Fricktal

5,6 Millionen für Sozialhilfe: In Rheinfelden haben sich die Kosten in zehn Jahren verdoppelt

Wie hoch die Sozialhilfekosten in einer Gemeinde sind, hängt von deren Grösse ab – und vom Ausländeranteil. Das bestätigt auch das Beispiel Rheinfelden. Dort stiegen die Kosten innerhalb von zehn Jahren von 2,3 auf 5,6 Millionen Franken.

Thomas Wehrli
Drucken
Teilen
Rheinfelden kostete die Sozialhilfe 2008 rund 2,3 Millionen Franken. Zehn Jahre später sind es 5,6 Millionen.

Rheinfelden kostete die Sozialhilfe 2008 rund 2,3 Millionen Franken. Zehn Jahre später sind es 5,6 Millionen.

Thomas Wehrli

Die finanziellen Mittel, welche die Gemeinden für Sozialhilfe aufwenden müssen, sind in den letzten Jahren massiv gestiegen. Dies zeigt eine Umfrage der AZ unter mehreren Fricktaler Gemeinden.

Besonders stark von der Kostensteigerung betroffen sind die Zentrumsgemeinden. In Frick lagen die Sozialhilfekosten im letzten Jahr bei gut 900'000 Franken – das sind satte 50 Prozent mehr als im 14-Jahres-Schnitt (siehe Grafik unten). Noch krasser fällt die Bilanz in Möhlin aus: Hier beliefen sich die Kosten im letzten Jahr auf 1,5 Millionen Franken; in den drei Jahren zuvor waren es rund eine Million Franken, 2013 knapp eine halbe Million.

AZ

Die Wechselwirkung zwischen Gemeindegrösse und Sozialhilfekosten bestätigt auch das Beispiel Rheinfelden. Hier lagen die Sozialhilfekosten im letzten Jahr bei 5,6 Millionen Franken. Das sind 1,75-mal so viel wie im Schnitt der letzten 14 Jahre.

Beunruhigend ist auch die Dynamik, die man hinter der Entwicklung ausmachen kann: In allen drei Gemeinden sind die Kosten in den letzten zwei bis vier Jahre sprunghaft angestiegen. Zwischen 2004 und und 2012 bewegten die Sozialhilfekosten in Rheinfelden stets zwischen zwei und drei Millionen. 2013 stiegen sie auf über drei Millionen, ein Jahr später bereits auf mehr als vier Millionen. In den letzten beiden Jahren lagen die Sozialhilfekosten dann bei über fünf Millionen Franken.

Mehr Fälle in grossen Gemeinden

Grundsätzlich gilt die Faustregel: Je grösser die Gemeinde, desto höher ist die Sozialhilfequote. Das bestätigt auch das Beispiel Rheinfelden. «Die Sozialhilfequote hat in der Stadt Rheinfelden in den letzten zehn Jahren nochmals deutlich zugenommen», sagt Stadtschreiber Roger Erdin. 2006 betrug die Quote im Zähringerstädtchen rund 2 Prozent, zehn Jahre lag sie später gemäss der kantonalen Statistik bei 4,0 Prozent. Die Quote sagt aus, wie viele Prozent der Einwohner Sozialhilfe beziehen.

Rheinfelden weist damit die klar höchste Sozialhilfequote im Fricktal auf. Ebenfalls hoch, ist sie in Eiken, Frick, Hornussen, Laufenburg, Oberhof, Möhlin und Stein. Erdin macht vorab drei Gründe für den hohen Anteil der Sozialhilfebezüger verantwortlich. Erstens die urbane Struktur mit der Nähe zu Basel, was eine gewisse Anonymität ermögliche.

Zweitens habe das Wohnungsangebot einen Einfluss. «Während dörfliche Strukturen von Einfamilienhäusern und Wohneigentum geprägt sind, bietet eine urbane Zentrumsgemeinde sicherlich ein grösseres Mietwohnungsangebot», sagt Erdin.

Drittens hat der Ausländeranteil einen erheblichen Einfluss. «Das Risiko, auf Sozialhilfe angewiesen zu sein, ist bei ausländischen Staatsangehörigen statistisch gesehen dreimal höher als bei Schweizerinnen und Schweizern», sagt Erdin. In Rheinfelden liegt der Ausländeranteil aktuell bei 31,7 Prozent; höher ist er im Fricktal nur in Laufenburg (32,7 Prozent) und Stein (39,1).

«Entsolidarisierung»

Die drei Gründe erklären allerdings noch nicht die ungeheure Dynamik, mit der sich die Sozialhilfekosten in den letzten Jahren in den grösseren Gemeinden nach oben entwickelt haben. Dafür verantwortlich sind vorab zwei Faktoren. Zum einem das Wachstum der Gemeinden. Rheinfelden wuchs einwohnermässig in den letzten zehn Jahren um 21 Prozent, Möhlin um 18 und Frick um 17 Prozent.

Zum anderen liegt es an Gesetzesrevisionen in der Invaliden- und der Arbeitslosenversicherung. «Die Verschärfungen bei den Sozialversicherungen führen dazu, dass mehr Menschen auf materielle Hilfe angewiesen sind», sagt Erdin. Denn die Hürden, eine IV-Rente zu erhalten, wurden in den letzten Jahren deutlich erhöht.

Die Kosten haben damit vermehrt die Gemeinden zu tragen. Denn die Verschärfungen bei der IV führen zusammen mit den Sparanstrengungen des Kantons dazu, «dass die Gemeinden mit der Sozialhilfe das letzte Netz bilden und auf den Kosten sitzen bleiben», sagt Marius Fricker, Gemeindeschreiber von Möhlin. Er stellt denn auch «eine zunehmende Entsolidarisierung» fest, «deren Kosten die Gemeinden zu tragen haben».

Die Kosten dürften auch in den nächsten Monaten und Jahren hoch bleiben – trotz guter Konjunkturprognosen. Marius Fricker jedenfalls ist sich sicher: «Wir müssen mit einer weiteren Kostensteigerung rechnen.»