Gipf-Oberfrick

Stosspunkt Tempo 30: Die AZ beantwortet elf zentrale Fragen

Die Gemeinde bringt eine alte Idee: Tempo 30. Das wird zu reden geben.

Thomas Wehrli
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Ausgenommen vom Tempo-30-Regime ist die Landstrasse; sie soll den Quartierverkehr aufnehmen und ihn Richtung Frick oder Aarau befördern. dka

Ausgenommen vom Tempo-30-Regime ist die Landstrasse; sie soll den Quartierverkehr aufnehmen und ihn Richtung Frick oder Aarau befördern. dka

Dicke Post für die Einwohner von Gipf-Oberfrick: Der Gemeinderat hat den «kommunalen Gesamtplan Verkehr» zur Mitwirkung freigegeben. Im 88 Seiten starken Dokument wird auch ein Thema erneut aufgegriffen, das im Dorf schon für viel Diskussionen und erhitzte Gemüter gesorgt hat: Tempo 30. Der Plan schlägt vor, das Verkehrsregime flächendeckend auf allen Quartierstrassen im Dorf einzuführen. Das wird zu reden geben. Die AZ beantwortet elf zentrale Fragen.

1. Tempo 30? Gipf-Oberfrick? War da nicht was?

Richtig, Tempo 30 war in Gipf-Oberfrick schon zweimal ein Thema. Und beide Male wurde die Temporeduktion vom Souverän ausgebremst. Erstmals vor 15 Jahren. 421 Personen reichten 2002 eine Petition für Tempo 30 in den Quartieren ein. Der Gemeinderat war wenig begeistert. Er brachte den Kredit für das Verkehrsgutachten, das vor der Tempo-30-Einführung gemacht werden muss, nolens volens an die Gemeindeversammlung – empfahl aber, den Kredit abzulehnen. An der Gmeind kam es im November 2003 zum Showdown: 177:177 Stimmen hiess es nach Auszählung der Stimmen. Der damalige Gemeindeammann Andreas Schmid gab den Stichentscheid – gegen Tempo 30. Das Referendum kam zwar zustande, in der Urnenabstimmung fiel das Anti-Tempo-30-Verdikt aber mit 678:275 überaus deutlich aus.

2009 brachte der Gemeinderat von sich aus Tempo 30 auf die politische Strasse. Diesmal sagte der Souverän an der Gemeindeversammlung Ja zum Planungskredit. Dagegen wurde das Referendum ergriffen; innert zehn Tagen kamen 324 Unterschriften zusammen. An der Urne ging dann Tempo 30 mit 493:332 bachab.

2. Anfahren, ausbremsen, anfahren, ausbremsen. Warum gibt man jetzt wieder Gas bei Tempo 30?

Das hat verschiedene Gründe. Zum einen blieb Tempo 30 immer, zumindest latent, ein Thema im Dorf. Das zeigte auch die Bevölkerungsbefragung vor drei Jahren. Hier sagten, gefragt nach dem Investitionsbedarf beim Individualverkehr, 375 Personen, man solle in Tempo 30 investieren. 352 sagten: Man solle alles so belassen, wie es ist. Zum anderen spielen Sicherheitsüberlegungen mit. Mit Tempo 30 oder Begegnungszonen wolle man «das Wohlbefinden und die Sicherheit der schwächeren Verkehrsteilnehmer» erhöhen, ist im kommunalen Gesamtplan Verkehr nachzulesen.

4. Aha! In den Gipf-Oberfricker Quartieren wird also gerast!

Nein, das zum Glück nicht. Die Gemeinde liess die Geschwindigkeit an Quartiersammelstrassen messen; diese gelten als «kritische Orte». Dazu zählen die Trottgasse, die Bergstrasse, der Gerenweg, der Kornbergweg und der Rüstelweg. Das Ergebnis: Tempo 50 wird recht gut eingehalten, nur wenige fuhren zu schnell. Diese gaben dafür gehörig Gas: Die Spitzengeschwindigkeiten lagen, je nach Strasse, bei 60 bis fast 80 km/h.

Die «v85», also jene Geschwindigkeit, die von 85 Prozent nicht überschritten liegt, schwankte zwischen 40 und 45 km/h.

5. Das ist doch recht vorbildlich. Weshalb will die Gemeinde dann trotzdem Tempo 30 prüfen?

Weil «v85» eben doch deutlich über Tempo 30 liegt und der motorisierte Verkehr damit ein grösseres Gefahrenpotenzial birgt.

6. Was spricht für Tempo 30?

Hier schöpft der Bericht aus dem Vollen. Im Schnelldurchlauf: Der Anhalteweg ist bei Tempo 30 nur halb so lang wie bei Tempo 50; die Unfallfolgen sind weniger gravierend; der Aufmerksamkeitsbereich der Autofahrer ist bei niedrigerer Geschwindigkeit höher; der Treibstoffverbrauch und die Schadstoffemissionen sind tiefer; der Schleichverkehr kann reduziert werden.

7. Da brummt einem fast der Schädel ob dieser temporeichen Aufzählung. Bringt man eine Geschwindigkeitsreduktion nicht auch ohne Tempo 30 hin?

Doch, mit baulichen Massnahmen, Fahrverboten und Gestaltungselementen. Laut dem Bericht hat dies allerdings den Nachteil, dass jeder frei bleibt, 50 zu fahren und die Polizei nicht einmal den Mahnfinger, geschweige denn den Bussenzettel schwingen kann.

8. Frick macht es vor: Tempo 30 kommt hier auf leisen Sohlen und wird quartierweise eingeführt. Wäre das nicht auch eine Möglichkeit?

Sicher, Gipf-Oberfrick ging aber schon immer nach dem Motto: alle oder keine. Auch der neue Gesamtplan Verkehr sieht vor, Tempo 30 flächendeckend auf allen Gemeindestrassen einzuführen. Ausgenommen ist natürlich die Landstrasse. Sie ist die Hauptachse, die Verkehrs-Pulsader, wenn man so will. Der motorisierte Verkehr soll auf dieser Hauptachse abgewickelt werden, heisst es im Planwerk.

9. Tempo 30 auf allen Gemeindestrassen – das wird teuer!

Nicht unbedingt, sagt der Bericht. «Die meisten Quartiererschliessungsstrassen können ohne weitere bauliche Massnahmen in Tempo-30-Zonen integriert werden», sind die Planer überzeugt. Sie sprechen von «Erkennungsmassnahmen» wie Eingangstor, Markierung, Rechtsvortritt und Tempo-30-Signet. Nur auf einigen Quartiersammelstrassen dürften «punktuelle bauliche Massnahmen» notwendig sein. Auf konkrete Zahlen mag man sich nicht festlegen. Die Erstellung des Verkehrsgutachtens wird zwischen 15 000 und 20 000 Franken kosten, alles weitere sei von den Massnahmen abhängig.

10. Wenn schon, denn schon, könnte man sagen – und gleich Begegnungszonen mit Tempo 20 einführen.

Das ist nicht das Ziel. Allerdings hält der Bericht fest: «Für einige sehr sensible Wohnstrassen/Spielstrassen und im Umfeld der Schule wäre auch die Umsetzung von Begegnungszonen denkbar. Dies dürfte eine sanfte Umgestaltung des Strassenraums erfordern.»

11. Wie will der Gemeinderat bei Tempo 30 einfahren? Mit Vollgas oder «slow down»?

Wohl mit einem typisch schweizerischen Kompromiss. Der Bericht nennt lediglich einen Zeithorizont: «kurz- bis mittelfristig». Zuerst einmal muss der kommunale Gesamtplan Verkehr selber genehmigt sein. Das wird noch dauern. Als nächste Schritte stehen bei Tempo 30 sodann die Erstellung eines verkehrstechnischen Gutachtens und die Gemeindeversammlung auf der Fahrroute, Pardon: dem Fahrplan. Und spätestens an der Gemeindeversammlung dürfte es wieder hitzig zu- und hergehen. Aber Vorsicht, hätte «Cool Man» Peter Steiner dazu wohl gesagt, «it’s hot man!»