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Schwertkampf, Kollektivstrafe, Kochkünste: Aargauerin stählt sich im Legionslager für eine lange Reise

AZ-Redaktorin Janine Müller wanderte entlang der Römerstrasse Aare-Neckar von Windisch nach Rottweil (D). Im ersten Teil der fünfteiligen Serie absolviert sie zuerst die Grundausbildung im Legionslager Vindonissa.

Janine Müller
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Redaktorin Janine Müller rückt zum Legionärsdienst ein.
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Bezug der Unterkunft.
Das Contubernium ist mit Strohmatratzen belegt.
Anschrift der Unterkunft (Contubernium)
Unterkunft Die originalgetreu nachgebauten Unterkünfte der Legionäre (Contubernia) sind einzigartig in Europa. Sie wurden aus Holz, Lehm und Kalk rekonstruiert und entsprechen der Bauweise zwischen 30 und 45 n. Chr. In dieser Zeit war die 13. Legion mit rund 5000 bis 6000 Soldaten in Vindonissa stationiert.
Antreten zum Legionärsdienst
Antreten zum Legionärsdienst
Römische Messer
Marcus Tullius Invictus ist Ausbildner der Legionäre.
Die erste Kollektivstrafe erfolgt bald. Das war zur Zeit der Legionäre üblich.
Römer erleben
Marschieren in Zweierreihe muss gelernt sein.
Römische Ausbildung.
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Wurf des Pilum (Speer)
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Redaktorin Janine Müller schüttet Wasser in das Abwaschbecken.
Getreide mahlen für das Mehl für die panis militaris.
Der Ausbildner sorgt für das Lagerfeuer, auf dem die "Puls" gekocht wird.
Zwiebeln schneiden für die "Puls".
Den Getreideeintopf "Puls" gibts zum Znacht.
Unter anderem werden Rüebli in den Eintopf geschnetzelt.
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Einkuscheln in die Strohmatratzen.
Teig machen für die panis militaris.
Teig machen für die panis militaris.
Die panis militaris sind ein flaches Soldatenbrot.
Auf dem Feuer werden sie gebacken.
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Eine 2000-jährige lederne Schuhsohle im Vindonissa Museum.
Diese hölzernen Schreibtafeln waren mit Wachs bezogen.

Redaktorin Janine Müller rückt zum Legionärsdienst ein.

Sandra Ardizzone

Ehrfürchtig betrachte ich das schwarze Stück Leder, das in meinen mit weissen Handschuhen überzogenen Händen liegt. Vor gut 2000 Jahren dürfte ein römischer Legionär mit diesem Stück Leder an den Füssen in Vindonissa, der heutigen Region Brugg-Windisch, herumgelaufen sein. Von den Riemen der römischen Sandalen ist nichts mehr übriggeblieben, dafür sind die Nägel, die von unten in die Sohle geschlagen wurden, noch gut sichtbar.

Zu betrachten sind solche römischen Fundstücke im Vindonissa Museum in Brugg. Rahel Göldi, Leiterin des Römerlager Vindonissa, begleitet mich durch die Ausstellung, frischt mein längst vergessenes Schulwissen über die Römer wieder auf. Es ist eine kurze Vorbereitung auf das, was mich danach erwartet. Ich habe mich nämlich freiwillig zum Legionärsdienst gemeldet.

Im Legionärspfad Vindonissa in Windisch, genau da, wo die 13., 21. und 11. Legion mit je 5000 bis 6000 Mann lebte, trete ich meinen Legionärsdienst an, zusammen mit 16 Teenagern einer Schulklasse. Das Programm mit Übernachtung ist ein Angebot des Römerlager Vindonissa von Museum Aargau und eignet sich besonders für Schulklassen und Familien. In einer Art Rollenspiel schlüpfen wir für ein paar Stunden in die Rolle eines römischen Legionärs und reisen so zurück in die Zeit von Vindonissa, dem einzigen Legionslager in der Schweiz.

Die 3D-Rekonstruktion zeigt, wie das römische Legionslager Vindonissa eingebettet war in die Topografie der heutigen Region Brugg/Windisch. Bild: zvg/ikonaut

Die 3D-Rekonstruktion zeigt, wie das römische Legionslager Vindonissa eingebettet war in die Topografie der heutigen Region Brugg/Windisch. Bild: zvg/ikonaut

zvg

Das Leben im Römerlager: marschieren, exerzieren, kochen

Mein Ausbildner in diesem Rollenspiel ist Marcus Tullius Invictus, seines Zeichens Optio, Stellvertreter des Centurio. Dass er von nun an der "Chef" ist, macht er mit der nötigen Portion Schalk gleich von Beginn weg klar. Mit bordeauxroter Tunika, Kettenhemd, Helm und «Pilum» (Speer) baut er sich vor uns auf, die nackten Füsse stecken in Ledersandalen. Er bläst in seine Tuba. «Antreten!», brüllt Marcus Tullius Invictus. Wir positionieren uns in einer Reihe vor unseren Contubernia (Unterkünfte für Legionäre), lauschen gebannt seinen Ausführungen. «Silentium! Ruhe!», herrscht er uns an. Die paar plaudernden Teenager verstummen. Doch zu spät. Marcus Tullius Invictus verlangt absoluten Gehorsam. Schwatzen, während er etwas erklärt, liegt nicht drin. Und so folgt die erste, damals für die Legionäre übliche Kollektivstrafe. Zehn Liegestützen muss jeder von uns machen.

Anschliessend werden wir eingekleidet. Jeder erhält eine weisse Tunika, die er mit einer Kordel um den Bauch befestigt. Keinesfalls darf das Gewand bis über die Knie reichen. Anständig sollen wir uns kleiden, verlangt der Ausbildner. Wer will, darf sich ein Kettenhemd überziehen. 10 Kilogramm wiegt es, dazu kommt der Schild. Immerhin ist dieser nicht so schwer wie das 15 Kilogramm schwere Original. Weiter fassen wir ein Pilum, das in unserem Fall natürlich nur ein Stab ist, der aus Sicherheitsgründen vorne mit Schaumgummi umwickelt ist.

Dann müssen wir uns in einer Zweierreihe aufstellen. Wir lernen das Marschieren, auf den Befehl «Laevum!» machen wir mit dem linken Fuss einen Schritt nach vorne, der Abstand zur vorderen Person beträgt eine Armlänge Abstand. «Laevum!», «Laevum!» tönt es bald aus unseren Kehlen. Das Marschieren haben wir bald im Griff, die Reihe aber gleicht eher einem sich schlängelnden Wurm als einer geraden Linie, wie sie Marcus Tullius Invictus verlangt. Für einmal aber ist er nachsichtig. Schon nach wenigen Minuten exerzieren rinnt der Schweiss unter dem Gewicht des Kettenhemds.

Wasser schleppen, Gemüse rüsten, Getreide mahlen

Später müssen wir uns ums Nachtessen kümmern. Eine Gruppe schleppt das Wasser heran, eine andere kümmert sich ums Schneiden von Gemüse für den Getreideeintopf, «Puls» genannt. Wiederum andere mahlen Getreide, um Mehl zu gewinnen für die «panis militaris» (Römisches Soldatenbrot), die es am nächsten Morgen zum Zmorge gibt. Bis der Mühlestein in Schwung kommt, braucht es einiges an Kraft. Mir scheint, dass in der Antike einfach alles schwerer, langsamer und mühsamer war.

Inzwischen ist die «Puls» fertig gekocht auf dem offenen Feuer. In unserem Fall besteht der Eintopf aus Ebly, Rüebli, Lauch, Zwiebeln und Knoblauch. Gewürzt wird er mit etwas Pfeffer und Salz. Hungrig stürzen wir uns auf das warme Essen. Dazu gibt’s Landjäger, Käse und zum Dessert Apfelschnitze. Wer will, kann sein Essen mit römischer Fischsauce aus der Amphore würzen oder sich einen Schluck vom Legionärsgetränk «Posca» (verdünnten Apfelwein) genehmigen. Hinter den Contubernia versinkt langsam die Sonne, gestärkt sind wir bereit für den nächsten Teil des römischen Rollenspiels: den Umgang mit Schwert und Schild.

Wurf des Pilum (Speer)

Wurf des Pilum (Speer)

Sandra Ardizzone

Wir üben uns im Schwertkampf, bilden mit den Schilden Formationen, werfen unsere Pila und sprinten über den Ausbildungsplatz. Bald schmerzt mein linker Arm vom Halten des Schildes. Es dauert nicht lange, bis ich von meinem Gegenüber im Schwertkampf besiegt werde. Zu behäbig und unbeholfen bewege ich mich in der ungewohnten Ausrüstung.

Zurück bei den Mannschaftsunterkünften setzen wir uns erschöpft ums Lagerfeuer. Marcus Tullius Invictus öffnet eine Schriftrolle und erzählt uns aus der griechisch-römischen Mythologie. Es ist die Geschichte von Hades, dem Gott der Unterwelt, und Persephone, der Tochter der Göttin Demeter. Anschliessend beten wir zu Jupiter, dem ältesten und höchsten römischen Gott. Ich werfe noch ein paar Körner Weihrauch in die Flammen und bete zu Merkur, dem Gott der Reisenden, Händler und Diebe, um ihn um eine gute Reise zu bitten. Im Contubernium kuschle ich mich in meinen neuzeitlichen Schlafsack und suche mir eine bequeme Kuhle in der Strohmatratze. Bald legt sich Stille über das Lager, mir fallen die Augen zu.

Gymnastik und Soldatenbrot zum Zmorge

Am nächsten Morgen, zur zweiten Stunde des Tages um 7 Uhr, werden wir durch die Tuba von Marcus Tullius Invictus geweckt. Die ersten Sonnenstrahlen tauchen die Klosterkirche in sanftes Licht, Mauersegler kreisen in der Luft auf der Suche nach Nahrung. Unser Ausbildner animiert uns zu Morgengymnastik. Langsam werden meine steifen Muskeln wieder geschmeidig, blaue Flecken zeugen vom Kampftraining am Abend zuvor. Zum Zmorge gibt’s die «panis militaris», dazu Haselnüsse, Dörräpfel, Honig und Milch. Dann werden wir aus unserem Militärdienst entlassen, der für normale Legionäre 25 Jahre dauerte.

Ich schultere meinen Rucksack und mache mich auf den Weg von Vindonissa nach Tenedo (Bad Zurzach). So folge ich der Römerstrasse, auf der bereits die Legio XI Claudia Pia Fidelis - die letzte Legion, die in Vindonissa stationiert war – marschierte, weil sich die Grenze des Römischen Reichs mehr nach Norden verschob. Die Legion wurde im Jahr 101 n. Chr. an die Donau verlegt. In meinem Kopf hallen während des Wanderns die «Laevum!»-Rufe und das Rasseln des Kettenhemds nach. Und zum ersten Mal auf dieser Reise bin ich froh, dass ich in modernen Wanderschuhen den Weg unter die Füsse nehmen darf und die Strecke nach Arae Flaviae (Rottweil) nicht in ledernen Römersandalen absolvieren muss.

Erste Station: Vindonissas Abfallhaufen barg viele Schätze

Legionäre haben viel Abfall produziert. Die Gegenstände, die sie nicht mehr brauchten oder kaputt waren, landeten auf einer Halde. Im Legionslager Vindonissa befand sich diese am Abhang Richtung Aare. Für die Archäologen ein Glück: «Dank der feuchten und kompakten Erde blieben viele Funde aus organischem Material erhalten», erklärt Rahel Göldi, Leiterin des Römerlager Vindonissa. Besonders wertvolle Funde sind die hölzernen Schreibtafeln, die mit Wachs bezogen waren. Darauf wurden Nachschub-Bestellungen für die Legion, Kreditgeschäfte oder simple Nachrichten zwischen Soldaten notiert, die zum Teil heute noch entziffert werden können. Die antiken Texte ermöglichen einen einzigartigen Einblick ins Alltagsleben von Legionären. Zu entdecken sind diese seltenen Funde im Vindonissa Museum in Brugg. Um die römische Kultur zu erleben, lohnt sich zudem ein Besuch auf dem Legionärspfad Vindonissa in Windisch, wo sogar römisch übernachtet werden kann. (jam)

Die Strecke:

Die Strecke:

Lea Siegwart

Das grosse Strassennetz bildete eine der Grundlagen des römischen Erfolgs

Das Römische Reich war riesig. Damit es organisiert, verwaltet und versorgt werden konnte, waren gute und schnelle Transportwege notwendig. Wo möglich, wurden Waren und Soldaten auf Flüssen transportiert. Ansonsten wurden Strassen gebaut. So auch die Verbindung zwischen Vindonissa (Windisch) und Arae Flaviae (Rottweil). «Erst ab ca. 74 n. Chr. wurde das Gebiet des heutigen Südwestdeutschland wieder einverleibt», sagt Alex Zimmermann aus Pliezhausen (D). Er ist ursprünglich Schmied, befasst sich in seiner Freizeit aber ausgiebig mit der römischen Geschichte und ist Kopf der 8. Legion, einer mehrfach ausgezeichneten Truppe, die sich mit experimenteller Archäologie befasst. «Man geht davon aus, dass ein Fernstrassenbau von Strassburg nach Augsburg Anlass war, das Gebiet, zumindest bis zum Neckar, ganz unter römische Kontrolle zu bringen.» Aus dieser Wiederbesetzungsphase stamme zum Beispiel das Militärlager in Grinario (Köngen), dem Anfang/Ende der Route der heutigen Römerstrasse Neckar-Alb-Aare. Gebaut wurden die Strassen häufig von den Soldaten, Mitgliedern der anliegenden Gemeinden oder Sklaven. Der Strassenkörper bestand aus einem soliden Fundament aus grösseren Steinen. Darauf wurde feinerer Kies geschüttet. Allerdings wurden nicht alle Strassen gepflästert, so wie man es vielleicht aus den «Astérix»-Comics kennt. Gepflästert wurden nur wichtige Strassen oder jene innerhalb von Gemeinden. Die römischen Strassen hatten eine leichte Wölbung, damit das Regenwasser in die Strassengräben floss. Die Römerstrasse Neckar-Alb-Aare ist heute eine Touristikstrasse. Sie ist gegliedert in drei Teilstrecken: Neckar-Alb von Köngen bis Niedereschach-Fischbach, Neckar-Hochrhein von Rottweil bis Eschenz und Neckar-Aare von Rottweil bis Windisch/Brugg. Die Römerstrasse Neckar-Alb-Aare folgt dem Verlauf eines Wegs, der auf der Tabula Peutingeriana, einer antiken Strassenkarte, dargestellt ist. Der Weg verband Vindonissa im heutigen Windisch mit der Siedlung Grinario, dem heutigen Köngen (D). «Im Imperium gab es sicher prestigeträchtigere Strassen», meint Zimmermann. Aber der weitere Verlauf der Strasse sei eine wichtige Fernverbindung bis zum Schwarzen Meer gewesen. Heute ist die Römerstrasse grösstenteils mit modernen Strassen überbaut. Zum Wandern ist sie weniger zu empfehlen, da viele Umwege gemacht werden müssen. Mit dem Velo aber kann die Strasse gut gemeistert werden. (jam)

Hinweis

Der Aufenthalt im Römerlager Vindonissa (Vindonissa Museum und Legionärspfad Vindonissa) wurde von Museum Aargau gesponsert.