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Aargauer Pfarrerin über den Mauerfall: «Es war eine Sternstunde»

Die Brugger Pfarrerin Bettina Badenhorst ist in der DDR aufgewachsen. Die Hoffnung auf Freiheit hat sie ihre ganze Jugend begleitet.
Janine Müller
Brugger Pfarrerin zum Mauerfall (Bild: Zur Verfügung gestellt)Brugger Pfarrerin zum Mauerfall (Bild: Zur Verfügung gestellt)
Bilder wie dieses sorgen heute bei Bettina Badenhorst für Gänsehaut. Die Aufnahme zeigt eine grosse Menschenmenge, die sich am 10. November 1989 vor und auf der Mauer am Brandenburger Tor in Berlin versammelt. (Bild: Keystone)Bilder wie dieses sorgen heute bei Bettina Badenhorst für Gänsehaut. Die Aufnahme zeigt eine grosse Menschenmenge, die sich am 10. November 1989 vor und auf der Mauer am Brandenburger Tor in Berlin versammelt. (Bild: Keystone)
Das Visum vom 11. November 1989, das ihr erlaubte, in den Westen zu reisen. (Bild: Zur Verfügung gestellt)Das Visum vom 11. November 1989, das ihr erlaubte, in den Westen zu reisen. (Bild: Zur Verfügung gestellt)
Der Personalausweis von Bettina Badenhorst (ledig Manthei). (Bild: Zur Verfügung gestellt)Der Personalausweis von Bettina Badenhorst (ledig Manthei). (Bild: Zur Verfügung gestellt)
Blick ins Familienalbum: Bettina Badenhorst (links mit der Flasche) im Jahr 1979 während eines Wandertags. (Bild: Zur Verfügung gestellt)Blick ins Familienalbum: Bettina Badenhorst (links mit der Flasche) im Jahr 1979 während eines Wandertags. (Bild: Zur Verfügung gestellt)
Abschied vom Kindergarten im Jahr 1976: Ihre Kindergartenlehrerin hat Bettina Badenhorst (ganz links) in sehr guter Erinnerung. (Bild: Zur Verfügung gestellt)Abschied vom Kindergarten im Jahr 1976: Ihre Kindergartenlehrerin hat Bettina Badenhorst (ganz links) in sehr guter Erinnerung. (Bild: Zur Verfügung gestellt)
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Brugger Pfarrerin zum Mauerfall

Es ist der 9. November 1989. Nach der berühmten Pressekonferenz mit Günter Schabowski, Sekretär für Informationswesen der DDR, verbreiten westdeutsche TV-Sender die Nachricht, dass die Mauer – dieses Bauwerk, das die BRD und die DDR trennt – offen sei. Wenig später strömen DDR-Bürger an die Grenze zu Westdeutschland. Sie steigen über die Mauer, jubeln, versinken im Freudentaumel.

Von alledem bekommt die junge Theologiestudentin Bettina Badenhorst nichts mit. «Typisch vorpommersch», sagt sie und lacht. Sie befindet sich zu diesem Zeitpunkt in der Probe des Domchors in Greifswald im ostdeutschen Vorpommern. Nach der Probe geht sie nach Hause. Sie wohnt in einem Haus, das abgebrochen werden soll; als eine Art Hausbesetzung bezeichnet sie es.

Mauerfall-Serie: Die Öffnung der Grenze zwischen West- und Ostberlin am 9. November 1989 besiegelte das Ende der DDR und des Kalten Krieges. Der Mauerfall kam für viele Beobachter völlig überraschend. Diese Woche richten wir unseren Fokus jeden Tag auf einen anderen Aspekt des Ereignisses, das vor 30 Jahren die Weltordnung auf den Kopf stellte. (Bild: CH Media)

Mauerfall-Serie: Die Öffnung der Grenze zwischen West- und Ostberlin am 9. November 1989 besiegelte das Ende der DDR und des Kalten Krieges. Der Mauerfall kam für viele Beobachter völlig überraschend. Diese Woche richten wir unseren Fokus jeden Tag auf einen anderen Aspekt des Ereignisses, das vor 30 Jahren die Weltordnung auf den Kopf stellte. (Bild: CH Media)

Zu Hause angekommen, hört sie zum Abendessen noch Musik vom Kassettenrekorder. Nichtsahnend von dem grossen Ereignis geht Bettina Badenhorst ins Bett und macht sich am nächsten Morgen auf in ein verlängertes Wochenende mit Mitstudierenden nach Zinnowitz auf der Insel Usedom an der Ostsee. Im Zug dringen die ersten Informationen durch, dass etwas an der Grenze geschehen sein muss. Niemand weiss aber genau, was.

In Zinnowitz angekommen, betritt die junge Frau den Raum, in dem sich die Theologiestudenten treffen. Mittendrin steht auf dem Tisch ein Farbfernseher. «Alle stehen rundherum, johlen und ich begreife nicht, was da genau abläuft», erinnert sich Bettina Badenhorst. «Ich sehe Leute auf der Mauer und denke mir: ‹Das darf man doch nicht, da wird man erschossen.›»

Nach und nach begreift sie, was wirklich geschehen ist. Aber erst Jahre später erkennt sie, wie historisch das Ereignis ist. Sie begreift, dass der lange Weg, die Sehnsucht nach Freiheit und der Einsatz vieler endlich belohnt werden.

«Es war eine Sternstunde in meinem Leben», sagt sie rückblickend. Schaut sie heute die Bilder von damals an, bekommt sie Gänsehaut. «Das war schon ein Kracher», meint sie und lacht.

Ein Visum und die ersten Erinnerungen aus dem Westen

Aus dem akademischen Wochenende auf der Insel Usedom wird nichts. Die Theologiestudenten zieht es in den Westen. Auch Bettina Badenhorst holt sich tags darauf das Visum bei der Polizei, reist nach Hamburg. Bei Freunden aus einer Kirchgemeinde kommt sie unter. Es ist der 11. November 1989. «Ich war wie in einem Gefühlsrausch», erinnert sie sich.

«Und natürlich holte ich mir auch die 100 D-Mark ab, wir hatten ja kein Westgeld.» In Hamburg kauft sie sich eine Tasse mit dem Schriftzug «I love Hamburg» und eine rote Thermoskanne, die sie viele Jahre begleitet.

Bettina Badenhorst, 50, erzählt am grossen Tisch in ihrer Stube in Brugg vom Mauerfall und ihrem Leben in der DDR. Sie sagt: «Es ist der Beweis dafür, dass es sich lohnt, Hoffnung zu haben.» Die Hoffnung auf Freiheit hat sie durch ihre ganze Jugendzeit begleitet. Ab dann, als sie merkte, dass sie in einer anderen Welt aufwächst als andere. In einer Welt, in der Individualität keinen Platz hat. In einer Welt, in der jeder Mensch nur eine Nummer ist in einem System, das keine eigene Meinung zulässt. Ein System, das Freiheit unterdrückt.

Dennoch würde Bettina Badenhorst ihre Kindheit als schön bezeichnen. In Medow, einer kleinen Landgemeinde im Kreis Anklam in Vorpommern, wächst sie auf mit ihren beiden Geschwistern. Ihr Vater wird als Tierarzt in der staatlichen Tierarztpraxis beschäftigt, ihre Mutter wuchs auf einem Bauernhof auf und studierte später Englisch und Deutsch auf Lehramt.

Im kleinen Dorf sind sie die Akademiker. Darum schärfen die Eltern ihrer Tochter schon früh ein, die Leute zu grüssen. Denn ihre Familie fühlt sich nicht als etwas Besseres aufgrund der Bildung.

Weil ihr Vater Tierarzt ist, bekommt die Familie eine besonders moderne Wohnung zugewiesen. «Wir landeten in einem dieser scheusslichen Blocks», sagt Bettina Badenhorst. «Der Wohnungsbau war ebenfalls Ausdruck dieses Systems. Nämlich, dass man irgendeine Nummer in einem Kollektiv ist.» Denkt sie an die Wohnung zurück, bekommt sie ein beklemmendes Gefühl.

Kirchenleben als Ausbruch aus dem Sozialismus

Ansonsten lebt die Familie beschaulich. Weil sie auf dem Land wohnt, muss sie keine 1.-Mai-Demonstration mitmachen, wie es in den grösseren Orten der Fall ist. In der Rückblende realisiert Bettina Badenhorst aber: Die Indoktrination begann bereits im Kindergarten. «Wir haben Panzer gemalt. Das führte dazu, dass ich später meinen eigenen Kindern Kriegsspielzeug verbot.»

Mit einem warmen Gefühl erinnert sie sich an die Kirchgemeinde, in der sie sich wohlfühlte, weil sie wahrgenommen und angenommen wurde. «In der Christenlehre lernten wir auch, dass es o. k. ist, wenn man mal Mist baut. Wir lernten, dass man um Verzeihung bitten kann und dass man sich für etwas entschuldigen kann», sagt Bettina Badenhorst. Reue, Busse und Vergebung, das seien grundlegend wichtige Elemente für das Zusammenleben von uns Menschen.

Dieser Unterricht habe wahrscheinlich den Grundstein dafür gelegt, dass sie sich später für das Theologiestudium entschloss. In guter Erinnerung sind ihr beispielsweise die Sommer- oder Winterlager, die als Rüstzeit bezeichnet wurden. Da gab es keine staatliche Gehirnwäsche, sondern Raum für herzliche Offenheit. «Es war wie ein Ausbruch aus dem Sozialismus für eine kurze Zeit.»

Ein Highlight für Bettina Badenhorst und ihre Geschwister sind die Weihnachtstage, wenn es von der Verwandtschaft Westpakete gibt. Die sind gefüllt mit Feinstrümpfen für die Mama, mit Seife und Kaffee, mit Backzutaten, Schokolade und – zur grossen Freude der Kinder – Kaugummi. «Das waren unsere Schätze», sagt die Pfarrerin.

Es ist in der Zeit um ihre Konfirmation mit 14 Jahren, als Bettina Badenhorst «politisch aufgewacht» ist. «Der Pfarrer sprach mit uns über Dinge, die sonst nie thematisiert wurden. Es ging darum, dass Leute ihre eigene Meinung äussern durften. Es ging um Aufklärung in den verschiedensten Bereichen», sagt Badenhorst.

Zu Hause habe man ebenfalls über alles gesprochen. «Es hiess aber immer: ‹Vorsicht, was ihr draussen sagt!›» Da sei ihr bewusst geworden, dass diese Art zu leben nicht wahrhaftig ist. Ihre Oma hört einmal pro Tag mit ihrem Röhrenradio Nachrichten aus dem Westen. Darüber gesprochen hat öffentlich niemand.

Im Gymnasium entwickelt sie ihren kritischen Geist

In der 6. oder 7. Klasse hat Bettina Badenhorst eine Lehrerin, die seltsam anmutet. Sie doziert stramm auf der Linie des Regimes, trägt aber Westkleidung, riecht nach Westseife und ist exquisit gekleidet. «Das ging einfach nicht auf», meint Bettina Badenhorst.

Im Gymnasium entwickelt Bettina Badenhorst endgültig ihren kritischen Geist. «Um die Hochschulreife zu erlangen, mussten wir auch das Abzeichen in Marxismus und Leninismus erreichen», sagt sie. «Dass wir vor Langeweile nicht gestorben sind, ist ein Wunder.»

Fragen in ihr tauchen auf: «Warum darf ich nicht reisen? Warum tragen andere tolle Jeans und ich diese Nietenhosen?» Damals glaubt sie, dass sie 60 Jahre alt werden muss, um mal ins westliche Ausland reisen zu können.

So weit kommt es nicht. Bettina Badenhorst schliesst ihr Studium ab, anschliessend macht sie einen Teil ihres Vikariats in Südafrika. Ihre erste Stelle nimmt sie in Wolgast im Jahr 2001 an. Bis 2005 lebt Bettina Badenhorst mit ihrer Familie in Ostdeutschland, dann zieht sie in die Schweiz. Zuerst nach Wintersingen-Nusshof BL, 2014 dann nach Brugg.

Heute sagt Bettina Badenhorst: «Nach dem Mauerfall dachte ich, dass alle Menschen frei sind. Heute legen sie sich aber selber in Fesseln.» Sie meint damit die gesellschaftlichen Zwänge, die sich die Menschen selber auferlegen: Überstunden, Körperoptimierung im Fitnesscenter oder das Stressen von einem Termin zum anderen.

In ihre Heimat kehrt Bettina Badenhorst immer wieder gerne zurück, auch wenn ihr das Aufkommen der rechtskonservativen Kräfte im Osten Deutschlands Sorgen bereitet. «Sie spielen mit den Ängsten der Bevölkerung. Wer im Osten aufgewachsen ist, ist mit einer stetigen Grundangst aufgewachsen», sagt sie.

Später dann, nach der Wende, seien viele Ostdeutsche ausgenutzt worden. Die Sehnsucht nach einer heilen Welt nach der Wende sei gross gewesen. Bald habe sich eine gewisse Ernüchterung breitgemacht. Eine Ernüchterung, die sich bis heute hinziehe. Viele junge Menschen wandern noch immer ab. Eine von ihnen ist Bettina Badenhorst. Sie hat in Brugg eine neue Heimat gefunden.

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