Neue Energien
Ökostrom könnte bald aus der Toilette fliessen

Seit Jahren wird in Kläranlagen erneuerbare Energie produziert. Die Anlage in Merenschwand deckt damit einen Drittel ihres eigenen Bedarfs. Das Potential ist jedoch noch grösser: Künftig könnte auch im eigenen Haus aus Abwasser Wärme gewonnen werden.

Brigitt Hunziker Kempf
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Stolz auf den Strom aus dem Abwasser:

Stolz auf den Strom aus dem Abwasser:

Aargauer Zeitung

In der Kläranlage Merenschwand treffen täglich rund 2,5 Millionen Liter Abwasser ein, das mit moderner Technologie gereinigt wird. Dabei fällt Schlamm an, der in der Anlage in den Faulturm gepumpt wird. Dort entwickelt sich wertvolles Biogas.

Strom für den eigenen Bedarf

Schon längst haben die Klärfachleute erkannt, dass dieses Gas in nützliche Energie umgewandelt werden kann. Und zwar mittels eines mit Gas angetriebenen Verbrennungsmotors. «Eine raffinierte Sache», erklärt der Klärwerkfachmann Max Eberhard. «Mit dem Motor können wir Strom für den eigenen Bedarf produzieren und gleichzeitig die Abwärme zur Beheizung des Faulturms nutzen.»

Seit 1984 steht in der Kläranlage «Reuss-Schachen» ein solcher Motor, ein sogenanntes Blockheizkraftwerk. 1999 wurde ein neueres, leistungsfähigeres Modell eingebaut. Der Motor liefert jährlich bis zu 128'000 Kilowattstunden Strom. «Wir decken zirka 35 Prozent unseres Strombedarfs auf der Anlage ab.»

Ökostrom für 50'000 Einwohner

Über 1000 Menschen arbeiten in den rund 750 zentralen Kläranlagen der Schweiz. Vielerorts stehen seit Jahrzehnten Blockheizkraftwerke. Je nach Strategie produzieren diese Kraftwerke Strom für den internen Gebrauch der Kläranlage oder Ökostrom für Haushalte, Dienstleistungs- oder Industriebetriebe.

«Aus Klärgas werden in der Schweiz über 1000 Millionen kWh erneuerbarer Strom im Jahr gewonnen. Dies entspricht dem Stromverbrauch einer Stadt von rund 50'000 Einwohnern», verdeutlicht Urs Kupper, Geschäftsführer des Verbandes Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute (VSA).

Er erwähnt auch die Möglichkeit, Wärme direkt aus dem Abwasser zu gewinnen. Schon vor 30 Jahren wurden Anlagen gebaut, die mit Abwasser aus der Kanalisation Gebäude umweltfreundlich heizen. Kupper weiss: «Im Abwasser steckt noch sehr viel Energie.» Da und dort stehen solche Kraftwerke nämlich bereits im Keller von Mehrfamilienhäusern.

Biogas-Reaktor im Keller?

In visionären Köpfen werden sie für die Zukunft gerüstet und neue Anwendungen sind am Entstehen: In den Wohnungen könnte eine neue Generation von Toilettenmodellen zu stehen kommen. Das Prinzip: Der Urin würde in den WCs separiert und in Tanks gesammelt, der reine Urin zu Dünger verarbeitet und anstelle von Kunstdünger in der Landwirtschaft eingesetzt.

Die Fäkalien würde man in Biogas-Reaktoren im Keller lager, mit dem gewonnenen Gas ein eigenes Heizkraftwerk betreiben – so sollen Öko-Strom und Heizwärme «made at home» entstehen.

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