Muri
Die «Champions League des Jazz» isst an seinem Küchentisch: «Musig im Pflegidach» wird 20 Jahre alt

Am Sonntag feiert die Freiämter Konzertreihe «Musig im Pflegidach» ihren 20. Geburtstag. Heutzutage treten in Muri Grössen aus Amerika auf und locken ein Publikum aus der ganzen Schweiz und aus Deutschland an. Gründer Stephan Diethelm blickt auf 20 bewegte Jahre zurück.

Melanie Burgener
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Als Stephan Diethelm (rechts) seine Konzertreihe «Musig im Pflegidach» angefangen hat, hat er im ehemaligen Café Stern mit seinen Schülern und Bekannten musiziert.

Als Stephan Diethelm (rechts) seine Konzertreihe «Musig im Pflegidach» angefangen hat, hat er im ehemaligen Café Stern mit seinen Schülern und Bekannten musiziert.

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Wenn Stephan Diethelm heute die Türe zum Dachsaal in der Pflegi Muri öffnet, stehen Musikgrössen aus Amerika auf der Bühne, die längst Hallen füllen können und durch die ganze Welt touren. Viele von ihnen hatten ihr Europa-Debüt auf Diethelms Bühne. «Wenn mich heute Bands wie ‹LaBrassBanda› an ihren Konzerten in Zürich erwähnen und mir danken, sind das für mich sehr schöne Momente», erzählt der Freiämter Schlagzeuglehrer. Wie einst auch seine musikalischen Gäste musste sich aber auch Stephan Diethelm seinen Ruf erst erarbeiten.

«Als ich 1997 in New York war und den Jazz in der «55Bar» erlebt habe, wusste ich: So was möchte ich in Muri auch machen», erinnert sich Diethelm. «Ich habe die damalige Kulturstiftung St.Martin angefragt, ob sie mich unterstützen wollen. Ihr musste ich aber zuerst aufzeigen, dass Muri ein solches Angebot überhaupt braucht», sagt er. So habe er begonnen, im ehemaligen Café Stern in Muri mit seinen Schülern und Bekannten monatliche Konzerte zu geben. «Nach zwei Jahren konnten wir dann offiziell starten», sagt Diethelm.

Internationale Musiker locken Gäste aus Deutschland ins Freiamt

Eines der ersten Plakate der Murianer Konzertreihe, die damals noch «Musig im Stern» hiess.

Eines der ersten Plakate der Murianer Konzertreihe, die damals noch «Musig im Stern» hiess.

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Was sehr lokal und klein begonnen hat, ist immer stärker gewachsen. Nach sieben Jahren wurde der «Stern» zu klein für die Konzerte und das Kulturangebot wurde mit einem Umzug zu «Musig im Ochsen.» Diethelm erzählt:

«Das hat sich gut angeboten, da immer häufiger internationale Gäste bei uns auftraten, die so direkt im Hotel Ochsen übernachten konnten.»

Weitere sieben Jahre später entstand das «Musig im Pflegidach». Seit gut zehn Jahren treten in der Freiämter Konzertreihe nur internationale Musiker auf. So zum Beispiel der amerikanische Jazz-Schlagzeuger Billy Hart oder die US-Band Butcher Brown. Die meisten kommen direkt aus New York, der «Champions League des Jazz», wie Diethelm sie bezeichnet. Sie sorgen regelmässig für einen vollen Konzertsaal in der Pflegi. «In Muri gibt es etwa sechs Jazz-Fans. Wenn bei uns nur Schweizer Musiker spielen würden, kämen die Leute nicht von Zürich hierher. So haben wir aber Gäste aus dem Welschland und aus Süddeutschland», erklärt Diethelm.

Zu den meisten der Künstler, die auf seiner Bühne in der Pflegi auftreten, hat Stephan Diethelm (Dritter von rechts) eine persönliche Beziehung aufgebaut. Hier mit der US-Band Butcher Brown.

Zu den meisten der Künstler, die auf seiner Bühne in der Pflegi auftreten, hat Stephan Diethelm (Dritter von rechts) eine persönliche Beziehung aufgebaut. Hier mit der US-Band Butcher Brown.

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Die Künstler leben bei der Familie Diethelm

Die Zeiten seien nicht immer einfach gewesen, nicht jedes Konzert eine Sternstunde, so Diethelm. Doch seit er alleine für die Organisation des Anlasses zuständig sei, treten nur noch Künstler auf die Bühne, hinter denen er zu 100 Prozent stehen könne. Unterstützt wird er heute hauptsächlich von seiner Familie. «Zusammen haben wir sicher 600 Konzerte organisiert», erzählt er.

Dazu gehört bei den Diethelms nicht nur das Konzert selbst. Wer in Muri auf die Bühne tritt, schläft nicht einfach in einem Hotel. «Ich hole die Musiker immer vom Flughafen ab. Die meisten wohnen dann auch bei uns», erzählt er. Stephan Diethelm und seine Frau Myriam bewirtschaften die Künstler jeden Sonntag mit einem gemeinsamen Nachtessen vor dem Konzert und einem Frühstück am Morgen danach. «Das ist auch für sie speziell und wird sehr geschätzt», sagt er.

Für die heutigen Konzerte reisen die Gäste aus dem Welschland und auch aus Süddeutschland nach Muri an.

Für die heutigen Konzerte reisen die Gäste aus dem Welschland und auch aus Süddeutschland nach Muri an.

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Unterdessen hätte er zu einigen Musikern auch eine persönliche Beziehung aufbauen können. «Sie vergessen mich und meine Familie nicht mehr. Wir treffen immer wieder Bands in den Ferien. Das sind für mich die grössten Highlights aus dieser Zeit», sagt Diethelm stolz.

Die eigene Tochter von seinem Herzensprojekt überzeugt

In den vergangenen 20 Jahren hätte ihn vor allem das Feuer der jungen Künstler motiviert. «Es ist schön, jeden Sonntag neue Inputs von guten Musikern zu sehen. Ihre Leidenschaft inspiriert mich.» Was er als Lehrer am besten könne, sei Leidenschaft zu vermitteln. «Wenn ich sehe, dass ich bei den Schülern damit einen Samen setzten kann, freut mich das sehr.» Vor allem bei seiner eigenen Tochter sei ihm das gelungen:

«Es gab eine Phase, da wollte sie nichts damit zu tun haben. Heute ist sie fast jeden Sonntag in der Pflegi dabei. Das berührt mich sehr.»
Am 20. Geburtstag von «Musig im Pflegidach» tritt die Künstlerin Lau Noah auf.

Am 20. Geburtstag von «Musig im Pflegidach» tritt die Künstlerin Lau Noah auf.

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Der 20. Geburtstag am Sonntag, 8. August, von «Musig im Pflegidach» werde hauptsächlich mit Kuchen und dem Auftritt von der Musikerin Lau Noah gefeiert. «Ziel war es eigentlich, eine Saison lang nur Frauenbandleader zu engagieren. Doch nun mit Corona ist das alles etwas schwierig», sagt Diethelm. Er werde aber trotzdem versuchen, so viele Künstlerinnen wie möglich nach Muri zu holen. «Sonst wird es eine Saison wie jede andere auch. Weitermachen und dem Publikum Momente bieten, in denen es sich nur auf die Musik fokussieren kann», freut sich Diethelm auf die Zukunft.

Tickets und weitere Infos unter
www.murikultur.ch/musig-im-pflegidach