Gipf-Oberfrick

Warum ich meine Kinder vegan ernähren will

Nancy Holten ist Veganerin aus Überzeugung. Auf ihren Tisch in Gipf-Oberfrick kommt kein Fleisch. Für sie steckt zu viel Leid hinter tierischen Produkten. Auch ihre drei Kinder will sie vegan ernähren.

Nancy Holten*
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Nancy Holten ist Mutter dreier Kinder und ernährt sie vegetarisch oder vegan.

Nancy Holten ist Mutter dreier Kinder und ernährt sie vegetarisch oder vegan.

Emanuel Freudiger

«Bah! Da hat es Gelatine drin.» Meine 10-jährige Tochter Amelie rümpft die Nase und stellt die Gummibärchen ins Regal zurück. Ja, so geht es zu bei uns Veganern, wenn wir einkaufen. Kennen Sie den Witz? «Wie erkennt man einen Veganer im Supermarkt? Er studiert sogar beim Salat die Zutatenliste.» Das hat was Wahres. Vegan zu leben, ist eine echte Herausforderung. Jedenfalls anfangs. Mit der Zeit wird es aber einfacher.

Ich werde immer wieder gefragt, warum ich vegan lebe. «Das ist doch so kompliziert», meinen viele. Ist es wegen der Ausbeutung der Tiere oder wegen der eigenen Gesundheit – oder hat es ökologische Gründe? Nun, es ist von allem etwas. Auch die Herausforderung, nicht stehen zu bleiben, sich weiter zu entwickeln, spielt eine Rolle.

Das war nicht immer so. Ich liebte Fleisch. Meine Gerichte verfeinerte ich mit viel Käse und Speck. Doch dann bemerkte ich immer häufiger, dass mein Magen nach fleischhaltigen Menüs rebellierte. Deshalb fing ich an, meinen Fleischkonsum zu reduzieren, bis ich schliesslich ganz auf Fleisch verzichtete. Es ging mir besser.

Ich interessierte mich immer mehr für Themen rund um den Tierschutz. Mir wurde bewusst, wie viel Leid hinter tierischen Produkten steckt. So stellte ich nach einem Jahr Vegetarierin auf vegan um. Das war vor acht Jahren.

Ich leiste mir allerdings ab und zu ein paar Pralinés oder einen Cake. Ich bin sehr dankbar, dass meine Bäckerei auf mein mehrmaliges Nachfragen nun vegane Sandwiches anbietet. Das Sortiment wird laufend aufgestockt, es gibt nun auch Sojarahm für den Kaffee, vegane Biscuits und Pralinés.

Für meine Kinder kaufe ich die Produkte, die sie gerne möchten. Die 14-jährige Samira möchte meist Kuhmilch und ein paarmal im Jahr auch Eier. Fleisch kaufe ich jedoch nicht.

Samira hat wieder angefangen, Fleisch zu essen, davor hat sie vier Jahre lang vegetarisch gegessen. Wahrscheinlich habe ich zu viel Druck auf sie ausgeübt, und sie hat mir zuliebe auf Fleisch verzichtet. Nun isst sie Fleisch auswärts.

Die 10-jährige Ladina ist seit letztem Jahr Vegetarierin. Und Amelie, die Zwillingsschwester von Ladina, ernährt sich seit fast vier Jahren vegetarisch und verzichtet fast ganz auf tierische Produkte. Seit ich selber umgestellt habe, versuche ich meinen Kindern aufzuzeigen, woher die Würstchen in ihrem Hotdog kommen, dass sie von liebesfähigen Kreaturen stammen.

Anfangs war ich etwas militant, wie das meistens der Fall ist, wenn man sich für etwas Neues begeistert. Ich habe den Kindern auch unschöne Szenen im Internet oder im Fernsehen über den Fleisch- und Milchkonsum und deren Zusammenhänge gezeigt. Ich wollte, dass sie ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie Fleisch essen. Meine Älteste hat mir zu erkennen gegeben, dass das zu viel gewesen sei, ich einfach nur besserwisserisch gewirkt habe.

Ich möchte den Menschen nichts verbieten, sondern ihnen Alternativen aufzeigen, dass es möglich ist, sich und seine Kinder gesund und ausgewogen mit Pflanzenkost zu ernähren.

Ich spreche nicht von Verzicht: Wir sind auch Fastfood-Geniesser und genehmigen uns regelmässig einen veganen Burger oder eine Pizza. Den Käse ersetzen wir einfach mit mehr Tomatensauce, damit sie schön saftig bleibt.

Zum Dessert gibt es vegane Schokolade, Gummibärchen aus dem Bioladen oder selbst gemachtes Bananeneis. Wenn meine Kinder bei Freunden essen, kochen die Eltern mittlerweile gerne etwas Vegetarisches oder sogar Veganes.

Kommen andere Kinder zu uns zu Besuch, sind sie fasziniert, wie vielfältig wir zu Hause essen: Von veganem Fondue, Raclette bis Nuggets ist alles dabei. Solange Kinder Ketchup zur Hand haben, essen sie eh fast alles.

Immer wieder versuche ich ihnen, selbst gemachtes Ketchup unterzumogeln, aber das wollten sie bis jetzt nicht akzeptieren. Bei der Anmeldung für das Sommer- und das Herbstlager gab es auf dem Anmeldeformular das erste Mal ein Kästchen mit dem Begriff «Vegetarier» zum Ankreuzen. Im Herbstlager waren meine Kinder die einzigen Vegetarier, im Sommerlager gab es immerhin schon vier. Ich sehe das als kleinen Fortschritt an.

Um das wichtige Vitamin B12 abzudecken, nehmen wir regelmässig das vegane Floradix, welches auch gut für die Eisenwerte ist. Bei meinem letzten Blutcheck war mein Arzt von meinen B12-Werten begeistert.

Dass die vegane Ernährung von Kindern funktioniert, bestätigt auch der Chefarzt des Kantonsspitals St. Gallen, Dr. Josef Laimbacher. Er äusserte sich zu den von ihm behandelten mangelernährten, veganen Kindern wie folgt: «Das waren Extremfälle. Es ging um die verpasste Aufnahme von zusätzlichem B12.»

Natürlich möchte ich, dass meine Kinder möglichst wenig tierische Produkte essen. Aber ich akzeptiere auch ihren Weg. Jeder von uns ist individuell, und das sollte respektiert werden.

Doch ich habe einmal, als ich bei einem Masttierstall vorbeikam und den jungen Kälbchen dort in die Augen sah, versprochen, dass ich alles tun werde, um künftiges Leiden ihrer Brüder und Schwestern zu vermeiden. Und das tue ich mittels Aufklärung, wo ich nur kann.

*Nancy Holton ist Autorin. Die gebürtige Holländerin ist freie Journalistin und Mutter dreier Kinder. Sie wohnt in Gipf-Oberfrick.