Versteigerung
Wohlen kann sein Kino behalten – Banker hat Zuschlag erhalten

Das Wohler Kino Rex wurde am Freitag zwangsversteigert. Den Zuschlag erhielt nach 10 Minuten Sascha Heubacher. Er ist mit dem Kino aufgewachsen.

Christian Breitschmid
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Aus dem alten Kino Rex soll ein frisches, einladendes Kino mit ganz neuer Infrastruktur werden. Das Projekt «Ciné Freiamt» nimmt Fahrt auf. Christian Breitschmid

Aus dem alten Kino Rex soll ein frisches, einladendes Kino mit ganz neuer Infrastruktur werden. Das Projekt «Ciné Freiamt» nimmt Fahrt auf. Christian Breitschmid

Christian Breitschmid

Wohlen wird sein Kino behalten – und wie! Der neue Besitzer des in die Jahre gekommenen freiamtmetropolen Lichtspieltempels heisst Sascha Heubacher. Er ist Bürger von Dintikon und in Villmergen aufgewachsen.

«Im Rex habe ich mich damals als Kind mit dem Kinovirus angesteckt», erzählte der 36-jährige Kinobesitzer gestern nach der erfolgreichen Ersteigerung des «Rex» und strahlte dabei übers ganze Gesicht. Als Kantischüler arbeitete er zuerst als Placeur, «das ist der, der die Billette zerreisst», dann im Videoverleih und schliesslich als Betriebsleiter des Kinos; dies bereits unter Hansjörg Beck, dem aktuellen Betreiber des Kinos.

Zehn Jahre lang frönte er dieser Nebenbeschäftigung aus purer Leidenschaft. Daneben machte er seine Berufsausbildung und wurde zuerst einmal «Banker», wie er es nennt. Dabei brachte er es immerhin bis zum Geschäftsstellenleiter der NAB Villmergen.

Doch seine eigentliche Passion galt nicht dem Geldgeschäft, sondern dem Lichtspieltheater. Als er 2009 die Gelegenheit bekam, das Schloss Cinéma in Wädenswil zu kaufen, griff er zu. 2016 entschied er sich dann, ganz auf die Karte «Kino und Häuser umbauen» zu setzen und kehrte der Bank den Rücken.

Terrasse auf Dach

Die Versteigerung, die gestern um 14 Uhr, im ersten Stock der Gemeindebibliothek von Wohlen stattfand, war vorbei, kaum hatte sie begonnen. Veranschlagt war das Gebäude vom Betreibungsamt mit 1,168 Millionen Franken.

Heubacher hatte schon im Voraus und als Erster ein schriftliches Gebot eingereicht, gleich nachdem die Versteigerung publiziert worden war. Mit der Steigerungsnummer 1 und Heubachers Gebot von 1,25 Millionen eröffnete der Leiter des Betreibungsamtes, Gerold Brunner, die Steigerung.

Von den fünf weiteren Interessierten erhöhte keiner. Die 20 Zuschauer aus Wohlen, die gekommen waren, um zu sehen, was aus «ihrem» Kino werden sollte, konnten um 14.10 Uhr wieder nach Hause gehen. Zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten.

Der neue Besitzer des «Rex» weiss, was er tut. Er hat aus seinem Kino in Wädenswil mit neuen Ideen und einer publikumsorientierten Programmierung eine kleine Goldgrube gemacht.

Nun will er dem «Rex» ebenfalls neues Leben einhauchen: «Ich habe 16 mal 44 Meter, das ist alles, was es braucht.» Will heissen, Heubacher hat vor, das Kino total neu aufzubauen: Aus dem Ein-Saal-Kino wird eines mit drei Sälen. Diese will er mit den neusten LED-Leinwänden bestücken.

Ein Bistro und eine Lounge kommen hinein und eine Terrasse mit Grill aufs Dach. «Ich träume von einem ‹Ciné Freiamt›, das in der Region zum Treffpunkt Nummer 1 werden soll», schwärmte der Herz-und-Seelen-Cineast um 14.15 Uhr.

Der Kinobetrieb, unter dem Management von Hansjörg Beck und seiner Cinévision GmbH, lief und läuft immer noch gut. Es waren die finanziellen Nöte der Erbin des Gebäudes, Alina Gass, welche der Bank keinen anderen Ausweg mehr liessen als die Versteigerung.

«Als ich 2016 das Erbe meines Mannes annahm», erzählte Gass im Februar am Telefon, «da wusste ich zwar von Schulden, die mein Mann gemacht hatte, aber eben nur von einem Teil der Schulden. Das ganze Ausmass hat sich erst nachher gezeigt.» Ihr Mann, der ehemalige Kinomagnat Max Gass, war am 13. Februar 2016 mit 71 Jahren verstorben.

Kino als Altersvorsorge

Kennen gelernt hatten sie sich 13 Jahre zuvor, als Alina Gass aus Rumänien in die Schweiz kam, um den schwer herzkranken Unternehmer zu pflegen. Patient und Pflegerin verliebten sich ineinander und heirateten.

Gass habe seiner Frau versichert, dass es ihr auch nach seinem Tod an nichts fehlen werde. «Er sagte mir, dass er rund 1,6 Millionen Schulden habe, dass ich aber das Kino in Wohlen sicher für 2,4 Millionen verkaufen könne. Das würde meine Altersvorsorge sichern», erinnerte sich die 46-jährige Witwe im Gespräch mit der AZ.

Diese Aussicht war Alina Gass umso wichtiger, als sie vor fünf Jahren durch einen Ärztefehler, wie sie sagt, selber beinahe zum Pflegefall geworden sei. Um Haaresbreite sei sie damals dem Tod entronnen. Nur weil ihr Mann sie sofort ins Inselspital bringen liess, sei sie gerettet worden.

Einer geregelten Arbeit kann sie seither nicht mehr nachgehen. Der Antrag für eine IV-Rente ist gestellt. Ansonsten lebt die Frau, die vorher in einem schönen Haus im Tessin gelebt hat, von 1900 Franken Sozialhilfe. Auch ihr Auto musste sie verkaufen. An der Versteigerung gestern war sie nicht anwesend.

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