Weihnachtsserie

Elsa Müller: «Wir haben nichts vermisst, aber es war eine arme Zeit»

«Ich kann mich an kein Geschenk erinnern, das mich wirklich gefreut hat.» Elsa Müller (89) erzählt, wie sie in einer bitteren Zeit feierte und ihr trotzdem nichts fehlte. Was man hatte, wurde mehr geschätzt, meint sie.

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Die 89-jährige Elsa Müller wollte schon als Kind immer alles schöner machen und dekoriert nun ihr Zimmer im Seniorenzentrum mit Leidenschaft.

Die 89-jährige Elsa Müller wollte schon als Kind immer alles schöner machen und dekoriert nun ihr Zimmer im Seniorenzentrum mit Leidenschaft.

Sandra Ardizzone

Das Zimmer von Elsa Müller im Seniorenzentrum Burkertsmatt in Widen platzt fast vor Weihnachtsdekoration. Sterne, die goldig glitzern, solche aus Stroh oder Filz, ein kleiner Weihnachtsbaum aus Holz und Kerzen schmücken den Tisch, die Kommode, das Fenster – kurz gesagt: den ganzen Raum. Und den Balkon. «Ich muss mich jeweils bremsen», lacht Elsa Müller. Neben ihr steht eine Tasche, gefüllt mit weiterem Weihnachtsschmuck, den ihr ihre Kinder gebracht haben. «Ich wollte schon als Kind immer alles schöner machen», erzählt die Rentnerin mit Jahrgang 1929, die im Januar ihren 90. Geburtstag feiert. Alles im Zimmer ist aufeinander abgestimmt. Ihre Leidenschaft fürs Schmücken spürt man aber nicht nur dadurch, sondern auch, wenn sie erzählt.

So erinnert sie sich noch sehr gut an die Verzierungen an den Weihnachtsfesten in ihrer Kindheit. «An unserem Tannenbaum hing Schoggi, eingepackt in farbiges Papier. Und Kugeln, die waren aus so gefälteltem Glas.» Der Baum war zudem mit echten Kerzen bestückt. «Das können sich viele heute gar nicht mehr vorstellen», sagt Müller nachdenklich. Dann schmunzelt sie. «Von anderen habe ich gehört, dass sie einen Kessel mit Wasser bereit hielten, aber wir hatten das nie.» Es gab ein gutes Essen, und zum Dessert machte der Vater Schwäne aus Eiweissschnee. Elsa Müller ahmt mit ihren Händen die Bewegungen des Vaters nach und zeigt, wie er die Schwäne mit einem Spritzsack formte. Sie ergänzt: «Mein Papa war Küchenchef.» Am 24. Dezember gab es neben den Eiweiss-Skulpturen seine gedämpften Äpfel aus dem Ofenloch.

Keine erfreulichen Geschenke

Während der Weihnachtszeit herrschte bei Müllers Familie stets reger Betrieb. «Wir hatten immer viel Besuch. Es kamen vier, fünf, sechs Personen zu uns.» Gegessen wurde im Wohnzimmer, das aufs Feinste herausgeputzt wurde. «Wir nahmen das Sonntagsgeschirr mit Goldrand und ein weisses Damast-Tischtuch mit einem hellblauen Rand hervor. Mit beidem mussten wir furchtbar vorsichtig sein», erzählt die ursprüngliche Bernerin. Nicht nur die Stube wurde zurechtgemacht: «Wir zogen unsere Sonntagsschuhe und Strümpfe an. Die waren so furchtbar gestrickt, sie haben richtig gebissen», so Müller. «Diese Schuhe, die sind praktisch neu geblieben, bis sie einem zu klein waren», lacht sie. «Das war schon speziell.»

Die Bescherung hielt sich in ihrer Kindheit in Grenzen. Im Gedanken daran muss sie lachen: «Ich kann mich an kein Geschenk erinnern, das mich wirklich gefreut hat. Einmal bekam ich eine Puppe. Eigentlich hatte man Puppen gerne, aber bei dieser hat sich der Leim der Perücke gelöst. Darunter hatte sie ein riesiges Loch im Kopf. Das hat mich so geekelt.»

Im Allgemeinen findet Elsa Müller, sei man damals mit weniger zufrieden gewesen als heute. «Was man hatte, wurde mehr geschätzt», sagt sie überzeugt. «Wir haben nichts vermisst, aber es war eine arme Zeit. Aber es ging vielen schlecht, das machte es ein bisschen weniger schlimm.» Müller denkt nach. «Meine Mama war nie fröhlich, das ist das Einzige, das ich traurig finde. Aber wir Geschwister hatten es trotzdem immer gut.»

Mit dem Schlitten zum Forsthaus

Eine Tradition aus ihrer Kindheit blieb der Frau mit der gemusterten Brille besonders gut im Gedächtnis: Wie sie und ihre Geschwister den Weihnachtsbaum holten. «Das war ein grosses Szenario», erzählt die Seniorin. «Wir luden den Tannenbaum auf den Schlitten und zogen ihn durch den Wald. Wenn es keinen Schnee hatte, nahmen wir den Leiterwagen.»

Die Forsthütte, wo die Kinder den Baum holten, war ungefähr einen 30 minütigen Fussmarsch vom Haus der Familie entfernt. «In der Nähe der alten Rennbahn. Die war da noch gepflastert», weiss die 89-Jährige noch zum genauen Standort. «Das war noch lustig und immer ein Erlebnis.» Der Baum wurde von den Geschwistern singend nach Hause transportiert und dem Vater übergeben. «Mein Papa hat den Stamm geschnitzt, damit wir ihn aufstellen konnten.» Nachdem die Kinder ihre Arbeit getan hatten, wurde der Baum von den Eltern hinter verschlossenen Türen geschmückt.

Selber hat Müller drei Kinder. Zwei Söhne und eine Tochter. Mit ihnen hat sie in der Weihnachtszeit viele Guetzli gebacken und – natürlich – das Haus dekoriert. «Wir machten Mailänderli und hängten sie an den Baum und die Fenster. Nach Weihnachten nahmen wir sie wieder runter und tunkten sie in den Tee», schwelgt Elsa Müller lachend in Erinnerung.