Corona-Massnahmen
Infektiologe Christoph Fux ist für die Maske in der Gartenbeiz: «An- und Ausziehen ist das kleinere Risiko als das Nicht-Tragen»

Neu muss in der Gartenbeiz auch am Tisch eine Maske getragen werden, wenn nicht konsumiert wird. Die Regel stösst bei vielen Barbesuchern und auch bei Politikerinnen auf Unverständnis. Christoph Fux, Infektiologe am Kantonsspital Aarau, erklärt im Interview, warum sie dennoch sinnvoll ist.

Zara Zatti
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Setzt mehr auf Eigenverantwortung als auf Verbote: der Infektiologe Christoph Fux vom Kantonsspital Aarau.

Setzt mehr auf Eigenverantwortung als auf Verbote: der Infektiologe Christoph Fux vom Kantonsspital Aarau.

Bild: Britta Gut

Letzte Woche gingen die Barterrassen und Gartenbeizen wieder auf. Die Lust nach einem Drink in Gesellschaft ist gross bei der Bevölkerung. Was viele nicht wissen: Die Maske muss auch am Tisch getragen werden, wenn man nicht gerade isst oder trinkt. Eine Tour durch Baden letzte Woche zeigte, dass die Regel für Verwirrung sorgt. Viele erachten es auch als sinnlos, zwischen den Drinks die Maske aufzusetzen.

Auch SVP-Nationalrätin Martina Bircher ärgert sich über die neue Maskenordnung. Auf Twitter wendet sie sich mit einem offenen Brief an Regierungsrat und Polizeidirektor Dieter Egli (SP). Darin kritisiert sie die Maskenpflicht am Beizentisch und fordert Egli auf, die neue Regel mit «gesundem Menschenverstand» und Augenmass durchzusetzen.

Darauf setzt die Polizei im Aargau schon länger. «Wir gehen – wie bereits seit Beginn der Pandemie – mit Augenmass vor», sagte Corina Winkler, Mediensprecherin der Kantonspolizei Aargau, gegenüber der AZ zur neuen Maskenregel. Zu kontrollieren, ob jemand die Maske am Tisch gerade tragen müsste, dürfte auch der Polizei schwerfallen. Besonders weil sich fast niemand daran hält. Bei Verstössen wenden sich die Polizisten primär an den Wirt, sagt Winkler. Erst bei Uneinsichtigkeit oder massiven oder wiederholten Verstössen nach Verwarnungen würde je nach Situation Anzeige erstattet oder Bussen verteilt.

«Werden wir endlich erwachsen und übernehmen Selbstverantwortung»

Der Chefarzt Infektiologie am Kantonsspital Aarau, Christoph Fux, spricht sich ebenfalls gegen eine durchgehende Maskenpflicht am Beizentisch aus. Sinn mache es dennoch, die Maske zwischen den Gängen wieder aufzusetzen, sagt er.

Herr Fux, wenn ich eine halbe Stunde mit meiner Kollegin ein Bier getrunken habe: Macht es danach noch Sinn, die Maske aufzusetzen?

Christoph Fux: Es macht grundsätzlich immer Sinn, die Maske zu tragen. Letztlich steigt das Risiko, dass ich mich infiziere, je länger ich ungeschützt Kontakt mit einer Person habe.

Nach dem Bier mit meiner Kollegin habe ich mich also nicht sowieso schon infiziert, falls sie positiv wäre?

Nein, denn es spielen verschiedenen Faktoren eine Rolle, ob es zu einer Infektion kommt oder nicht. Zum Beispiel hat es einen Einfluss, wie weit die Köpfe voneinander entfernt sind, wie laut gesprochen wird oder aus welcher Richtung der Wind bläst. Ist der Tisch breit und weht der Wind von links nach rechts, ist das Ansteckungsrisiko gleich null. Das ändert sich, wenn der Wind in meine Richtung bläst. Es ist also eine Wahrscheinlichkeitsrechnung: Je länger ich die Maske an einem Abend trage, desto kleiner die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich infiziere.

Wenn ich die Maske an einem Abend ständig an- und ausziehe: Kann es da nicht sein, dass ich mich durch die Maske mit dem Virus infiziere?

Man sollte die Maske beim An- und Ausziehen an den Bändeln halten, weil die Oberfläche der Maske mit Viren besiedelt sein kann. Berührt man die Oberfläche, sollten die Hände gewaschen oder desinfiziert werden. Grundsätzlich hat uns die Erfahrung aber gelehrt, dass eine Ansteckung über Oberflächen viel seltener ist als befürchtet. Deshalb ist das An- und Ausziehen der Maske das kleinere Risiko als das Nicht-Tragen.

Bringt auch meine zerknitterte Maske aus dem Hosensack etwas?

Auf dieser Maske können sich Viren befinden, man setzt sich selber also einem höheren Risiko aus, als wenn man eine frische Maske trägt. Ich selbst bewahre meine Maske immer in einem Picknick-Papierbeutel auf. Das Gegenüber schützt aber auch eine zerknitterte Maske.

Nun ist es aber sehr schwer zu überprüfen, ob jemand die Maske nach dem Essen aufsetzt oder nicht.

Natürlich, die Polizei soll nicht mit der Stoppuhr von Tisch zu Tisch gehen. Deshalb finde ich auch, dass es hier keine spezifische Regel braucht. Man muss den Menschen klar machen, wieso es sinnvoll ist, die Maske zwischen den Drinks zu tragen. Jeder Tisch soll selbst entscheiden, was für sie richtig ist. Und sich dabei im Klaren sein, dass das Verhalten eines jeden definiert, wie lange wir die kostbaren Freiheiten behalten oder gar ausbauen können.

Dass die Restaurants wieder offen haben, finden sie also vertretbar?

Ja, ich finde es gut, dass die Terrassen wieder offen sind. Wir sollten uns in unserer neuen Freiheit aber so vorsichtig verhalten wie möglich. Wir müssen wegkommen vom schwarz-weiss Denken, entweder nichts zu dürfen oder sich alles zu erlauben wie früher. Wir müssen in den Grautönen geniessen lernen. Das heisst beispielsweise, eine grössere Sportveranstaltung mit Maske zu besuchen, dafür während dieser Zeit auf Bier und Wurst zu verzichten – auf dass es auch ein nächstes Mal gebe.

Besteht bei zu vielen Vorschriften nicht die Gefahr, dass die Menschen regelmüde werden?

Doch, zudem geschehen die meisten Ansteckungen im privaten Bereich. Wenn man zu rigorose Regeln aufstellt, besteht die Gefahr, dass die Menschen sich dann einfach zu Hause auf engem Raum treffen. Und dort ist das Ansteckungsrisiko viel grösser. Grundsätzlich stört es mich, wie viele Menschen die Verantwortung nach oben delegieren und darauf warten, was erlaubt ist und was nicht. Wir sind doch selbst denkende, freie Schweizer: Werden wir endlich erwachsen und übernehmen Selbstverantwortung. Dazu kann auch gehören, vor einem Besuch einen Selbsttest zu machen.