Windisch

Lastwagen überfuhr 91-Jährigen: eine Sekunde entschied über Tragödie

Im Fall Karl Heinz Buob kam es am Donnerstag zur zweiten Gerichtsverhandlung. Buob kam bei einem Verkehrsunfall auf dem Zebrastreifen ums Leben. Der beschuldigte Lastwagenchauffeur musste sich wegen fahrlässiger Tötung verantworten.

Louis Probst
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"Das hätte nie passieren dürfen", erklärte der Beschuldigte. "Ich denke nur noch daran. Das geht nicht mehr weg." Als Chauffeur eines Lastwagenzugs hatte der gut 50 Jahre alte Grenzgänger aus Deutschland im Mai 2018 beim Harmoniekreisel in Windisch einen schweren Unfall verursacht. Dabei hatte der 91 Jahre alte Karl Heinz Buob – als früherer Wissenschafter, ehemaliger Windischer Einwohnerrat und Grossrat eine bekannte Persönlichkeit – sein Leben verloren.

Der Beschuldigte war mit seinem Fahrzeug auf der Hauserstrasse im Stop-and-go-Feierabendverkehr Richtung Brugg gefahren. Beim Zebrastreifen vor dem Kreisel hatte er angehalten. Dabei ragte, gemäss Anklage, der Lastwagen rund 1,2 Meter in den Fussgängerstreifen. Der Beschuldigte hatte zwar eine von rechts kommende Fussgängerin den Streifen passieren lassen. Dass Karl Heinz Buob, der auf dem Trottoir der Hauserstrasse entlang herannahte, fast gleichzeitig den Zebrastreifen betrat, hatte er jedoch um eine Sekunde zu spät realisiert.

Staatsanwaltschaft: "Aufmerksamkeitspflicht verletzt"

"Der Beschuldigte hätte sein Fahrzeug jederzeit mit der gebotenen Aufmerksamkeit so kontrollieren können und müssen, dass er pflichtgemäss vor dem Fussgängerstreifen anhalten konnte", so die Staatsanwaltschaft. "Indem er sein Fahrzeug so zum Stillstand brachte, dass die Fahrzeugfront über den Beginn des Fussgängerstreifens ragte, hat er seine Sicht erschwert bis nahezu verunmöglicht." Der Beschuldigte habe fahrlässig den Tod eines Menschen verursacht, so die Staatsanwaltschaft. Sie forderte wegen fahrlässiger Tötung eine bedingte Freiheitsstrafe von 10 Monaten sowie eine Busse von 2000 Franken.

Nachdem nach einer ersten Verhandlung die Staatsanwaltschaft die Anklage um ein Gutachten ergänzt hatte, stand der Beschuldigte erneut vor Gericht. Auf die Frage von Gerichtspräsident Sandro Rossi, wie sicher sich der Beschuldigte sei, dass er vor dem Zebrastreifen angehalten habe, erklärte dieser: "Mein Eindruck war, dass ich vor dem Streifen angehalten hatte." Er habe auch alle ihm zur Verfügung stehenden Spiegel am Fahrzeug beachtet, beteuerte er. Auf den Vorhalt, dass er beim Losfahren hätte reagieren können, wenn er in den Frontspiegel geschaut hätte, sagte er: "Wenn ich den Fussgänger gesehen hätte, wäre es nicht passiert."

Verteidiger wollte Freispruch

Der Verteidiger beantragte Freispruch, Übernahme der Kosten durch die Staatskasse sowie eine Entschädigung für seinen Mandanten. Er machte geltend, dass das Opfer nahe an der Front des Fahrzeugs durchgegangen sei, was Zeugen bestätigt hätten. Sein Mandant habe den Fussgänger gar nicht sehen können – weder direkt noch indirekt durch die Spiegel. Weil es nicht möglich gewesen sei, den Fussgänger zu sehen, könne die Sorgfaltspflicht nicht verletzt worden sein.

Das Gericht sah das jedoch anders. Es sprach den Chauffeur der fahrlässigen Tötung schuldig und verurteilte ihn zu einer bedingten Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu je 60 Franken, einer Busse von 800 Franken sowie zur Übernahme von Kosten von gegen 20'000 Franken. "Eine Sekunde hat das Leben vieler Menschen nachhaltig verändert", so der Gerichtspräsident bei der Eröffnung des Urteils.

Der Schuldspruch erfolge, weil zwei Sorgfaltspflichten verletzt worden seien: Die Bestimmung, wonach auf Zebrastreifen nicht angehalten werden dürfe und die Aufmerksamkeitspflicht. "Der Fussgänger hätte schon bei der Anfahrt bemerkt werden müssen", so der Gerichtspräsident. "Bei der gebotenen Aufmerksamkeit hätte der Unfall vermieden werden können."