Herbert Strebel

Grossrat zum Abschied: «Wir Politiker sind selber schuld – wir lügen zu viel, wir verdrehen Tatsachen»

Der abgetretene Grossrat Herbert Strebel wünscht sich in der Politik mehr Solidarität und mehr Sachlichkeit. Im Interview erklärt er, warum Politiker selber schuld sind an ihrem schlechten Ruf und warum ihm beim Schauen der «Arena» die Galle hochkommt.

Eddy Schambron
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Herbert Strebel beurteilt, nicht ohne selbstkritischen Blick, seine Jahre in der kantonalen Politik als bereichernde Erfahrung.

Herbert Strebel beurteilt, nicht ohne selbstkritischen Blick, seine Jahre in der kantonalen Politik als bereichernde Erfahrung.

Eddy Schambron

Herbert Strebel aus Muri sass 15 Jahre für die CVP im Grossen Rat. Er vertrat die Interessen des Bezirks Muri, ohne die Gesamtsicht auf den Aargau zu verlieren. In seinem Rücktrittschreiben hält er fest, dass ihn immer die Sicherheitspolitik und Anliegen und Verbesserungen im ländlichen öffentlichen Verkehr besonders interessiert hätten. «Unser Kanton ist ein Kanton der Regionen, das darf die Regierung nicht vernachlässigen.»

Herr Strebel, was nehmen Sie mit aus 15 Jahren als Grossrat?

Herbert Strebel: Viele Erfahrungen. Ich durfte zahlreiche interessante Menschen kennen lernen und viele Zusammenhänge erkennen. Es hat sich gezeigt: Es ist nicht immer so einfach, wie politische Anliegen am Stammtisch beurteilt werden.

Die Erfahrungen sind mehrheitlich positiv?

Ja, das ist ganz klar. Die Politik habe ich immer ernst genommen, aber nicht so nahe an mich herankommen lassen, dass mir negative Sachen schlaflose Nächte bereitet hätten. Nur ein Punkt ist mir wirklich negativ eingefahren. Vor etwa drei Jahren wollte der Regierungsrat die Finanzierungsgesellschaft Immobilien Kanton Aargau für grosse Bauprojekte gründen. Die hat man versenkt. Man hätte jetzt aber mit Billiggeld notwendige Bauvorhaben realisieren können.

Hat sich in den letzten 15 Jahren die Politik verändert?

Stark. Heute haben wir durch die Ratsverkleinerung und die Sparerei viel weniger Sitzungen als früher. Dieses Jahr kam es mit 20 Sitzungen sogar zu einem Negativrekord; früher hatte man im Grossen Rat bis 55 Sitzungen. Wesentlich ausgeprägter ist heute das Links-Rechts-Denken. Früher konnte man hin und wieder einen Kompromiss finden. Das ist heute praktisch unmöglich.

Und die CVP ist mittendrin.

Dieses Links-Rechts-Schema ist störend, wenn man von einer Mittepartei kommt. Weil wir da nicht mitmachen, wird uns Wischiwaschi-Politik vorgeworfen. Aber trotz Verlusten unserer Partei können wir immer noch das Zünglein an der Waage spielen, wenn auch nicht mehr so stark wie früher. Hinzu kommt, dass die neuen Kleinstparteien teilweise sehr unberechenbar politisieren. Sie sind schwierig einzuordnen und einzuschätzen.

Das macht Politisieren schwieriger?

Viel schwieriger. Es macht die Ratsverhandlungen oft langatmig, Lösungen zu finden manchmal sogar unmöglich.

Neben den Grossratssitzungen in Aarau stehen viele Versammlungen und Repräsentationen in der Region an. Lohnt sich dieser Aufwand?

Diese Versammlungen gehören dazu, ich werde sie sogar vermissen. Die Kontakte mit den Leuten aus meiner Region haben mir sehr viel gebracht. Man kann nicht Grossrat sein und nur an die Ratssitzungen gehen. Aber klar: Finanziell gesehen, lohnt sich das bei einem Grundgehalt von 4000 Franken nicht. Auf kantonaler Ebene politisieren ist ein Hobby, bei dem man noch Geld drauflegt. Für mich geht das unter Freiwilligenarbeit.

Sie sind ein Politiker der sachlichen, besonnenen Art. Wird man so weniger gehört als die andern, die Lauten?

Ganz klar. Aber das Laute ist nicht meine Art, es entspricht mir einfach nicht. Meine Welt war eher die Kommissionsarbeit. Im kleineren Rahmen kann man Einfluss nehmen, etwas bewirken. Das war auch der besonders interessante Teil meiner politischen Arbeit.

Für Mitteparteien, insbesondere die CVP, wird es immer enger. Was tun?

Ich weiss es schlicht und einfach nicht, ich habe überhaupt kein Rezept. Ich sehe eigentlich nur zwei Wege: Entweder durchhalten und hoffen, dass der Wert von Kompromissen und sachlichen Auseinandersetzungen wieder Aufwind erhält. Die Erfahrung zeigt, dass das Pendel auch wieder auf die andere Seite ausschlagen kann. Oder man muss manchmal mit etwas aufhören, damit etwas Neues entstehen kann. Aber das ist keine mehrheitsfähige Option.

Die CVP aufheben?

Selbstverständlich dürfen wir die CVP nicht aufheben. Wir sollten unsere Arbeit weitermachen, ohne uns zu verbiegen. Aber wenn alles nichts hilft, wenn sich nichts ändert, dann muss man über die Bücher, dann muss man sich eben einmal neu ausrichten.

Die Glaubwürdigkeit von Politikern und auch Politikerinnen ist stark angeschlagen. Sehen Sie das auch so?

Das ist zweifellos so. Und wir sind selber schuld. Wir lügen zu viel, wir verdrehen Tatsachen. Man schaue nur einmal die Kommentare nach einem Abstimmungssonntag an: Da gibt es keine Verlierer. Alle erklären sich immer zu Gewinnern. Das ist doch nicht glaubwürdig. Wir müssen einfach das Volk wieder besser spüren und hören.

Warum spüren Politiker das Volk nicht mehr?

Das ist für mich eine Frage, die mich permanent umtreibt. Ich kann sie nicht beantworten. Ich für mich habe das Gefühl, ich sei immer auf dem Boden geblieben. Es ist aber auch ganz schwierig, manchmal komplizierte Zusammenhänge dem Stimmberechtigten nachvollziehbar zu erklären.

Viele Bürgerinnen und Bürger sind der Politik überdrüssig.

Das ist so. Die Hauptschuld ist etwa dem Fernsehen zuzuschieben. Wenn ich zum Beispiel die Sendung «Arena» schaue, kommt mir die Galle hoch. Man hat am Schluss nicht mehr Wissen, man sieht nur, wie sich Politikerinnen und Politiker einen Schlagabtausch liefern und sich anöden. Das stösst ab.

Also ist es verständlich, wenn sich viele Leute von der Politik abwenden?

Nein, dafür habe ich kein Verständnis. Das ganze Leben ist politisch. Sogar der Preis von einem Päckli Hörnli besitzt doch eine politische Komponente. Deshalb verstehe ich nicht, dass man nicht mehr bereit ist, da mitzugestalten, sich einzumischen.

Es ist bald Weihnachten. Was wünschen Sie sich als abgetretener Grossrat für die Politik im Aargau?

Dass sie wieder stärker auf die Ebene Sachpolitik kommt, dass der Kanton nicht zu Tode gespart wird und dass Solidarität wieder mehr Gewicht erhält. Steuerwettbewerb beispielsweise ist per se nicht schlecht, aber was im Moment abgeht, ist ruinös. Und wenn man noch mehr sparen will, geht es nicht ohne Verzichtsplanung. Dann muss man sagen, was man wirklich will und was nicht.

Und für das Freiamt?

Einen Regio-Express von Aarau bis nach Goldau (lacht). Sonst wünsche ich mir eine gesunde Solidarität unter den Gemeinden. Auch Aussengemeinden müssen vermehrt die Lasten der Zentrumsgemeinden mittragen. Die Sportvereine von Muri haben jüngst ein schönes Beispiel geliefert: Obwohl der Kunstrasen zu 80 Prozent dem FC Muri dient, haben sie das Projekt ebenfalls unterstützt. Allgemein kann man aber feststellen, dass es uns im Freiamt gut geht. Der Bezirk Muri spielt wirtschaftlich gesehen zwar nicht in der ersten Liga, aber wir sind nicht so am Rand und vergessen, wie wir gerne beklagen. Wenn wir zueinander schauen, wird es uns auch in Zukunft nicht schlecht gehen.