Fake-Profile

Identitäts-Diebstahl auf Social Media: Und plötzlich bin ich eine Französin

Identitätsdiebstahl im Internet ist heute keine Seltenheit mehr. AZ-Praktikantin Natasha Hähni ist selbst betroffen. Hier erzählt sie, wie sie auf ein Fake-Profil mit ihrem geklauten Foto stiess – und was man dagegen tun kam.

Natasha Hähni
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Die Instagram-Profile von AZ-Praktikantin Natasha Hähni und ihrer Freunde wurden kopiert.

Die Instagram-Profile von AZ-Praktikantin Natasha Hähni und ihrer Freunde wurden kopiert.

Natasha Hähni

Ein Foto von meinen Freundinnen und mir an Neujahr. Eine schöne Erinnerung, die vor ein paar Wochen in unserem Gruppenchat gelandet ist. Irgendetwas stimmt aber nicht. Das Profil, von dem aus das Bild gepostet wurde, kenne ich nicht. Gemäss der Markierung auf dem Bild ist mein Nutzername «natashaofficiel», Französin bin ich meines Wissens aber nicht. Dazu kommt, dass Berlin als Standort vermerkt ist. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass ich an Neujahr in Zürich war. Eine Freundin mit dem Nutzernamen «diekleineblondine» kenne ich ebenfalls nicht, obwohl es so aussieht, als würde sie fröhlich lächelnd mit mir für das Foto posieren.

Fakeprofile auf Instagram Als dieses Bild aufgenommen wurde, feierten wir in Zürich und nicht in Berlin. Das Bild wurde von den Fake-Accounts geklaut. 

Fakeprofile auf Instagram Als dieses Bild aufgenommen wurde, feierten wir in Zürich und nicht in Berlin. Das Bild wurde von den Fake-Accounts geklaut. 

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Entweder gibt es in Berlin also eine Gruppe Französinnen, die genau so aussehen wie meine Freundinnen, meine Cousine aus Mexiko und ich, die in einem Lokal feiern, das genau so eingerichtet ist wie ein Club in Zürich – oder es handelt sich um eine Kopie. Dieser Verdacht verstärkt sich beim Versuch, die Profile anzuschauen: Keine von uns kann die Profile ansehen. Unsere Doppelgängerinnen haben uns alle blockiert. Ziemlich unfreundlich, wenn man bedenkt, dass sie nur dank uns existieren. Ich würde zu gerne wissen, was mein zweites Ich so treibt, wenn sie nicht gerade meine Bilder klaut. Mit dem Profil eines unbeteiligten Freundes verschaffen wir uns dann doch noch Einblick in das Leben unserer digitalen französischen Klone.

Atypische Doppelgänger

Doppelgänger in sozialen Medien sind keine Seltenheit. Letztes Jahr wurden alleine dem Bundesamt für Polizei (Fedpol) 84 Fälle von Identitätsdiebstahl im Internet gemeldet, und das sind bei weitem nicht alle. Die meisten Leute melden die Fake-Profile nämlich nur ihren Betreibern. Wieso wurden aber genau wir kopiert? Sven Ruoss, Studienleiter für Social Media Management an der Hochschule für Wirtschaft Zürich (HWZ) zählt ein paar typische Merkmale von Fake-Profilen auf: «In den meisten Fällen sind Fake-Profile weiblich, mit einem attraktiven Profilbild. Zudem haben sie keine oder nur wenige Status-Updates.»

Das ist das Fake-Profil, das meine Bilder verwendet. Der Fälscher hat es auf "Privat" eingestellt, damit niemand, den er nicht kennt, die Bilder anschauen kann. 

Das ist das Fake-Profil, das meine Bilder verwendet. Der Fälscher hat es auf "Privat" eingestellt, damit niemand, den er nicht kennt, die Bilder anschauen kann. 

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Ganz typisch sind unsere Doppelgänger demnach nicht. Die jungen Damen sind nämlich keineswegs scheu, was Statusupdates anbelangt. Sie laden regelmässig Bilder hoch und kommentieren diese gegenseitig. Einige der Kommentare sind ebenfalls kopiert. Manchmal waren die Kunstfreunde aber auch so frei, auf Französisch zu schreiben und zu witzeln. Warum genau wir kopiert wurden, wissen wir bislang noch nicht.

Verwirrte junge Männer

Die Bilder sind aus den Originalprofilen oder aus Snapchat-Storys. Snapchat gehört aber nicht zur selben Firma wie Facebook und Instagram. Eine Story ist eine Art persönlicher Bildergalerie, die nach 24 Stunden wieder verschwindet. Natürlich nur, wenn sie niemand speichert und für ein Fake-Profil verwendet. Genau das sei aber ziemlich oft der Fall, erklärt Ruoss: «Häufig werden Social-Media-Accounts vernetzt, um an Material aus den verschiedenen Plattformen zu kommen.»

Nicht nur die Bilder kopieren die Fakeprofile: Manchmal werden auch Kommentare übernommen. Ausserdem kommentieren die Fakeprofile selbst die geklauten Bilder. Nur warum? 

Nicht nur die Bilder kopieren die Fakeprofile: Manchmal werden auch Kommentare übernommen. Ausserdem kommentieren die Fakeprofile selbst die geklauten Bilder. Nur warum? 

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Neben allen verdeckten Methoden versuchten die Identitätsräuber auch ganz direkt, an Infos über uns zu kommen. So wurden einige aus unserem Freundeskreis auf Facebook und Instagram von jungen Franzosen angeschrieben. Die jungen Männer gaben sich immer davon überzeugt, dass unser Profil ebenfalls gefälscht sei. Sie seien in die junge Frau auf den Bildern verliebt und wir sollten ihnen beweisen, dass wir echt sind. Oft forderten sie ein Porträt oder Fotos unserer Identitätskarten. Über 40 Aufforderungen von verschiedenen Profilen waren es bis jetzt. Wieso wir dem 19-jährigen Nicholas aus Strassburg aber beweisen sollten, dass es uns wirklich gibt, leuchtete glücklicherweise weder mir noch einer meiner Freundinnen ein.

Keine Bilder und alles privat

Auch Wochen später existieren alle unsere Doppelgängerprofile immer noch und laden weiter fleissig Bilder hoch. Manchmal sind sie ein paar Jahre alt, manchmal vom Vortag. «Das Problem ist nicht neu», verdeutlicht Fedpol-Mediensprecherin Cathy Maret. «Vorbeugen kann man lediglich mit den richtigen Privatsphäreeinstellungen und bewusstem Hochladen von Inhalten.» Das bestätigt auch Ruoss: «Grundsätzlich soll sich jeder Gedanken machen, welche Informationen oder Fotos er jedermann im öffentlichen Profil von Facebook oder Instagram zeigen möchte.» Auf Facebook könne man zusätzlich die Sichtbarkeit der Freundesliste von «öffentlich» auf «nur Freunde» oder «nur ich» einstellen. Auf diese Weise würden Fremde keine Freundeslisten mehr sehen können.

Die Personen, die unsere Identitäten geklaut haben, kommen aus Frankreich. Fakeprofile kommentieren gegenseitig die Bilder.

Die Personen, die unsere Identitäten geklaut haben, kommen aus Frankreich. Fakeprofile kommentieren gegenseitig die Bilder.

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Falls man dennoch reingelegt wird, empfiehlt Ruoss, das Fakeprofil bei der entsprechenden Social-Media-Plattform zu melden. Einen Weg, herauszufinden, wer die Profile angelegt hat, gäbe es jedoch kaum.

Betrügen, um zu betrügen

Aber warum macht sich jemand die Mühe, all unsere Profile zu kopieren? «Meistens erstellt eine Person im grossen Stil neue Fake-Accounts, um möglichst realistisch zu erscheinen. So gewinnt sie das Vertrauen von Drittpersonen.», sagt Maret. Häufig sei Betrug das Ziel: Das Vertrauen der Drittpersonen wird ausgenutzt, um an Daten und damit auch an Geld zu kommen.

Der Gedanke, dass jemand durch meine Internet-Doppelgängerin oder meinen Doppelgängerfreundeskreis zu Schaden kommen könnte, ist beunruhigend. Deswegen werde ich Nicholas und seine französischen Freunde auch den Facebook-Betreibern melden. Heutzutage haben viele Leute das Gefühl, ohne soziale Medien nicht leben zu können. So leid es mir tut: Auf diese Gruppe trifft das tatsächlich zu.