Wahlen 2020

Gegen zu starken Regionalismus und Ballenberg-Politik: Gertrud Häseli ist eine Querdenkerin

Die Grünen-Grossrätin und Biobäuerin aus Wittnau sitzt seit 2009 im Aargauer Kantonsparlament. Im Herbst tritt sie nochmals an.

Thomas Wehrli
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Bringt Farbe in die Politik: Gertrud Häseli sitzt seit 2009 im Grossen Rat und tritt im Herbst nochmals an.

Bringt Farbe in die Politik: Gertrud Häseli sitzt seit 2009 im Grossen Rat und tritt im Herbst nochmals an.

Thomas Wehrli

In ein Schema lässt sich Gertrud Häseli nicht pressen: Die Grünen-Grossrätin aus Wittnau sagt, was sie denkt, und denkt, was sie sagt. Es ist diese Direktheit, diese Schnörkellosigkeit, die ihren Politstil prägt. Das gefällt nicht allen im Fricktal und das führt schon mal dazu, dass aus der Fricktaler Einheitsstimme im Grossen Rat eine «Einheitsstimme minus 1» wird. Denn auch regionale Vorstösse unterschreibt die 56-Jährige, die seit 2009 im Grossen Rat sitzt, nur dann, wenn sie voll und ganz dahinter stehen kann.

Das war beispielsweise beim Vorstoss im November 2018 zur Berufsbildung nicht der Fall. Aus einer dannzumal berechtigten Befürchtung heraus, die Regierung könnte das Berufsbildungszentrum Fricktal in Rheinfelden schliessen, reichten die Grossräte aus den Bezirken Laufenburg und Rheinfelden ein Postulat ein und forderten eine Beibehaltung der Regionalität in der Berufsbildung.

«Der Regierungsrat wird gebeten, bei der geplanten Reform der Berufsschulen den regionalen Gegebenheiten ebenso Rechnung zu tragen wie dem Fakt, dass die Zahl der Berufsschüler künftig wieder ansteigen wird und sich sowohl Berufsausbildung als auch Berufsbilder massgeblich verändern werden», heisst es im Postulat. Alle Fricktaler Grossräte unterschrieben. Ausser Häseli.

Kooperation statt Abgrenzung

Es ist nicht so, dass die Biobäuerin nicht für das Fricktal einsteht – das tut sie immer wieder –, aber eben nur dann, wenn sie es für richtig hält. Regionalen Begehrlichkeiten gegenüber steht sich mit einer gewissen Grundskepsis gegenüber.

«Als kantonale Parlamentarierin sehe ich es als meine Aufgabe, für das Ganze, für den Kanton zu denken und nicht primär für meine Region», sagte sie im letzten Jahr bei einem Porträt rund um ihre Nationalratskandidatur. Kooperationen ist für sie das Stichwort. Alles, was Abgrenzung ist, funktioniert für sie nicht.

Dieses Querdenken zeigt sich auch in der Beurteilung der Zusammenarbeit unter den Fricktaler Grossräten. Wie die anderen Parlamentarier aus den Bezirken Laufenburg und Rheinfelden attestiert sie der Fricktaler Grossratsfraktion zwar auch, dass diese oft mit einer Stimme auftritt. Der Zusammenhalt sei «aus einem Guss», sagt sie und fügt kritisch hinzu: «Ob es zugunsten des Fricktals ist, bin ich mir nicht immer sicher.»

«Grenzen des Wachstums werden nicht erkannt»

Sicher ist sich Häseli dagegen, dass es im Fricktal noch viel zu tun gibt. «Die Grenzen des Wachstums werden nicht erkannt», mahnt sie und sieht auch beim innerfricktalischen Finanzausgleich Handlungsbedarf. Häseli, die Probleme nicht bewirtschaften, sondern lösen will, hat da auch gleich einen Vorschlag: Der Finanzausgleich könnte mit der Umsetzung der Teilregionen gelöst werden, ist sie überzeugt und meint damit, dass das Fricktal seine kleinräumigen Strukturen aufgeben und sich auf den Weg zu nur noch 5 Gemeinden – heute sind es 35 – machen soll.

Häseli schätzt das Fricktal, schätzt die ländlichen Strukturen. Der Jurapark habe die Qualität des ländlichen Raums in den letzten Jahren ins Bewusstsein geholt, bilanziert sie. «Der Jurapark entwickelt sich positiv.»

Weniger positiv fällt für sie dagegen die Zwischenbilanz der laufenden Amtsperiode aus. «Das Kinderbetreuungsgesetz ist sehr schwach», findet sie und die Sparmassnahmen auf Kosten der Kultur und des Reinigungspersonals seien «eine grosse Enttäuschung.»

Sorgen bereitet ihr die Kostensteigerung im Gesundheitswesen. Hier sei «keine Lösung in Sicht», warnt sie und spricht sich auch hier gegen unhinterfragten Regionalismus aus. Eine «Ballenberg-Politik» sei angesichts der davongaloppierenden Kosten im Gesundheitswesen nicht länger tragbar, sagte sie im Mai 2018 zur AZ.

«Wir müssen uns auf das Nötige beschränken und dazu gehört halt ein Spital in Laufenburg nicht.» Sie sprach sich damals für die Schliessung von Laufenburg aus – als eine von ganz wenigen Politikerinnen und Politkern. Damit hat sie sich in der Region nicht viele Freunde gemacht.

Mehr Gerechtigkeit in Staat und Gesellschaft

Häseli, die im letzten Sommer beim Frauenstreik an vorderster Front mitgewirkt hat und diesen im Rückblick als wirksam beurteilt, geht es in ihrer Politik darum, mehr Gerechtigkeit in Staat und Gesellschaft zu implementieren.

Der Ausgleich zwischen arm und reich, gesund und krank, stark und schwach hält sie für zentral. An diesem Ausgleich will sie auch künftig mitarbeiten – und deshalb tritt sie im Oktober bei den Gesamterneuerungswahlen nochmals an.

Themen, bei denen aus ihrer Sicht noch einiges im Argen liegt, gibt es viele. Sie wolle sich für Betrieb und Finanzen des Frauenhauses einsetzen, neue Perspektiven auf das Familienschutzzentrum für Kinder, Frauen und Männer öffnen, bei der familienergänzenden Kinderbetreuung nachbessern und die Megatrends wie New Work oder Green Deal aufnehmen.