Gipf-Oberfrick
«Ich brauche den zeitlichen Druck, um mich ganz auf die Worte fokussieren zu können»

Kaspar Lüscher ist bekannt für humorvoll-tiefgründige Texte. Wie entstehen sie? Eine Spurensuche.

Thomas Wehrli
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«Zweimal das gleiche – das gibt es bei mir nicht»: Kaspar Lüscher setzt sich für jede Lesung intensiv mit den Künstlern auseinander. Thomas Wehrli

«Zweimal das gleiche – das gibt es bei mir nicht»: Kaspar Lüscher setzt sich für jede Lesung intensiv mit den Künstlern auseinander. Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

Er ist unablässig auf der Suche nach ihnen. In Bildern sucht er sie, in Lebensläufen, in Skulpturen, in Landschaften, im Untergrund, in Museen. Manchmal findet er sie auf Anhieb, manchmal erst nach längerem Aufspüren. Letzteres ist schon fast die Regel. «Ich brauche den zeitlichen Druck, um mich ganz auf sie fokussieren zu können», sagt er.

Er, der Suchende, ist Kaspar Lüscher. Schauspieler, Autor, Regisseur und Geschichtenerzähler aus Gipf-Oberfrick.

Sie, die Gesuchten, sind die Worte. Gerade jetzt ist er wieder auf der Suche nach ihnen – und das unter «doch etwas Zeitdruck». Denn bis am Donnerstag um 19.30 Uhr muss er sie haben, die Worte. Dann findet in der Galerie Artune in Frick die Finissage der Doppelausstellung mit Objekten von Doris Becker und Bildern von Matthias Spiess statt. Lüscher wird da «die Hommage an das Duo» machen, wie auf der Homepage der Galerie steht.

Lüscher lacht, wie er am Küchentisch vom Sein, oder vielmehr: vom Werden des Werkes spricht. «Den Titel musste ich setzen, noch bevor ich die erste Zeile geschrieben hatte», erzählt er. Dieser lautet: «Der Blick ins Dunkel oder wenn zwei sich im selben Lichte».

So weit, so gut. Nur liegt beim Blick auf das Opus auch jetzt, wenige Tage vor der Aufführung, noch einiges im Dunkeln. Dabei lag doch schon so vieles am Licht. «Es ist immer das Gleiche mit mir», meint Lüscher. Er habe eine Idee, einen Gedanken, ein Wort-Feuer, schreibe es nieder, denke: «Ja, das ist es!» – und am nächsten Tag liest er es, schüttelt den Kopf: «Nein, das ist es nicht.» Manchmal bricht er dann aus, aus seiner kleinen Schreibstube im Keller des Einfamilienhauses, geht hinaus, setzt sich in den Zug nach Basel, setzt sich in ein Museum und wartet auf die Inspiration. Er schmunzelt. «Das nützt. Meistens.»

Das lodernde Feuer

Dass er auf der Suche nach den Worten manchmal jeden Stein auf diesem Wortweg umdreht, immer auf der Suche nach einem noch Treffenderen, nach einem Gedanken hinter dem Gedanken, hat viel mit seiner Persönlichkeit zu tun. Lüscher ist ein Perfektionist, will stets das Optimum, gibt sich erst zufrieden, wenn die Wortreihen zu einer Einheit verschmelzen. Und das braucht Zeit. «Oft bildet sich nur Sätzchen für Sätzchen, ganz langsam, im Schneckentempo – es ist zum Verzweifeln!» Wieder lacht er. «Wenn ich all die Stunden, die ich investiere, verrechnen würde, könnte mich niemand zahlen.»

Es ist wohl dieses Feuer, das in ihm lodert und in seinen Geschichten auch aufflammt, das Galerie-Inhaber Peter Stocker nun bereits zum vierten Mal veranlasst hat, Lüscher zu bitten, an einer Finissage ein Wort an die Besucher zu richten. Wobei: Es werden dann doch recht viele Worte sein, die Lüscher an die Besucher richten wird. 20 bis 30 Minuten wird er sie mitnehmen auf eine Reise in eine fiktive Welt, die doch so real sein wird.

Geschichten aus dem Leben

Er wolle «Geschichten aus dem Leben» erzählen, sagt er, Geschichten, die leben. Diese wird sich um die beiden Künstler drehen, ihre Freundschaft, ihr Aufeinandertreffen und Auseinandergehen. «Ich arbeite aus beiden heraus», beschreibt Lüscher den Entstehungsprozess seiner Geschichte. Genau dieses Moment, dass er zwei Personen in einer Geschichte gerecht werden will und muss, macht die Arbeit diesmal besonders anspruchsvoll.

Zu Hilfe ist ihm da Hermann Hesse geeilt. Dessen Erzählung «Narziss und Goldmund» habe ihn inspiriert, sagt Lüscher. «Viele Intellektuellen bewegen sich mit dem Geist von der Schöpfung weg. Die Künstler aber arbeiten aus ihr heraus.» Sie seien der Schöpfung viel näher «und das ermöglicht es ihnen, von innen heraus zu arbeiten». Ein zweiter Anker, wenn man so will, lieferten ihm bei dieser Geschichte die Bilder von Albert Anker. Sie seien in ihrem Naturalismus so ganz anders, als das, was die beiden Künstler entwerfen und in der Galerie Artune zeigen. «Diese Dualität hat mich fasziniert.»

Was passiert, wenn Lüscher mit Hesse und Anker verschmilzt, wenn Worte auf Linien und Formen treffen, wenn sich Lebenswege kreuzen, will Lüscher noch nicht verraten. Nur so viel: Den Anfang nimmt die Geschichte bei den zwei Protagonisten, die sich unterhalten. Bilder entstehen, zerfliessen wieder, machen neuen Platz. Die beiden gehen auseinander, gehen ihren Weg, jeder für sich, treffen sich wieder, setzen da ein, wo sie beim letzten Mal aufhörten – so, als gäbe es keine Zeit dazwischen. «Ich will eine humoristische Finissage bieten», umschreibt Lüscher seine Zielsetzung. Ein Werk solle es sein, das den Künstlern, der Kunst und den Leuten, die sich für die Kunst einsetzen, gerecht werde.

Nie zweimal das gleiche

Das wird es, daran zweifelt nicht, wer Kaspar Lüscher kennt. Es wird ein einmaliger Abend werden – und dies ganz wörtlich gemeint: «Ich will immer wieder etwas Neues machen», sagt Lüscher. «Zweimal das gleiche – das gibt es bei mir nicht.»

Er wird also auch künftig nach ihnen suchen, unablässig, beharrlich. Er wird ihnen nachspüren, den Worten, wird dazu unter he(i)sse Steine blicken und in vor Anker liegende Bildern schauen, wird sie finden, die Worte, und sie zu Geschichten formen.

Er ist der Suchende. Die Worte das Gesuchte. Die Hörer, wenn man so will, die Finder.

Finissage Doppelausstellung Doris Becker- Galantay und Matthias Spiess: Donnerstag, 21, Juni, 18-19 Uhr, Galerie Artune, Frick.

Lesung von Kaspar Lüscher: Donnerstag, 21. Juni, 19.30 Uhr, Galerie Artune, Frick.

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