Fricktal

Wer bei Pfarrhäusern anklopft, dem wird oft gegeben

Bettler klopfen gerne an die Pforten der Pfarrhäuser. Sie erhoffen sich schnelle (Geld-)Hilfe. Vier Seelsorger über ihren Umgang mit den Bittstellern.

Thomas Wehrli
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Viel Geld gibt es nicht, wenn man an einer Pfarrhaustür klingelt. (Symbolbild)

Viel Geld gibt es nicht, wenn man an einer Pfarrhaustür klingelt. (Symbolbild)

Keystone

Der Dreisatz ist simpel und erinnert an die Syllogismen griechischer Philosophen. Erste Prämisse: Jesus half den Benachteiligten. Zweite Prämisse: Die Seelsorger folgen dem Beispiel Jesu nach. Schlussfolgerung: Auch die Seelsorger müssen den Benachteiligten helfen. Dass dem so ist, zeigt ein Blick auf die Kollektenverwendung der Pfarreien. Doch wie verhalten sich die Seelsorgenden, wenn ein Hilfesuchender an ihre Türe klopft? Sie helfen. Zumeist.

In Frick kommt es laut Pfarrer Thomas Sidler im Schnitt drei- bis viermal pro Woche vor, dass ein Hilfesuchender an der Pfarrhaustüre klingelt und um Geld bittet. «Manchmal kommen drei an einem Tag, manchmal kommt wochenlang keiner», erzählt er. In den Nachbargemeinden Gipf-Oberfrick und Oeschgen sind es «deutlich weniger», wie die beiden Gemeindeleiter unisono sagen.

Martin Linzmeier, Gemeindeleiter von Gipf-Oberfrick: «Jeder Mensch hat aber ein Recht darauf, seine Geschichte zu erzählen.»

Martin Linzmeier, Gemeindeleiter von Gipf-Oberfrick: «Jeder Mensch hat aber ein Recht darauf, seine Geschichte zu erzählen.»

Thomas Wehrli

Einer der Gründe: «Wir liegen nicht an einer Hauptverkehrsachse wie Frick», erklärt der Oeschger Gemeindeleiter Bernhard Lindner. Denn ein Teil der Leute, die an die Pfarrhauspforten klopfen, sind Fahrende aus der Schweiz oder dem Osten. Und die konzentrieren sich gerne auf die Autobahn-Gemeinden. Ob sie sich, wie das des Öftern kolportiert wird, gegenseitig mit Kreide ein Zeichen geben, in welchem Pfarrhaus viel und wo nichts zu holen ist, weiss Sidler nicht. «Gehört habe ich davon aber auch schon.»

Einkaufsgutschein oder Bargeld

Wobei: «Viel» gibt keiner der befragten Seelsorger. Die Spanne schwankt zwischen nichts, einem Einkaufsgutschein über 5 Franken bis hin zu einem Barbetrag von 20 oder – in Ausnahmefällen – auch mal 50 Franken. Auf Einkaufsgutscheine setzen beispielsweise Bernhard Lindner und Verena Salvisberg, reformierte Pfarrerin in Frick. «Ich gebe Migros-Gutscheine ab, weil diese nicht für Alkohol eingesetzt werden können», sagt Salvisberg. Denn eine zweite Gruppe von Bettlern sind Randständige, bei denen «Alkohol oft ein Thema ist». Martin Linzmeier, Gemeindeleiter von Gipf-Oberfrick, relativiert aus seiner Erfahrung in Spreitenbach: «Auch Gutscheine sind handelbar.» Er gibt, wenn er gibt, deshalb 20 Franken bar auf die Hand.

An seiner Haustüre klingen auch immer wieder abgetauchte Asylbewerber mit einem Negativentscheid, Menschen also, die sich illegal in der Schweiz aufhalten. «Auch sie haben ein Anrecht auf Hilfe in der Not», ist Linzmeier überzeugt.

Geschichten sind nicht immer wahr

Die Geschichten, die er und seine Kollegen zu hören bekommen, sind mannigfaltig, oft schwer überprüfbar – und nicht immer wahr. Das weiss auch Linzmeier. «Jeder Mensch hat aber ein Recht darauf, seine Geschichte zu erzählen.» Bisweilen fällt diese beim Nachfragen wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Als Salvisberg einmal einem Mann, der Geld für ein Zugbillett wollte, anbot, ihn zum nahen Bahnhof zu begleiten und das Billett zu lösen, verzog er nur die Miene. Für Salvisberg ist jedoch klar: Auch wenn eine Geschichte erfunden ist, «hat niemand das Recht, über diesen Menschen den Stab zubrechen». Ein dritter Kundenkreis an den Pfarrhauspforten sind «Stammkunden», die alle paar Wochen vorbeikommen. Sie wissen schnell, wo sie klingen müssen – und wo nicht. Denn längst nicht jeder Seelsorger gibt etwas. «Etliche sagen konsequent: Nein», weiss Salvisberg. Das wirkt sich laut Sidler auch auf die Klingelfrequenz aus: «An Pfarrhaustüren, wo es selten bis nie etwas gibt, läuten deutlich weniger.»

Manchmal erzählen die Bittsteller herzzerreisende Geschichten und brauchen dringend mehrere hundert Franken, um aus dem Elend zu kommen. Hier sind die Seelsorger vorsichtig. Zum einen, weil dies detaillierte Abklärungen voraussetzen würde «und mir dafür die Zeit und die Erfahrung fehlen», so Sidler. Er verweist solche Fälle an den kirchlich regionalen Sozialdienst. Zum anderen «hätte ich auch Hemmungen, grössere Summen unkritisch auszugeben». Zwar können die Pfarrherren und Gemeindeleiter auf ein «Kässeli» für soziale Zwecke zugreifen, doch eben: Das Geld kommt auch da nicht von oben.