Frick

Musik ist sein Leben: Walter Fischer, der Leidenschaftliche

Walter Fischer war Kirchenmusiker, Dirigent, Lehrer und Musikschulleiter. Nun hat er auch sein letztes Steckenpferd, den Job als Organist, abgegeben. Engagiert bleibt er aber auch im Unruhestand.

Thomas Wehrli
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Mit Stift und Stimme: Walter Fischer hat als Lehrer, Dirigent und Musiker in Frick viel bewirkt; an der Wand in seinem Keller, wo er auch eine alte Schulbank aufbewahrt, hängen einige Poster der Konzerte, die er mit seinen Chören aufgeführt hat. Thomas Wehrli

Mit Stift und Stimme: Walter Fischer hat als Lehrer, Dirigent und Musiker in Frick viel bewirkt; an der Wand in seinem Keller, wo er auch eine alte Schulbank aufbewahrt, hängen einige Poster der Konzerte, die er mit seinen Chören aufgeführt hat. Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

Der letzte Akkord. Verklungen. 38 Jahre lang war Walter Fischer, kurz: fi, Kirchenmusiker von Frick, war es mit viel Leidenschaft, war es in Dur- wie in Mollzeiten. Vor kurzem griff er ein letztes Mal in die Tasten, die zwar nicht die Welt bedeuten, die aber doch jeden Gottesdienst um die Note ergänzen, die ihn ein Stückchen näher gen Himmel rücken lassen. Die Note, die das Wort, das mitunter schwere, um die jubilierende Note bereichert und so das verkörpert, was Kirche ist, was sie sein muss: Licht und Schatten. Tod und Auferstehung.

In dulci jubilo, singet und seid froh. Diese Leichtigkeit, durchaus geerdet im Leben, spürt man, wenn man Fischer, 75, zu Hause besucht. Nein, das Aufhören sei ihm, dem Vollblutmusiker, der zeitlebens Vollgas – man könnte auch sagen: der zeitlebens das hohe C gab, nicht schwergefallen. «Alles hat seine Zeit», so Fischer, und er habe sich genügend Zeit genommen, sich auf die Zeit nach der Zeit – auf den Unruhestand also – vorzubereiten.

Der richtige Zeitpunkt

Fischer schmunzelt und seine Augen verraten den Schalk, für den er legendär ist: «Ich wollte überall aufhören», sagt er dann, «bevor jemand sagt: Es wäre an der Zeit.» Das ist ihm auch stets gelungen. Ob als Lehrer, Musikschulleiter, Chorleiter oder eben jüngst als Kirchenmusiker - immer hiess es: «Schade, dass du aufhörst; du hinterlässt eine grosse Lücke.»

Für einen Moment, einen kurzen nur, verschwindet das Lächeln, dieses Tremolo, das jeden, der sich in seiner Nähe befindet, erfasst, ihn befällt, Widerstand zwecklos - für einen kurzen Moment versiegt es, macht einer ernsten Miene Platz. Dass die Lücken auf den Kirchenbänken immer grösser werden, stimmt auch Fischer nachdenklich.

Dass nun aber viele Seelsorger dem Schwund mit neuer Musik, hip und hop, oft ab CD eingespielt, stoppen wollen, bedrückt ihn. «Die Kirchenmusik hat es heute schwer», sagt Fischer und schiebt gleich nach: «Auch ich habe viel Neues ausprobiert. Aber irgendwie muss ein Gottesdienst doch sich selber bleiben.» Diese Veränderungen in der Kirche haben ihm das Abschiednehmen auch etwas erleichtert.

Die gute Seele zu Hause

Fischer wischt den Gedanken, den schweren, weg, lächelt schon wieder und lässt den Blick von Esstisch in die gute Stube schweifen. Gemütlich ist sie, ein Sammelsurium an Musikinstrumenten und Spielsachen, eine Reminiszenz an das Gestern im Heute, eine Ovation im Heute für das Morgen.

9 Grosskinder haben er und seine Frau Charlotte, die gute Seele, die ihm in all den Jahrzehnten den Rücken frei hielt, die dafür sorgte, dass seine Leidenschaft zu Hause keine Leiden schuf, die Kinder und Haus perfekt managte und die, ganz nebenbei, noch «Telefonistin» in der von ihm 1979 initiierten Musikschule war. 9 Grosskinder, das gibt zu tun, das hält jung. Sie füllen einen Teil der Zeit, die frei wurde, sind der Akkord in Dur, auch wenn sie mal in Moll gestimmt sind.

Rentner haben kaum Zeit, hört man oft, und bei Fischer stimmt das voll und ganz. Weil er, der Engagierte, sich weiter engagiert, weil es ihn ohne soziale Hilfsbereitschaft nicht gibt, nicht geben kann, weil für ihn das Für-andere-da-Sein nicht ein Muss ist, sondern eine Selbstverständlichkeit. Das Leben. Er arbeitet ehrenamtlich für die Stiftung MBF, steht dem Roten Kreuz als Fahrer zur Seite, begleitet das Singen im Altersheim.

Der Was-muss-muss-Mann

Was treibt ihn an, was drängt ihn vorwärts? Fischer zuckt die Schultern. «Wenn ich das Gefühl habe, es brauche etwas, dann mache ich es eben.» Selbst ist der Mann. Das war in den 1970er-Jahren so, als er sah: das Musizieren kommt an der Fricker Schule, wo er als Lehrer tätig war, zu kurz – und kurzerhand die Musikschule ins Leben rief. «Was muss muss», singt Herbert Grönemeyer in einem seiner Songs; der Satz könnte von Fischer stammen.

Sein erstes Vorbild hatte er in seinem Vater. Selber Lehrer, Kirchenchorleiter, Organist. Ein Mann der Tat, auch so ein Was-muss-muss-Mann eben. Dass man wegsieht, wenn man sieht, dass es etwas braucht, kann Fischer nicht nachvollziehen. «Wenn man ein Defizit erkennt, muss man doch etwas dagegen tun.» Er hat es immer getan. Geholfen hat ihm dabei stets, dass er ein guter Organisator war, ein guter Rechner auch. «Als Adjutant lernt man im Militär beides», meint er augenzwinkernd.

Musik öffnet die Herzen

Musik ist Trumpf. Musik ist Fischer. Wenn er über den Sinn der Musik doziert, wenn er den Finger mahnend erhebt und davor warnt, die Musik an der Schule als Nebensächlichkeit abzutun, dann spürt man es, dieses Feuer, das nie erlöschen wird, dieses Allegro, das sich in ein Fortissimo ergiesst.

«Die Musik öffnet das Herz», meint er. «Der Singunterricht ist eines jener wenigen Fächer an der Schule, von denen man ein Leben lang etwas hat.» Fischer redet sich in Fahrt. «Die Stimme ist dein Instrument, das du per Geburt mit bekommst. Mit ihr kannst du alle Gefühle ausdrücken.» Er weiss auch: «Das Singen kann einen aus der Tristesse des Alltages herausholen», kann Medizin sein für die Seele, kann (fast) zur Ekstase führen.

Dies erlebte er immer wieder, wenn er mit seinen Chören auftrat. Wenn sie an den Konzerten über sich hinauswuchsen, wenn sie ganz grosses Kino für die Ohren boten, «dann war das der schönste Lohn. Allein dafür hat sich die ganze Arbeit ausbezahlt.»

Fischer, der Wanderer zwischen den Zeiten, lächelt. Er ist, bei allem Erfolg, eines geblieben: ganz Mensch, ganz bescheiden. Einen «guten Hilfsarbeiter» nennt er sich bei der Gartenarbeit. Ein begnadeter Vorarbeiter war und ist er in allen musikalischen Belangen. «Mit Musik kann man wahnsinnig viel in Bewegung bringen», sagt er. Er hat es vorgelebt.