Kiffen

Plötzlich sieben Joints pro Tag – erst die Anzeige änderte alles

Die regionale Suchtberatungsstelle ags bekommt es häufig mit Kiffern zu tun. Raphael (17)* ist einer davon.

Janine Müller
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In den letzten Jahren ist im Bezirk Brugg der Cannabiskonsum leicht gestiegen. 2014 hatte die Suchtberatung 87 Klienten wegen Cannabiskonsums. (Symbolbild)

In den letzten Jahren ist im Bezirk Brugg der Cannabiskonsum leicht gestiegen. 2014 hatte die Suchtberatung 87 Klienten wegen Cannabiskonsums. (Symbolbild)

KEYSTONE

«Plötzlich war ich jemand, der ich gar nie sein wollte», sagt Raphael. «Ich habe mich nie als Kriminellen gesehen. Und doch war ich es.»

Raphael hat gekifft. Viel sogar. Und unkontrolliert. Er hat in dieser Zeit keine Macht mehr über sich. Ihm ist bewusst, dass er süchtig ist. Doch er belügt sich selber. Noch einmal, noch einmal. Und noch einmal. Kommt ja jetzt auch nicht mehr drauf an.

Es hat ihm einfach Spass gemacht. Das betont Raphael immer wieder. Ein Problem, dem er mit dem Kiffen entfliehen wollte, hat er nicht. Im Gegenteil: In der Schule läuft es ihm so gut, dass er praktisch nichts für die Prüfungen lernen muss und trotzdem nur gute Noten nach Hause bringt. Die Familie ist ein stabiles Umfeld für den intelligenten Jungen.

«Gras war immer genügend da»

Und trotzdem beginnt er als 15-Jähriger zu kiffen. «Im Vergleich mit anderen war das relativ spät», sagt er und streicht sich lässig mit den Fingern durch sein kinnlanges, blondes Haar. An Gras kommen? Kein Problem. Kollegen hat er genügend, die bereits seit längerer Zeit kiffen und wissen, wo man den Stoff bekommt. «Gras war immer genügend da», erinnert sich Raphael.

Im Büro von Suchtberater Christian Solèr in Brugg erzählt der heute 17-jährige Raphael von seiner Sucht. Davon, wie er einfach so ins Kiffen reinrutschte und wie die Polizei grossen Anteil daran hatte, dass der Suchtexperte Raphael heute als gelungenes Beispiel präsentiert. Denn er hat seine Sucht überwunden.

Doch der Reihe nach. Raphael beginnt also mit dem Kiffen. «Ich wollte es einfach ausprobieren», sagt er. Aus Neugier. Im Kollegenkreis, am Wochenende. Zuerst ist es ein Joint, mit der Zeit werden es mehr. Er verliert den Kontakt zu seinen Nicht-Kiffer-Kollegen. Raphael merkt es nicht. Plötzlich ist das Kiffen Alltag. Bald raucht er sieben Joints – pro Tag.

Der ansonsten so korrekte Raphael weiss, dass er etwas Verbotenes tut. Er weiss, dass es nicht gut ist für seinen Körper. Und er weiss, dass es Konsequenzen hat. Das Versteckspiel, das er spielen muss, um seine Sucht vor seinen Eltern zu verbergen, beschäftigt ihn.

Billiger Weg, Kollegen zu finden

Irgendwann folgt der Übertritt von der Bezirksschule an die Kantonsschule. Raphael versucht, Kontakte zu knüpfen. Als Kiffer geht das einfach. «Kiffen ist der billige Weg, um Kollegen zu finden», sagt er. Und obwohl er täglich kifft, hat er keinerlei Probleme an der Schule.

Er gibt an, dass er nie am Morgen vor der Schule gekifft hat. «Auch während der Schulzeit habe ich nie geraucht», betont er. Er beginnt jeweils am Nachmittag. Nach der Schule. Lernen? Muss er nicht. Die guten Noten kommen auch so. «Das war sicher ein grosses Glück», ist sich Raphael bewusst.

Das bestätigt Christian Solèr. «Er hat keinen Entwicklungsschritt verpasst, was einigermassen erstaunlich ist.» Raphael erzählt von Kiffer-Kollegen, die mittlerweile zum dritten Mal sitzen geblieben sind.

Das erste Kantijahr ist vorbei. Die Sommerferien verbringt Raphael mit Kiffen. Gegen Ende der Ferien reduziert Raphael – clever wie er ist – seinen Konsum. Doch der Moment kommt, dass die Eltern herausfinden, was ihr Sohn in seiner Freizeit so treibt. Sie sind schockiert.

Für Raphael wird der Albtraum, den er immer gefürchtet hat, wahr. «Es war das Schlimmste», sagt er und nickt sanft mit dem Kopf. So, als will er seine Worte bekräftigen. Die Eltern herrschen ihn an. Zu Recht, sagt er. Und die Mutter reagiert richtig, indem sie schnurstracks einen Termin in der Suchtberatung vereinbart.

Und so sitzen die Eltern mit ihrem Sohn bald am Runden Tisch und beraten sich mit dem Suchtexperten. Raphael beginnt danach zwar, über seine Sucht nachzudenken, doch trotzdem macht er so weiter wie zuvor.

Keine Ausreden mehr

Bis ihn im Herbst 2014 die Polizei erwischt und verzeigt. Schlagartig wird ihm bewusst, dass er ein ziemlich grosses Problem hat. Er, der sonst findet, dass Gesetze einzuhalten sind, hat das Gesetz gebrochen. Das passt nicht zu ihm. «Bei der Polizei kann man nicht mit Ausreden kommen. Man kann sie nicht so belügen, wie man sich selbst belogen hat», sagt er.

So ist das Prozedere

Bei einer ersten Verzeigung wegen Cannabiskonsums oder -besitzes werden 15- bis 17-jährige Jugendliche für ein Gruppengespräch auf eine der ags-Beratungsstellen vorgeladen. Danach findet eine freiwillige Elterngruppe statt. Wird ein Jugendlicher ein zweites Mal verzeigt, gibt die Jugendanwaltschaft der Suchtberatung den Auftrag für eine umfassende Abklärung. Anhand von zwei bis drei Gesprächen und mittels eines umfassenden Fragebogens macht die Suchtberatung eine Einschätzung der Suchtgefährdung und gibt Empfehlungen zuhanden der Jugendanwaltschaft ab.

Raphael muss auf Anordnung der Jugendanwaltschaft einmal in einer Runde teilnehmen, in der sich Betroffene untereinander und mit einem Experten austauschen. Er legt eine Totalpause ein mit Kiffen.

Die harte Zeit beginnt erst jetzt. Um seine Sucht zu bekämpfen, muss er das kiffende Umfeld verlassen. Die Einsamkeit übermannt ihn. Raphael isoliert sich. Die Freunde von früher sind nicht mehr da. Er beginnt wieder, mehr Sport zu treiben, geht viel joggen. Alleine.

Raphael führt Tagebuch über sein Suchtverhalten und ist jedes Mal stolz, wenn er ankreuzen kann, dass er nicht gekifft hat. Trotzdem: Nach drei Monaten ohne kiffen gibt es ab und an wieder einen Joint, auch heute noch. «Mein Ziel war nie, ganz aufzuhören», sagt Raphael. «Es ging mir darum, meinen Konsum kontrollieren zu können. Und ich bin froh, dass ich das geschafft habe.» Raphael ist jetzt wieder der, der er gerne sein will.

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