Explosion in Gansingen

Psychiater Josef Sachs: «Derartige Taten kündigen sich häufig an»

Hausbesitzer A. und seine 50-jährige Freundin starben vor der verheerenden Explosion an Schussverletzungen. Gerichtspsychiater Josef Sachs spricht im Interview über Suizide, Zerstörung und die schwierige Verarbeitung.

Thomas Wehrli
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«Es gibt Leute, die möglichst viele Zuschauer wollen und beispielsweise von einer belebten Brücke springen», sagt Josef Sachs.

«Es gibt Leute, die möglichst viele Zuschauer wollen und beispielsweise von einer belebten Brücke springen», sagt Josef Sachs.

Dennis Kalt/Sandra Ardizzone

Josef Sachs, A. erschoss seine Freundin und tötete sich dann selbst. Was führt einen Menschen dazu, jene Person, mit der er zusammen ist oder war, mit in den Tod zu reissen?

Josef Sachs: Das kann unterschiedliche Gründe haben. Es kann sich um einen erweiterten Suizid handeln, das heisst, A. wollte sich das Leben nehmen, aber er war derart eng mit der Partnerin verbunden, dass er sie nicht ohne sich leben lassen wollte. Vielleicht dachte er auch, dass sie nicht ohne ihn leben kann.

Ist auch ein Doppelsuizid denkbar?

Ja, auch solche Fälle gibt es. Einer der Partner, oft der Mann, übernimmt die Aufgabe, den Suizid auszuführen. Es gibt noch eine dritte Möglichkeit: Der Mann plante gar nicht, Suizid zu begehen, sondern sein Motiv war, seine Partnerin zu töten. Danach richtete er sich selber. Was in diesem Fall zutrifft, kann ich nicht sagen. Dazu ist die Datenlage zu dürftig.

Kommen gemeinschaftlich
begangene Suizide häufig vor?

Nein, sie sind eher selten, aber es gibt sie. So schied das Schauspieler-Ehepaar Horst und Herta Keitel vor zwei Jahren gemeinsam aus dem Leben.

Noch am 25. Januar veröffentlichte A. ein Foto von sich und vermutlich seiner Freundin auf Facebook. Beide sehen darauf glücklich aus. Kann ein Umschwung derart schnell kommen?

Suizidideen können innert kurzer Zeit auftreten. Sie können durch einen Konflikt ausgelöst werden, aber auch durch eine psychische Krankheit, beispielsweise eine Depression.

Das kann relativ schnell gehen?

Ja, Suizidgedanken treten meist innert weniger Wochen auf, wenn jemand entsprechend veranlagt ist. Meistens gibt es aber Vorboten, Tiefs, die Monate oder sogar Jahre zuvor auftreten.

Der Brand wurde gelegt. Was treibt einen Menschen dazu, nicht nur sich und die Partnerin zu töten, sondern auch das Haus in die Luft zu jagen?

Es gibt verschiedene Motive. Häufig will man mit dem Brand Spuren beseitigen. Dieses Motiv findet man bei Straftaten oder weil sich die Leute für das, was sie getan haben, schämen und nicht wollen, dass der genaue Tathergang bekannt wird. Möglich ist aber auch, dass A. derart gekränkt war, dass er nicht unauffällig aus dem Leben gehen, sondern der Welt noch zeigen wollte, was sie mit ihm angerichtet hat. Hier reden wir in der Psychiatrie von einer narzisstischen Kränkung. Es gibt Leute, die möglichst viele Zuschauer wollen und beispielsweise von einer belebten Brücke springen. Dies ist dann ein letzter Aufschrei, um auf das eigene Elend aufmerksam zu machen.

Kann es auch sein, dass man einfach alles vernichten will?

Das kommt vor. Der Betreffende will so verhindern, dass sein Haus in andere Hände übergeht. Sei es, weil er in Konkurs ist, sei es, weil ein Erbschaftsstreit tobt. Man macht alles kaputt, um über den Tod hinaus den eigenen Willen durchzusetzen.

Zurück bleiben Familienangehörige, in Fall von A. zwei Kinder. Eine solche Tat ist für sie noch schwerer zu ertragen, als ein einfacher Suizid.

Das ist so. Doch jemand, der sich umbringen will, denkt in diesem Moment nicht daran, was die Angehörigen ertragen müssen.

Können die Kinder das Geschehene je verarbeiten?

Das ist schwierig zu sagen. Klar ist: Je schlechter man ein Ereignis rekonstruieren kann, je mehr im Dunklen bleibt, desto schwerer fällt die Verarbeitung. Viele brauchen dabei auch Hilfe.

Mehrere Personen, die A. im Dorf kannten, sagen, er habe sich in letzter Zeit zurückgezogen. Sie fragen sich nun: Hätten wir den Suizid verhindern können?

Derartige Taten kündigen sich häufig an. Im Nachhinein entdeckt man dann oftmals Anzeichen, bei denen man hätte hellhörig werden können. Nur: In der Nachschau ist man immer klüger. Wenn man in der Situation ist, fällt die Beurteilung dagegen viel schwerer. Deshalb sollte sich niemand Vorwürfe machen. Eine Lehre sollte man aber trotzdem ziehen: Wir müssen wieder mehr aufeinander achten.

Die Betroffenheit in der Gemeinde ist sehr gross. Was braucht es, um das Ereignis als Gemeinschaft zu verarbeiten?

Hilfreich ist eine gemeinsame Trauerfeier oder ein anderes Ritual, bei dem man zusammenkommt. Dazu kann ich nur raten.

In Gansingen explodierte am frühen Sonntagmorgen, 19. März 2017, ein Einfamilienhaus. Das Feuer brach am frühen Sonntagmorgen in einem Einfamilienhaus in der Fricktaler Gemeinde Gansingen aus.
12 Bilder
Die Flammen zerstörten das Haus weitgehend.
Nachdem die Feuerwehr den Brand gelöscht hatte, bargen Rettungskräfte zwei Leichen aus dem Innern der Brandruine.
So wüteten die Flammen am Sonntagmorgen.
Die Flammen griffen auch auf ein Haus in der Nachbarschaft über.
Die Flammen zerstörten das Haus weitgehend.

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Peter Rippstein