Kultur und Pandemie
Das Coronajahr hat die Digitalisierung in den Fricktaler Bibliotheken beflügelt

Die Fricktaler Bibliotheken haben sich 2020 vom Virus nicht unterkriegen lassen. Aktuell dürfen sie offen sein, aber mehr als ein Umschlagplatz für Medien sind sie nicht. Sie vermissen die Zeiten als sie mehr als das waren ‒ soziale Treffpunkte in den Gemeinden.

Hans Christof Wagner
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In der Rheinfelder Stadtbibliothek, hier die stellvertretende Leiterin Isabelle Cladé, wurden 2020 mehr als 10’000 Medien weniger ausgeliehen als 2019.

In der Rheinfelder Stadtbibliothek, hier die stellvertretende Leiterin Isabelle Cladé, wurden 2020 mehr als 10’000 Medien weniger ausgeliehen als 2019.

Dennis Kalt / Aargauer Zeitung (8. September 2020)

In der Stadtbibliothek Rheinfelden fiel die Zahl der Ausleihen im Coronajahr im Vergleich zu 2019 um mehr als 10’000 auf 66’876. In Laufenburg brach vergangenes Jahr die Zahl von 17’000 auf 15’000 ein. Speziell für beide: Nutzer aus den jeweiligen badischen Schwesterstädten blieben der Grenzschliessung wegen grossteils weg. Aber nicht überall gingen die Zahlen runter. In Möhlin wurden 2020 60’716 Medien ausgeliehen – 3000 mehr als noch 2019.

Froh um Bücher und CDs während der Schulschliessung 2020

Im März 2020 kam der Lockdown und mit ihm die Schliessung der Bibliotheken bis Mitte Mai. Wie die Gastronomen stiegen auch die Bibliothekare auf Take-away-Dienste um: Online bestellen und an eigens eingerichteten Bedientheken abholen.

«Wir mussten das von heute auf morgen umsetzen», berichtet die Leiterin der Stadtbibliothek Laufenburg, Eveline Dillinger. Doch gerade während der Schulschliessung bis Mai seien die Eltern froh gewesen, ihre zu Hause sitzenden Kindern mit Büchern, CDs und Spielen zu beschäftigen. «Schon am 31. März stand unser Take-away», sagt Andrea Fischler, Leiterin der Gemeindebibliothek Möhlin. «Der Take-away-Dienst ist schon genutzt worden», so Barbara Scholer, Leiterin der Stadtbibliothek Rheinfelden. Aber natürlich sei die Kundenfrequenz nicht vergleichbar mit sonst gewesen. In Laufenburg war laut Dillinger sogar ein Heimlieferservice für ältere Benutzer lanciert worden. Denn die hätten aus Angst vor dem Virus verstärkt auf den Besuch der Bibliothek im XL-Center verzichtet.

Kein Ort mehr zum Verweilen und Schmökern

Seit Sommer kommen die Fricktaler Bibliotheken unter Aufbietung strenger Hygienekonzepte ihrer Funktion als Medienversorger nach. Kulturvermittler, Treffpunkte, Veranstaltungsorte sind sie seitdem aber weitgehend nicht mehr. Dillinger: «Es war letztes Jahr schon nicht lustig und aktuell ist es das auch nicht.» Nur noch bestellen und abholen – «die sozialen Kontakte leiden schon», sagt sie. Auch in Möhlin hadert man mit dem Verlust, kein Ort mehr zum Verweilen und Schmökern zu sein. Fischler sagt:

«Das tut uns in der Seele weh.»

Der Siegeszug der elektronischen Medien befördert das noch. In Möhlin sind Fischler zufolge 2020 40 Prozent mehr E-Books und Audiodateien heruntergeladen worden. Rheinfelden ist bei Freegal Music mit dabei, einer Internetplattform für Musik und Hörbücher. Die 1873 Rheinfelder Bibliotheksnutzer haben 2020 darüber knapp 19’000 Streamings und Downloads ausgelöst. Seit Januar 2021 haben Möhliner Bibliotheksbenutzer die Möglichkeit, für ihre Jahresgebühr Filme online zu streamen - als Service in der Coronazeit, aber auch als Antwort auf den Abwärtstrend bei der Ausleihe von DVD.

Bibliotheken mit digitalem Nachholbedarf

Vielfach haben die Einrichtungen aber digitalen Nachholbedarf. So musste in Laufenburg der Onlinekatalog für zu Hause erst eingerichtet werden, um überhaupt das Bücher-Take-Away anbieten zu können. Bis heute gibt es in der dortigen Bibliothek keine virtuellen Medien. Dillinger zufolge sieht die Stadt den Trend zur Digitalisierung kritisch. Fürchtet, dass Bibliotheken Gefahr laufen, sich damit selbst in Frage zu stellen. Dass sich der Besuch vor Ort damit erledigen würde.

Doch davon sind die Einrichtungen aktuell noch weit entfernt, wie deren Erfahrungen vergangene Woche, im Vorfeld der Sportferien, zeigen. Andrea Fischler berichtet:

«Am Samstag haben wir in den zwei Stunden Öffnungszeit 300 Medien ausgegeben. Wir sind kaum hinterhergekommen.»