 6000 Gigawattstunden Strom pro Jahr. Dies entspricht ungefähr dem doppelten Stromverbrauch der Stadt Zürich.

Wie lange Beznau I und II noch weiterlaufen, ist ungewiss. Auch wenn weltweit momentan fast 50 neue AKW in Bau sind, ist der Bau neuer Kernanlagen in der Schweiz derzeit tabu. Mit der Verabschiedung der Energiestrategie 2050 wurde auch der schrittweise Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen.

(pze/smo/sda)