Schinznach-Dorf

Nach über 30 Jahren geben sie ihre Hausarztpraxis auf – schwierige Suche nach Nachfolger

Das Ehepaar Zimmermann verlässt nach über 30 Jahren die Arztpraxis in Schinznach-Dorf. Am 15. Dezember gehen sie in den Ruhestand.

Deborah Bläuer
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Doktor Hans Rudolf Zimmermann und Eva Zimmermann freuen sich auf die Pensionierung. Der Abschied von den Patienten fällt ihnen allerdings schwer.Alex Spichale

Doktor Hans Rudolf Zimmermann und Eva Zimmermann freuen sich auf die Pensionierung. Der Abschied von den Patienten fällt ihnen allerdings schwer.Alex Spichale

Alex Spichale

«Der Nächste, bitte», heisst es bald zum letzten Mal für Hausarzt Hans Rudolf Zimmermann (71) und seine Frau Eva Zimmermann (64). Sie gehen am 15. Dezember in den Ruhestand. Zwei Jahre suchten sie nach einem Nachfolger für ihre Praxis. Gerade einmal zwei Bewerber kamen vorbei und konnten nicht überzeugt werden.

Auch der Auftrag an Rekrutierungsbüros brachte keinen Erfolg. Dabei sei die Praxis fast geschenkt zu haben gewesen, sagt das Ehepaar. Hoffnung kam auf, als medicalHELP Interesse bekundete. Der Investor kauft Praxen und führt diese mit einem Arzt im Angestelltenverhältnis weiter. Aber der passende Kandidat erhielt wegen der neuen Zulassungsbeschränkung im Kanton Aargau keine Bewilligung. Lange Zeit lag das den Zimmermanns auf dem Magen, schliesslich führten sie die Praxis mit viel Herzblut.

Angefangen hat alles vor über 30 Jahren. Hans Rudolf Zimmermann war ab 1983 in der Praxis eines befreundeten Arztes in Schinznach-Dorf tätig. Allerdings arbeiteten die beiden Hausärzte stets unabhängig voneinander und hatten ihren eigenen Patientenstamm. 1996 zog Hans Rudolf Zimmermann an den heutigen Standort an der Hohestrasse 10. Von da an war auch seine Frau mit von der Partie. Die gelernte Anästhesieschwester fungierte als Medizinische Praxisassistentin und bildete Lehrtöchter aus.

Sie standen unter Beobachtung

Könnte es noch einmal von vorne anfangen, so würde das Ehepaar wieder eine Hausarztpraxis eröffnen. Hans Rudolf Zimmermann schätzt es sehr, dass er eine enge Beziehung zu seinen Patienten aufbauen konnte. Er mag es nicht, anonym zu arbeiten. Hier kennt er seine Patienten, oftmals sogar die ganze Familie. Doch dass jeder jeden kennt, bedeutet auch, dass man genau beobachtet wird. Der Arzt schildert: «Ich wurde schon von Patienten, die meine Frau beim Einkaufen gesehen hatten, angesprochen, ob es denn noch rechtzeitig zu Essen gegeben habe.» Er lacht und fügt an: «Aber trotz allem schätze ich die Landbevölkerung sehr.»

So geht es bei Dr. Schneider weiter

Änderungen gab es auch bei Dr. Ruedi Schneider, der seit 40 Jahren in Schinznach-Dorf tätig ist. Seit diesem Jahr wird er durch seine beiden Töchter, Dr. Maja Schneider Fischer und Dr. Judith Schneider Spence, unterstützt. Die Praxis wird somit im Familienbetrieb weitergeführt und heisst neu Familienpraxis Schneider. (BLA)

Eva Zimmermann hatte Mühe damit, dass sie für viele einfach die Ehefrau vom Doktor war. «Ich wurde nur über meinen Mann definiert», erzählt sie. Besonders komisch habe sie es gefunden, wenn sie der eine Herr, der selbst ein promovierter Apotheker war, immer mit «Frau Doktor» angesprochen habe.

Zusammen zu wohnen und zu arbeiten war für das Paar kein Problem. Schliesslich könne man sich aus dem Weg gehen, findet Eva Zimmermann. Ihr Mann habe ihr nie in die Arbeit reingeredet. Es gefiel ihr, ihre eigene Chefin zu sein. Zudem konnte die Mutter so Familie und Beruf unter einen Hut bringen.

Das eine oder andere würde das Ehepaar heute anders machen, unter anderem Abendsprechstunden einführen. «Denn viele Leute haben Angst, bei der Arbeit zu fehlen», erklärt Hans Rudolf Zimmermann. Früher war das nicht so. Allgemein habe sich seit 1983 einiges verändert. Zum Beispiel ist die Anspruchshaltung der Patienten gestiegen. Wegen des Internets glauben nämlich viele, schon selbst zu wissen, was ihnen fehlt.

Es fällt ihnen schwer zu akzeptieren, dass der Arzt der Fachmann ist. Sie kommen mit konkreten Vorstellungen, was dieser für Untersuchungen und Behandlungen durchzuführen hat. Auch ist die Bereitschaft, auf einen Termin zu warten, gesunken. Stattdessen gehen die Leute direkt in die Notaufnahme – eine zusätzliche Belastung für die Krankenhäuser. Allerdings erwartet durch dieses Denken auch niemand mehr, dass die Hausärzte 24 Stunden erreichbar sind, was für diese eine grosse Entlastung ist. Mitten in der Nacht aufstehen musste Hans Rudolf Zimmermann allerdings trotzdem noch bis vor kurzem. Schliesslich war er von 1985 bis 2016 Amtsarzt.

Mit einem lachenden und einem weinenden Augen blicken Zimmermanns auf die Pensionierung. Es brauche sicher Zeit, sich daran zu gewöhnen, vermuten sie. Doch sie freuen sich auf die Zukunft. Kürzlich haben sie sich eine Wohnung im Wallis und eine in Kaiserslautern (D), wo Eva Zimmermann aufgewachsen ist, gekauft und werden zwischen diesen beiden Orten pendeln. Und in Bezug auf die Praxis gibt es doch noch ein Happy End. MedicalHELP hat im letzten Moment einen Nachfolger gefunden und die Räumlichkeiten vor zwei Wochen gekauft.