Konzertkritik
Ein Russe war in Bremgarten – und bewegte die Gäste

Das grosse Abend- und Morgenlob von Sergej Rachmaninow (1873–1943) wurde in der Stadtkirche aufgeführt – und das Gotteshaus war bis auf den letzten Platz gefüllt.

Stephan Rinderknecht
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Der Aufwand hatte sich gelohnt, die Stadtkirche war an diesem aussergewöhnlichen Konzert bis auf den letzten Platz besetzt. Urs Schmassmann

Der Aufwand hatte sich gelohnt, die Stadtkirche war an diesem aussergewöhnlichen Konzert bis auf den letzten Platz besetzt. Urs Schmassmann

Es gäbe einiges zu sagen zu dieser Vigilie, in liturgischer Hinsicht. Beispielsweise zur Abfolge der einzelnen Chorsätze. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts, angefangen mit Glinka, wurde die orthodox-russische Kirchenmusik wieder zu einem festen Bestandteil des russischen Musikschaffens.

Sehr genau nahm man es allerdings mit der Liturgik nicht mehr. Rachmaninow, nach einer USA-Tournee mit wechselndem Erfolg, zog es bereits vor 1915 zurück in seine Heimat. Op. 37, das grosse Abend- und Morgenlob, entstanden in jenem Jahr, ist eine Hommage an die mehr als 1400 Jahre alte Liturgietradition der orthodox-russischen Kirche. Vermutlich gab ihm dieses Werk einen gewissen Rückhalt und Trost (?) nach der Expatriierung (Oktoberrevolution von 1917).

Vielleicht kein «Schicksalswerk» – aber eine tiefe Seelenspur eines genialen Musikers und Komponisten, der zur Genüge gelitten hatte. Schubert lässt grüssen ...

Enorme Klangfülle

Auf beeindruckende Weise kamen in diesem Abendkonzert die enorme Klangfülle und die tiefe Religiosität des Werkes zur Geltung. Sowohl die beiden Chöre als auch die Solisten interpretierten gepflegt, präzise, mit beeindruckendem Stimmvolumen. Dynamisch differenziert, vom forte Fortissimo bis zum raunenden dreifachen Piano.

Und siehe da: Auch in der Schweizer Chorkultur existieren erfreulicherweise die «Steinkohlenbässe»! Das darf wohl auch noch dankend erwähnt werden. Nebst den meditativen, zum Teil strengen Sätzen und den Rezitativen des Solo-Basses kamen bei den extrovertierteren Halleluja-Sätzen Aspekte zur Geltung, welche dem rhythmischen Schwung eines Gospels in nichts nachstehen und dem souveränen Dirigenten offensichtlich ganz besondere Freude bereiteten.

Alles andere als provinziell

Das Publikum in der vollbesetzten Stadtkirche war sichtlich bewegt. Selten erlebt man ein Konzertpublikum, welches sich gleichzeitig so aufmerksam und hingebungsvoll auf ein anspruchsvolles Werk einlässt.

Den hochkarätigen Anlass hatte man der Kulturinsel Bremgarten (Urs Schmassmann mit seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern) und Heinz Bergamin als treibender Kraft zu verdanken. Alles andere als provinziell. Die Konzertbesucher belohnten die Musikerinnen und Musiker mit Standing Ovations.