Windisch

«Die Zukunft wird viele Gelder haben»

«Komplementäre Währungen» waren das Thema der letzten Ringvorlesung im Zyklus «In den Himmel wachsen – Auswege aus der ökonomischen Wachstumsillusion» an der FHNW in Windisch.

Louis Probst
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Margrit Kennedy spricht zum Thema «Komplementärwährungen». wal

Margrit Kennedy spricht zum Thema «Komplementärwährungen». wal

«Das war Vitamin für mich», sollte eine Dame am Schluss der Vorlesung sagen. Für diesen Vitamin- und da und dort wohl auch Adrenalinstoss hatte Margrit Kennedy gesorgt. In der letzten der Ringvorlesungen zum Zyklus «In den Himmel wachsen» an der Fachhochschule in Windisch sprach Kennedy – Architektin, Stadtplanerin und Ökologin – zum Thema «Komplementäre Währungen – ein Ausweg aus dem Wachstumszwang». Das Fazit ihrer Ausführungen, ähnlich dem von Marc Faber, dem «Mr. Doom» der Börse: Der Crash kommt, weil er kommen muss. Ihre Botschaft: Das Problem ist die Lösung. Ihre – auch angesichts der Wirren um den Euro zweifellos aktuelle Empfehlung: Vorbereitung auf den Tag, die Stunde X, durch die Bildung von Regionalgeldsystemen.

Wachstum und Krebs

Margrit Kennedy ortete, im Zusammenhang mit Geld und Zins, drei grosse, sozusagen globale Missverständnisse: Das Missverständnis vom kontinuierlichen Wachstum, insbesondere vom linearen Wachstum – «über längere Zeit ist lineares Wachstum nicht möglich» – und vor allem vom exponentiellen Wachstum. Kennedy: «Exponentielles Wachstum ist Krebs und auf die Dauer tödlich.» Das Missverständnis Nummer zwei besteht nach Kennedy darin, dass man sich nicht darüber im Klaren ist, dass in jedem Preis ein Zinsanteil enthalten ist. Und Missverständnis Nummer drei liegt ihrer Meinung nach im Glauben, dass, zumindest durch die Zins-Mechanismen, jeder gleich behandelt würde. Kennedy: «Es gibt eine Gleichheit vor dem Gesetz. Aber es gibt keine Gleichheit vor dem Geld.» 169 Währungs- und Bankkrisen innerhalb weniger Jahre würden zudem zeigen, dass es ein systemisches Problem gibt, erklärte sie. «Es wird immer deutlicher, dass sich das bisherige System nicht halten lässt.»

Vom WIR zum «Chiemgauer»

Einen Notausgang sozusagen, oder zumindest eine Ergänzung, sieht Kennedy in den komplementären Geldsystemen, wie sie in den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts in der Tiroler Stadt Wörgl zur Ankurbelung der regionalen Wirtschaft mit Erfolg zum Einsatz gelangt sind. Inzwischen scheinen sich diese Systeme, die zumeist auf der Freigeldtheorie des Silvio Gesell aufbauen – als Antwort auf die Globalisierung –, einer Renaissance zu erfreuen. Anhand verschiedener Beispiele – der schwedischen JAK-Mitgliedsbank, des Regionalgeldes «Chiemgauer», aber auch des WIR-Wirtschaftsrings – zeigte Kennedy die Ansätze solcher Systeme auf. «Die Zukunft wird viele Gelder haben», gab sie zu bedenken. «Mit einem Geldsystem allein kann nicht alles gemeistert werden.»