Brugg
Um das Leben der nationalen Minderheiten zu erleichtern, wäre ein dauerhafter Platz für zehn Gespanne ideal

Die Stiftung Zukunft Schweizer Fahrende zeigt dem Brugger Stadtrat in einem Brief, wie ein neuer Standplatz zu einer Win-win-Situation für alle Beteiligten führen könnte. Der Stadtrat will dazu nicht nur den Jenischen und Sinti, sondern auch dem Einwohnerrat noch antworten.

Claudia Meier
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Fahrende mit ihren Wohnwagen auf dem Standplatz für Schweizer Fahrende im Schachen in Aarau.

Fahrende mit ihren Wohnwagen auf dem Standplatz für Schweizer Fahrende im Schachen in Aarau.

Bild: Chris Iseli
(28. April 2014)

In der Schweiz fehlen 20 bis 30 Standplätze für die fahrenden Jenischen, Sinti und Roma. Plätze also, die sich als Winterquartier eignen. Auch im Sommer ist die Situation prekär, es fehlen etwa 50 Durchgangsplätze. Das zeigte im Mai der neuste Standbericht der Stiftung Zukunft Schweizer Fahrende.

Schon lange wurde versucht, die Situation für die Schweizer Fahrenden bis 2022 zu verbessern. Geschäftsführer Simon Röthlisberger von der erwähnten Stiftung sagt nun, dass es unter anderem nicht vorwärtsgeht, weil das geeignete Terrain in vielen Kantonen fehlt: «Und wenn es vorhanden ist, steht der Platz für die Fahrenden in direkter Konkurrenz mit anderen Nutzungen.» Das gilt auch für die Region Brugg. Christoph Bürgi von der kantonalen Fachstelle für Fahrende sagt:

«Der Bedarf für einen weiteren Standplatz im Aargau ist vorhanden und wurde im kürzlich erschienenen Standbericht 2021 bestätigt. Als Fachstelle haben wir den Auftrag, den im kantonalen Richtplan festgehaltenen Bedarf umzusetzen und im Aargau einen weiteren Standplatz für die nationale Minderheit der Jenischen und Sinti zu realisieren.»

Einwohnerrat forderte, dass Stadtrat nochmals prüft

Ein Standort in der Region Brugg für zehn Gespanne wäre laut Christoph Bürgi eine gute Grösse. Dafür bräuchte es etwa 2000 Quadratmeter plus die nötigen Abstände zu Wald, Strassen und Gebäuden. Im Rahmen der öffentlichen Auflage der Nutzungsplanung der Stadt Brugg im Frühjahr 2018 war das Ausscheiden einer Spezialzone für einen Standplatz für Fahrende bereits ein Thema.

Auf dem Durchgangsplatz «Freibad Heumatten» in Windisch dürfen im Winterhalbjahr höchstens zwölf Wohneinheiten halten.

Auf dem Durchgangsplatz «Freibad Heumatten» in Windisch dürfen im Winterhalbjahr höchstens zwölf Wohneinheiten halten.

Bild: Alex Spichale
(28. März 2018).

Weil man das Potenzial für zusätzliche Arbeitsplätze sowie den Entwicklungsschwerpunkt Wohnen jedoch nicht gefährden wollte, konnte bei der Standortevaluation kein dauerhafter Standplatz für die Fahrenden ermittelt werden. Im Herbst 2019 wies der Einwohnerrat diesen Punkt mit 23:19 Stimmen zur Überarbeitung an den Stadtrat zurück. Mitte April schrieb die Stiftung den Brugger Stadtrat an und machte wie in einer Einwendung vor zwei Jahren auf ihr Anliegen aufmerksam. Aus Sicht der Stiftung könnte das Ausscheiden einer Spezialzone für einen Stand- und Durchgangsplatz aufgrund der vorhandenen Rahmenbedingungen für alle Beteiligten «eine ausgesprochene Win-win-Situation» ergeben.

Ausländische Fahrende mussten Windisch verlassen

Der Durchgangsplatz beim Freibad Heumatten sei zu Beginn der Fahrendensaison (1. Oktober 2020 bis 30. April 2021) nur einmal benutzt worden, und zwar von einer vierköpfigen Familie im November, teilt Jonas Lüscher von der Abteilung Planung und Bau mit. Ab Februar nahmen die Anfragen zu. Im März/April waren elf Familien zu Gast in Windisch. Über die ganze Saison hinweg wurden der Gemeinde keine Schulbesuche von Kindern der Fahrenden gemeldet.

Grösstenteils sei die Platzordnung gut eingehalten worden, so Lüscher. Im letzten November wurde der Platz während zweier Tage von ausländischen Fahrenden besetzt, was laut Vereinbarung mit der Radgenossenschaft der Landstrasse und dem Kanton Aargau nicht zulässig ist. Mithilfe der Regionalpolizei Brugg sei die Situation sofort bereinigt worden. 

Brugg bekommt Spielraum für eine neue Bauzone

Im Fall einer neuen Spezialzone für Fahrende erhielte die Stadt Brugg den Spielraum und die Garantie, jetzt oder in Zukunft 1,8 Hektaren neue Bauzone ausscheiden zu können. Da der Kanton die Platzerstellung finanziert und allfällige Betriebsdefizite übernimmt (inklusive dem Baurechtszins), geht die Stadt Brugg laut der Stiftung keine finanziellen Verpflichtungen ein und kann die Funktion als Regionalzentrum wahrnehmen. Geschäftsführer Röthlisberger sagt:

«Frau Stadtammann Barbara Horlacher hat uns im Juni 2018 zwar zu einer Einigungsverhandlung eingeladen. Aber für den Schutz der als nationale Minderheiten anerkannten Jenischen und Sinti müsste jetzt der nächste Schritt folgen – nämlich die Bereitschaft, Lebensraum für diese Menschen zur Verfügung zu stellen.»

Die Stiftung habe keine spezielle Parzelle im Fokus, sondern sei offen bezüglich Areal für einen Standplatz auf dem Brugger Stadtgebiet. Der Stadtrat will den Einwohnerrat im Herbst über den Umgang mit dem Anliegen der Stiftung informieren.

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