Hundepaten
Mit ihr werden Welpen zu Blindenführhunden

Die Wohlerin Nadja Stalder bildet seit zehn Jahren Hundewelpen aus, damit sie später Blindenführhunde, Assistenzhunde, Autismus-Begleithunde oder Sozialhunde werden können. Angefangen hat sie als Laie.

Andrea Weibel
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Andrea Weibel

Nadja Stalder spaziert mit ihrem jungen Labrador durch Wohlen – ein gewohntes Bild, das seit zehn Jahren wohl jeder im Ort schon einmal gesehen hat. Doch wie macht sie das? Ihr schwarzer Labrador scheint nie zu altern! Kaum ist er gewachsen, schrumpft er wieder zum Welpen zusammen. Ihr Trick ist denkbar einfach: Sie tauscht die rund einjährigen Hunde immer wieder gegen neue aus. Und zwar nicht nur, weil ihr Welpen so gut gefallen. Sie hat einen sozialen Grund: Die jungen Hunde werden auf ihre grosse Aufgabe als Blindenführhund, Assistenzhund, Autismus-Begleithund oder Sozialhund vorbereitet.

Zehn Welpen hat sie schon in deren erstem Lebensjahr begleitet, ihnen Hörzeichen und Verhaltensregeln beigebracht und sie an alle möglichen alltäglichen Geräusche im Haus, in der Stadt, auf dem Land und in den Verkehrsmitteln dazwischen gewöhnt. Und selbst nach zehn Jahren sagt sie: «Mir wird es nicht langweilig. Das passiert höchstens, wenn ich zwischen den Hunden eine zu lange Pause habe.»

Ein Hund für ein Jahr

Vor ihrem ersten Welpen, die sie alle von der Stiftung Schweizerische Schule für Blindenführhunde in Allschwil bekommt, hatte Stalder keine Ahnung von Hundeerziehung. «Ich hätte immer gerne einen Hund gehabt, bekam als Kind aber höchstens einen aus Plüsch.» Ihre drei Kinder, besonders ihre Tochter, wünschten sich damals ein Haustier. «Doch unser jüngster Sohn hatte eine Tierhaarallergie und reagierte auf Katzen- und Meerschweinchenhaar. Die kamen also nicht infrage.» Einfach so einen Hund anschaffen, der schlimmstenfalls wieder weggegeben werden müsste, wollten Nadja Stalder und ihr Mann Michael aber auch nicht.

Hunde-Patenfamilien

Nadja Stalder ist überzeugt von der Aufnahme eines Patenhundes für jeweils rund ein Jahr: «Für mich ist das die ideale Form von Hundehaltung. Die Kinder haben Spass mit den Welpen, und ich habe die Aufgabe, dem Hund beizubringen, was er später in der Ausbildung und als Blindenführhund brauchen wird.» Das sei auch ideal für Anfänger, denn «man wird gut instruiert und die Experten der Stiftung Schweizerische Schule für Blindenführhunde Allschwil sind immer erreichbar, wenn man Probleme hat.» Die Arbeit ist ehrenamtlich: «Die Stiftung bezahlt Spielsachen, Futter, Hundesteuer und den Tierarzt. Meine Leistung ist die Zeit, die ich in den Hund investiere.» Das sei schon ein 40-Prozent-Job, mindestens, sagt Stalder. «Aber ein sehr schöner.» Falina ist bereits der zehnte zukünftige Blindenführhund, der sein erstes Lebensjahr bei der Familie Stalder in Wohlen verbringt. Die Schule in Allschwil sucht ständig neue Patenfamilien für ihre Hunde. (aw)

Mehr Infos zur Stiftung finden Sie
unter: www.blindenhundeschule.ch

«Da las ich zufällig in einem Inserat, dass Allschwil noch Patenfamilien suchte. Das fand ich eine super Idee, weil der Hund nur rund ein Jahr bleiben würde, unabhängig von der Allergie.» So kam der kleine Xivan in die Familie, der erste schwarze Labradorwelpe aus einer langen Reihe. Denn David reagierte überhaupt nicht auf die Hundehaare. Im Gegenteil: Die ganze Familie verliebte sich sofort in den kleinen Tapser mit seinen anfangs viel zu grossen Pfoten. Und auch Nadja Stalder konnte sich bald ein Leben ohne die neugierigen kleinen Vierbeiner nicht mehr vorstellen.

Alle sind heute gut ausgebildet

«Damals hatte ich noch grosse Angst davor, Fehler zu machen und den Welpen so ihre Zukunft als Führhunde zu verderben», erinnert sich die 45-Jährige. Heute ist sie gelassener: «Noch immer sind die ersten Tage sehr chaotisch, denn jeder der Wuffel hat seinen ganz eigenen Charakter. Aber man wird von Anfang an gut von der Schule betreut und kann sich bei Fragen immer an die Experten wenden. So bin ich über die Jahre viel ruhiger geworden.» Mittlerweile kennt sie Tricks und Kniffe, um mit den Hunden zu arbeiten. «Und ich weiss, dass kleinere Fehler gar keine so grossen Auswirkungen haben, wie ich anfangs befürchtet habe.»

Heute wohnt die 18 Wochen alte Falina bei Stalders. Drei der neun Welpen vor ihr schafften es in die Ausbildung zum Blindenführhund, drei weitere wurden in die schuleigene Zucht aufgenommen. «Von den anderen drei ist eine Drogenspürhündin beim deutschen Zoll. Zwei erfüllten die Anforderungen der Schule nicht: Einer war viel zu verfressen, die zweite hatte gesundheitliche Probleme. Aber sie beide haben die Sozialhundeausbildung gemacht und leisten heute ehrenamtliche Einsätze mit ihren Haltern im Kindergarten oder bei einer HPS», ist Stalder stolz.

«Würde es weiterempfehlen»

Zehn Jahre haben die Welpen Nadja Stalder nun schon begleitet. Sie arbeitet zwei Morgen pro Woche als Buchhalterin der Kulturbeiz, daneben hat sie ehrenamtliche Arbeitsstellen, die Labradore sind natürlich immer dabei. «Die Hunde machen schon auch etwa eine 40-Prozent-Stelle aus, schätze ich.» Denn sie müssen nicht nur Gassi geführt werden, sondern auch an Menschen, Züge, Lifte, Gittertreppen, Kühe und alles andere gezielt gewöhnt werden (siehe Infobox). «Aber das macht mir grossen Spass. Die spannende Arbeit und die gute Betreuung durch die Experten sind Gründe, wieso ich es jedem Interessierten empfehlen würde. Es braucht viel Zeit und der Abschied ist jeweils hart. Aber es macht Spass und man bekommt viel von den Welpen und den Menschen zurück, denen sie später einmal den Alltag erleichtern können.»

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