Schiedsrichter

«Einfältiger Trottel, geh nach Hause!»

Ihr Arbeitstag zählt nicht selten 18 Stunden. Dafür erhalten unsere besten Schiedsrichter viele Pfiffe, wenig Respekt und kaum Anerkennung. Eine Reportage über einen Spieltag im Leben des Aarauer Super-League-Schiedsrichters Dani Wermelinger.

Von François Schmid-Bechtel (Text) und Chris Iseli (Bilder)
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Daniel Wermelinger

Daniel Wermelinger

Solothurner Zeitung

Zubi hängt an der Wand. Gerahmt. Zumindest sein Trikot aus einem Spiel gegen Deutschland, das die Schweiz 0:4 verloren hatte. Es gibt auch Shirts von Barcelona und Lyon. Versehen mit dem Datum und dem Schiedsrichter-Aufgebot. Dani Wermelinger wird da jeweils als vierter Offizieller aufgeführt.

Das ist der Mann, der zwischen den Trainerbänken steht; der die Nachspielzeit und die Auswechslungen anzeigt. Der so gut wie nie im Mittelpunkt steht. In Wermelingers Fall mehrheitlich im Schatten des einzigen Top-Schiedsrichters, den die Schweiz zurzeit hat: Massimo Busacca. Daran stört sich Wermelinger indes nicht.

Hauptberuf: Buchhalter

Dienstagmorgen, kurz vor acht. Wir sitzen im Büro von Wermelinger, der beim Kanton Aargau als Leiter Controlling und Finanzen für das Departement Bau, Verkehr und Umwelt angestellt ist. Der erste Blick fällt auf Wermelingers Mitte. «Wie dick darf ein Schiri sein?», fragte der «Blick» und zeigte ein Bild Wermelingers. Das Hemd hängt locker aus der Hose. Von Bauchansatz ist nichts zu sehen. Mit fachlicher Kritik könne er gut umgehen. «Aber diese Schlagzeile hat geschmerzt», sagt der 40-Jährige. Unangenehm sei es, wenn ihn nur schon ein Teil der rund 500 Mitarbeiter auf diese Story anspräche. Zum Glück sei der Sohn erst drei und bekomme davon noch nichts mit. Und wenn man die Kommentare zu dieser Story lese, «wird es einem anders».

Wie lange tue ich mir das noch an? Als Schiedsrichter hat Wermelinger eine Stufe erreicht, die ihn zu grundsätzlichen Überlegungen animiert. Fünf Jahre könnte er zwar noch auf höchstem Niveau pfeifen. Doch die Lust nimmt ab. Dabei ist die Lust die wichtigste Triebfeder für einen Unparteiischen, der weder reich noch populär wird.

«Mein Ende ist absehbar», sagt Wermelinger. «Ich suche nach dem richtigen Moment. Relevant ist für mich, dass ich dieses Jahr einige Ausland-Einsätze habe, die für mich von grosser Bedeutung sind, um meinen Horizont zu erweitern. Und vielleicht darf ich in der nächsten Saison ja den Cupfinal leiten. Das Ausland und der Cupfinal 2012 sind meine Motivation, um vorläufig noch weiterzumachen.»

Gibt die Ferien für sein Hobby her

Wir sehen die Schiedsrichter 90 Minuten und denken: Okay, die laufen zwischen 12 und 15 Kilometer. Das ist viel. Aber sonst? Steckt noch viel mehr psychische und physische Belastung dahinter als das, was wir vom Spiel kennen. Der zeitliche Aufwand sei enorm, sagt Wermelinger. Arbeitsausfall muss er mit Ferien kompensieren, weshalb in den letzten Jahren bloss noch zwei freie Wochen für die Familie übrig geblieben sind.

Am Montag ist der Aarauer vom Spiel Wiener Neustadt gegen SV Ried zurückgekehrt. Danach standen Auslaufen und Massage auf dem Programm. Am Nachmittag war er bereits wieder im Büro. Am Dienstagmorgen ebenfalls. Danach das Spiel Bellinzona - Sion. Und am Ostermontag leitet er den Cup-Halbfinal FC Zürich gegen Xamax. Wir haben Wermelinger am Tag des Spiels Bellinzona - Sion 18 Stunden lang begleitet.

Nach ganz oben reicht es nicht

Es ist eine Begegnung der unbestätigten Vorurteile. Schiedsrichter sind besserwisserisch, arrogant, herrisch, unreflektiert. «Ich bin sicher ein guter Super-League-Schiedsrichter. Aber ich habe meine Limiten.» Er lege Wert auf Geselligkeit, sei aber trotzdem «zwäg». Doch für ganz nach oben, also dort, wo Busacca steht, reiche es ihm nicht. Das sei schon immer klar gewesen. Was aber nichts damit zu tun hat, dass sich Wermelinger mit dem Rücktritt auseinandersetzt. «Wenn du den Hass in den Gesichtern der Fans siehst, weil du Corner statt Abstoss pfeifst, beschäftigt dich das schon. Da erschrickst du, wenn du dir das Gewaltpotenzial dieses Moments vorstellst. Das gibt mir schon zu denken. Denn haben wir in unserer Gesellschaft nicht andere Probleme als einen falschen Schriri-Pfiff?»

Kein Gejammer. Kein Verdruss. Er gönnt den Spielern den Jaguar und die Designerklamotten. Er hat Verständnis für die Einflussnahme von Präsidenten, Trainern und Spielern, weil er den Fussball mit einer Theaterbühne vergleicht, wo jeder das Beste für sich herausholen will. Was ihn nervt, ist die fehlende Anerkennung. Natürlich habe ihn keiner gezwungen, Schiedsrichter zu werden. Aber die Grenze sei erreicht. Die Entlöhnung ist in den letzten zehn Jahren praktisch unverändert geblieben. Den Anzug müssen die Unparteiischen zur Hälfte selbst bezahlen. Seit zweieinhalb Jahren sei man dran, bessere Rahmenbedingungen mit dem Verband und der Swiss Football League auszuhandeln. Die Schiedsrichter streben ein 80:20-Modell an. 80 Prozent arbeiten, 20 Prozent Schiedsrichterei.

Der Lohn: Ein Taschengeld

Nach drei Besprechungen im Büro fährt Wermelinger um 11 Uhr Richtung Tessin. Um 13.30 Uhr essen wir auf der Autobahnraststätte Bellinzona. Danach ruhen sich die Schiedsrichter im unprätentiösen Motel bis 17 Uhr aus. Danach die Besprechung mit seinen Assistenten Bruno Zurbrügg und Edi Kaufmann. «Ziel ist, dass wir keine matchentscheidenden Fehler machen! Ihr müsst mit Lust und Spass ins Spiel. Denn es ist ein Privileg, in dieser Liga zu pfeifen. Ihr müsst immer die Überlegungen der Spieler antizipieren. Ihr müsst nichts suchen, was es nicht gibt. Denn wir haben gewonnen, wenn wir nach dem Spiel kein Thema sind – unabhängig davon, was der Inspizient sagt. Und bringt mir Spielinformationen. Ihr kennt mich, ich spreche viel mit euch und den Spielern. Ich erwarte kein böses Spiel. Aber es braucht wenig, damit die Emotionen hoch kommen. Denn beide Teams stehen unter Druck.»

Im Stadion klatscht Wermelinger mit einigen Spielern beider Mannschaften ab. «Ich bin ein menschlicher Schiedsrichter», sagt er. Gürkan Sermeter, Bellinzonas Edelreservist meint: «Wermelingers grösste Stärken sind sein Verhalten und seine Kommunikation.» Anpfiff. In der 13. Minute zeigt er Bellinzona-Verteidiger Pergl Gelb, weil ihn Assistent Zurbrügg per Headset auf ein Foul abseits des Geschehens aufmerksam macht. Eine Schlüsselszene. Die Ambiance wird giftig. Nur eine Minute später sieht Pergls Teamkollege Lima Gelb, weil er nach Dingsdags Griff ins Gesicht «Theater macht», wie Wermelinger später sagt.

Wenig Charmantes

«Minchione. Wermelinger vergogna. Vai a casa.» «Einfältiger Trottel. Wermelinger schäme dich. Geh nach Hause», ist noch das Netteste, was er zusammen mit Pfiffen auf dem Gang zur Kabine zu hören bekommt. So etwas lasse ihn kalt, sagt Wermelinger. «Wir haben unser Ziel erreicht und sind in einem extrem schwierigen Spiel mit vielen versteckten Unsauberkeiten ohne matchentscheidenden Fehler geblieben», sagt er nach einer späten Pizza unmittelbar neben dem
Stadion.

Trotzdem ist er immer noch aufgekratzt, als er um 23.20 Uhr Bellinzona verlässt. Um 1.40 Uhr fahren wir bei Wermelingers Haus vor. Er bittet uns hinein, weil er eh nicht schlafen kann, bevor er die strittigen Szenen nicht nochmals gesehen hat. «Okay, Pergl hätte ich nicht Gelb zeigen sollen. Danach hätte ich nicht nur Lima für sein Theater, sondern auch Dingsdag verwarnen müssen. Aber sonst wars okay», sagt Wermelinger um 2.15 Uhr.

Fünfeinhalb Stunden später sitzt er bereits wieder im Büro.