Gemeinderats-Entschädigung

Fricktaler Ammann dreht den Spiess um: «Gemeinderatsamt ist eine kostenlose Weiterbildung»

Der Fricktaler Gemeindeammann Mario Hüsler sieht die Gemeinderatsämter als eine Lebensschule und eine Weiterbildung an, die erst noch kostenlos sei.

Thomas Wehrli
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Mario Hüsler (links) und Andreas Glarner.

Mario Hüsler (links) und Andreas Glarner.

az/Montage

Die Gemeindeammänner-Vereinigung hat mit ihren Entschädigungs-Empfehlungen für die Gemeinderäte in ein Wespennest gestochen. Nicht etwa, weil sie die Entschädigungen darin zu tief angesetzt hat, nein, ganz im Gegenteil: Gestandene Gemeindepolitiker enervieren sich darüber, dass die Entgelte viel zu hoch seien. Die Gemeinderäte von Oberwil-Lieli und Oberlunkhofen drohen gar offen mit einem Austritt aus der Vereinigung. Man dürfe solche Honigtöpfe gar nicht erst öffnen, «weil sie auch Etatisten anziehen, die diese Arbeit nur fürs Geld machen», poltert etwa Andreas Glarner, SVP-Nationalrat und Ammann von Oberwil-Lieli.

Roger Fricker, Parteikollege von Glarner und ebenfalls ein Mann der klaren Worte, hält inhaltlich mit: «Jenseits von Gut und Böse» seien diese Empfehlungen, sagt er, viel zu hoch und eine Gefahr für den Milizgedanken. Dann droht also auch Oberhof mit einem Austritt? Fricker lacht. «Wenn der Fricker droht, dann droht eine arme Kleingemeinde. Wir haben nicht dasselbe Gewicht wie Oberwil-Lieli.» Er hält solche Drohungen aber ohnehin für den falschen Weg. Sein Ansatz: «Wenn mir etwas nicht passt, dann gehe ich hin und kämpfe intern dagegen an.»

«Kein Verständnis» für die Drohung hat auch Willy Schürch, Gemeindeammann von Münchwilen. Mario Hüsler, Ammann von Gansingen, will sich seinem Parteikollegen Glarner ebenfalls nicht anschliessen. Eine Austrittsdrohung bringe nichts, findet er. «Man ist nie mit allen Entscheidungen einverstanden.» Umgekehrt betrachtet «müsste man oft austreten, wenn man dies bei jeder Differenz tun würde».

Angemessene Entlöhnung gefordert

Zum Beispiel jetzt, denn inhaltlich teilt Hüsler die Kritik von Glarner: «Die Entschädigungen sind übertrieben.» Wie Fricker findet er, dass derart hohe Entgelte Gift für den Milizgedanken sind. Heute verdient ein Gemeindeammann in einem 1000-Seelen-Dorf im Durchschnitt 54 000 Franken (auf ein 100-Prozent-Pensum hochgerechnet). Gemäss den Empfehlungen der Vereinigung sollen es künftig 120 000 Franken sein. «Die höhere Entschädigung zieht Leute an, die es nur wegen des Geldes machen», moniert Fricker. Für Fricker sind das «düstere Aussichten».

Schürch kann diese Kritik nicht nachvollziehen. «Es kann doch nicht sein, dass ein Gemeindeammann, der den Kopf hinhalten muss, umgerechnet weniger verdient als ein Gemeindeschreiber.» Schürch sieht sein Amt als «Hobby, das mir Spass macht». Dazu gehöre aber auch, angemessen entlöhnt zu werden. Ihm schwebt eine Art Angestellten-Verhältnis vor.

Dies hilft seiner Ansicht nach auch, das Rekrutierungsproblem zu lösen. «Heute sind immer weniger Arbeitgeber bereit, einen Angestellten für ein politisches Amt freizugeben.» Etwas anderes sei es jedoch, wenn jemand zum Beispiel nur 80 Prozent angestellt sei und die restlichen 20 Prozent von der Gemeinde entlöhnt sei.

Geld sei nicht das Problem bei der Rekrutierung, hält Hüsler dagegen. «Bei der Gemeinderats-Kandidatensuche habe ich bisher nie gehört: ‹Ich mache es nicht, es gibt zu wenig Geld›.» Es gebe meist andere Gründe, vor allem einen hört Hüsler oft: «Ich habe keine Zeit.»

Hüsler dreht den Spiess um: «Die Gemeinderatstätigkeit ist für mich wie eine Weiterbildung, eine Lebensschule.» Normalerweise koste dies «ein Stange Geld», für die Lebensschule Gemeinderat dagegen werde gar eine Entschädigung bezahlt. «Auch deswegen empfehle ich jedem: Plant die nächste Weiterbildung als Engagement in einer Gemeindebehörde.» Bestimmt würden bald wieder Studienplätze frei.