Laufenburg
Amtsälteste Betreibungsbeamtin geht in Pension: Wieso sie auf Beizentour ging und wie die Gleichgültigkeit Einzug hielt

1977 begann Ursula Stocker ihre Karriere in dem von Männern dominierten Betreibungswesen. Die Leiterin des Betreibungsamtes Region Laufenburg erzählt, wie sie sich damals behauptete, wie sie mit aufbrausenden Schuldnern umgeht und welche Ausreden die Kunden parat haben.

Dennis Kalt
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Ursula Stocker, Leiterin Betreibungsamt Region Laufenburg, freut sich auf ihren Ruhestand.

Ursula Stocker, Leiterin Betreibungsamt Region Laufenburg, freut sich auf ihren Ruhestand.

Bild: Dennis Kalt (4. Mai 2021)

Ursula Stocker, 63, hält nicht viel von Floskeln. Sie spricht Klartext. Die Frage des Journalisten, ob sie als mit 44 Jahren amtsälteste Betreibungsbeamtin des Kantons ihrer Pension per 30. September mit einem weinenden und lachenden Auge entgegenblickt, würdigte sie denn auch mit einem Kopfschütteln: «Sicherlich nicht», sagt die Leiterin des Betreibungsamtes Region Laufenburg. Der Hauptgrund: «Ich habe jetzt einfach genug.»

Etwa auch genug von den diversen Ausreden der Schuldner, weshalb sie nicht zum Pfändungsvollzug erscheinen könnten: das verpasste Postauto, das fehlende Geld für die Tankfüllung oder das Im-Stau-Stehen. Ihr persönlicher Favorit ist ein Schuldner, der sie eine halbe Stunde vor dem Termin anrief und erzählte, dass ihm ein Ross ins Auto gelaufen sei. Stocker sagt:

«Bei vielen Schuldnern gibt es diese Mentalität, den Pfändungsvollzug hinauszuzögern.»

Dies mache die Situation nicht besser, da es nach der dritten Vorladung bei Nichterscheinen eine polizeiliche Zuführung gebe.

Mit den Männern auf Beizentour

Nach dem Abschluss ihrer Verwaltungslehre in Mumpf amtete Stocker im Jahr 1977 zunächst als stellvertretende Betreibungsbeamtin in den Gemeinde Mumpf und Obermumpf. Damals, so Stocker, hatte noch jede Gemeinde im Fricktal einen Betreibungsbeamten und einen Stellvertreter. Diese trafen sich einmal im Jahr zu einer Generalversammlung. An dieser war Stocker für einige Jahr die einzige Frau unter rund 80 – zum Grossteil in die Jahre gekommenen – Männern. Sie sagt: «Ich konnte auswählen, ob ich als einzige Frau ignoriert werde oder nach der Versammlung mit den Männern auf Beizentour mitgehe und mithalte.» Stocker entschied sich für Letzteres.

Neben ihrer Rolle als Mutter arbeitete Stocker bis 2014 als Betreibungsbeamtin mehrerer Gemeinden im hauseigenen Büro sowie nebenbei auf den Gemeindeverwaltungen Obermumpf, Schupfart und dem Regionalen Steueramt Hornussen. Seit 2010 ist sie Leiterin des Betreibungsamts Region Laufenburg, dessen Gründung sie organisierte.

Aufbrausende Kunden werden rausgestellt

Dank ihrer Ellenbogen habe sie in dem von Männern dominierten Betreibungswesen gleich Fuss fassen können. Auch gegenüber aufbrausenden Kunden mit dünner Zündschnur zeige sie sich tough:

«Wenn am Schalter jemand laut wird, sage ich ihm, er soll zehn Minuten an die frische Luft und wieder reinkommen, sobald er sich beruhigt hat.»

Ihr Ziel sei es, mit den Kunden eine Vertrauensbasis aufzubauen, da sie deren Vermögen verwaltet. «Wir sind eine Art Treuhänder», sagt Stocker. Der grösste Unterschied zwischen ihrer Anfangszeit und heute läge in der Einstellung der Schuldner zu ihren Verbindlichkeiten:

«Mit einer Betreibung war man früher sozial geächtet. Heute ist die Hemmschwelle, eine Betreibung zu kassieren, bei vielen gleich null.»

Gemeinhin galten diejenigen, die mit dem Betreibungsbeamten zu tun hatten, in den Dörfern als «Laueri-Sieche» – Faulpelze.

Gleichgültigkeit gegenüber finanziellen Möglichkeiten

Die damalige Gesellschaft war nach dem Grundsatz erzogen, erst etwas zu kaufen, wenn man das Geld dafür beisammen hatte. Heute werde zuweilen zuerst etwas gekauft und dann geschaut, ob das Geld reiche. So mancher Kunde des Betreibungsamtes zeige «eine gewisse Gleichgültigkeit» gegenüber seinen finanziellen Möglichkeiten. Stocker kennt Familien, die sich schon in vierter Generation verschulden. Sie bilanziert:

«Schuldenmachen vererbt sich – leider.»

Auch die Möglichkeit, online Waren zu bestellen und in Raten zu bezahlen, verführe einige. Es gebe viele Personen, so Stocker, die können gar nichts mehr bestellen, weil sie zu viele Ausstände haben und daher einfach unter dem Namen ihres minderjährigen Kindes Bestellungen tätigen. Die Kinder erhielten dann Betreibungen, seien zunächst jedoch bis zur Volljährigkeit gesetzlich vertreten durch ihre Eltern. «Wenn die Kinder dann erwachsen sind und sich ihr erstes Auto kaufen wollen, stehen sie auf einmal mit einer Liste voller Verlustscheine da – das ist ganz schlimm», so Stocker.

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