Paul-Scherrer-Institut

Ausländische Forscher erzählen, wie sie sie am PSI leben und arbeiten

Rund 2200 Wissenschafter aus der Schweiz und der ganzen Welt reisen pro Jahr ans Paul-Scherrer-Institut (PSI) nach Villigen. Viele von ihnen wohnen in dieser Zeit im Gästehaus des PSI. Woher kommen sie? Wie nehmen sie die Region wahr? Ein Besuch.

Matthias Hausherr
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Paul-Scherrer-Institut
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Schlüsselbrett an der Loge beim Eingang zum Gelände des PSI
Das Gästehaus verfügt über 11 Doppel- und 53 Einzelzimmer.
Das Gästehaus auf dem Gelände des PSI ist bereits enorm ausgelastet.

Paul-Scherrer-Institut

Zur Verfügung gestellt

Mit rund 1900 Mitarbeitern beschäftigt das Paul-Scherrer-Institut (PSI) inzwischen in etwa gleich viele Personen, wie das Dorf Villigen an Einwohnern zählt. Doch gegen Feierabend leert sich das Areal wieder. Die Beschäftigten wohnen in den umliegenden Dörfern, in Brugg, Baden oder Zürich.

Nur einige Forscher bleiben auch über Nacht auf dem Areal des PSI. Manche für einige Monate, andere nur für ein paar Tage. Sie sind Praktikanten, ausländische Forscher, die für Experimente hierher kommen oder neue Angestellte aus dem Ausland. Wenn Letztere hier ankommen, beziehen manche erst einmal im Gästehaus des PSI Quartier, bis sie eine eigene Wohnung in der Region gefunden haben.

Vom Himalaja zum Geissberg

Jaianth Vijayakumar Er liebt das Wandern. Da er eine Anstellung am PSI hat, will er auch die Region kennenlernen.

Jaianth Vijayakumar Er liebt das Wandern. Da er eine Anstellung am PSI hat, will er auch die Region kennenlernen.

Matthias Hausherr

Einer von ihnen ist Jaianth Vijayakumar. Er wohnte seit April im Gästehaus. Kürzlich ist er aber umgezogen in seine neue Wohnung in Brugg, die er von einer Arbeitskollegin übernehmen konnte. Jaianth kommt aus der südindischen Millionenmetropole Chennai, die am Indischen Ozean liegt. In diesem April hat der 23-Jährige beim PSI eine Anstellung über mehrere Jahre erhalten.

Er wird an der Synchrotron Lichtquelle Schweiz arbeiten, die sich in dem runden Gebäude befindet, das manche an ein Ufo erinnert. Hier werden mit sehr energiereichen Röntgenstrahlen Materialien zu Forschungszwecken durchleuchtet. Weil er sich auf eine längere Zukunft hier einstellt, will Jaianth auch seine neue Wohnumgebung kennenlernen. Dazu macht er gerne Spaziergänge in der Region, wie etwa nach Stilli und Villigen. In Windisch kennt er auch schon die Amphiwiese. Und er wandert gerne. Bereits in Indien hat er Wanderferien im Himalaja gemacht. In der Region Brugg nimmt er aber auch gerne mit dem Geissberg vorlieb.

Das Paul-Scherrer-Institut: Jährlich kommen 2200 Wissenschafter aus aller Welt

Das PSI ist 1988 aus der Fusion der beiden Bundesinstituten für Reaktor- und Nuklearforschung in Villigen und Würenlingen entstanden. Heute ist es das grösste Forschungszentrum für Natur- und Ingenieurwissenschaften in der Schweiz. Die Forschungsarbeiten konzentrieren sich auf drei Themenschwerpunkte: Materie und Material, Energie und Umwelt sowie Mensch und Gesundheit.

Jährlich kommen mehr als 2200 Wissenschafter aus der Schweiz und der ganzen Welt hierhin, um an den einzigartigen Anlagen Experimente durchzuführen, die so woanders nicht möglich sind. Das PSI ist Teil des ETH-Bereichs, dem auch die ETH Zürich und die ETH Lausanne angehören sowie die Forschungsinstitute Eawag, Empa und WSL. Das jährliche Budget beträgt rund 380 Millionen Franken. Zum Grossteil wird das PSI vom Bund finanziert, nimmt aber auch Drittmittel aus der Industrie, vom Schweizer Nationalfonds und aus den Forschungsförderprogrammen der EU ein. Das Gästehaus für Forscher befindet sich auf der Wiese im hinteren Teil des abgebildeten Areals. (AZ)

Trotzdem: Eigentlich würde er gerne in einer grösseren Stadt wohnen, wo das kulturelle Angebot grösser ist. Viele Angestellte des PSI wohnen in Baden, wo man öfters etwas miteinander unternimmt und es einfacher ist, sich sozial zu integrieren. «Dafür lebe ich in Brugg aber in einer ruhigen Nachbarschaft. Ausserdem wohne ich nahe am Bahnhof, von wo aus ich schnell in Baden, Zürich und bei der Arbeit bin. Das ist mir auch wichtig.» Momentan nimmt er noch den Bus nach Villigen, aber da er oft in der Nacht arbeiten muss, will er sich so schnell wie möglich ein Fahrrad besorgen, um flexibler zu sein.

Externe haben Vorrang

Wer wie Jaianth neuer Mitarbeiter des PSI ist, sollte nach zwei bis drei Monaten das Gästehaus wieder verlassen und eine eigene Wohnung gefunden haben. So ist die Regel. Das Gästehaus ist in erster Linie für die externen Gäste – die sogenannten «Nutzer» – gedacht, die aus der Industrie oder von anderen Universitäten hierherkommen, um Experimente durchzuführen. Unten im Eingangsbereich hängt ein Monitor.

Darauf zu sehen sind Messwerte, Leistung und Auslastung der Grossforschungsanlagen. Wie Skifahrer auf der Webcam bei der Talstation schauen können, wie das Wetter auf dem Gipfel ist, können die Physiker dank den Daten auf dem Monitor abschätzen, ob die Bedingungen für Experimente momentan gut sind.

Andreas Späth hat ein Doktorat in Physikalischer Chemie und ist von der Uni Erlangen angereist, um Experimente an der SLS durchzuführen. Dafür kommt er fast alle drei Monate einmal aus Deutschland nach Villigen. Diesmal bleibt er 10 Tage im Gästehaus. Normalerweise bleibt er nur halb so lang hier.

Andreas Späth Er kommt von der Uni Erlangen und ist 10 Tage im Gästehaus. Er reist regelmässig für Experimente nach Villigen.

Andreas Späth Er kommt von der Uni Erlangen und ist 10 Tage im Gästehaus. Er reist regelmässig für Experimente nach Villigen.

Matthias Hausherr

Mit ihm sind zwei Kollegen gekommen. Einer macht die Tagschicht, einer die Nachtschicht und einer wechselt zwischen den beiden Schichten. «Wenn wir hier sind, arbeiten wir rund um die Uhr, auch an Feiertagen und an den Wochenenden. Daher kommen wir kaum dazu, die Region zu erkunden.» Wenn das Gästehaus belegt ist, werden er und seine Kollegen auch mal in Böttstein, Villigen oder den anderen benachbarten Dörfern einquartiert. «Vereinzelt sind wir von dort aus auch schon nach Würenlingen zum Einkaufen oder in den ‹Hirschen› nach Villigen gefahren.»

Internationalität ist in Gefahr

Für ein Zimmer am PSI zahlen Auswärtige zwischen 40 bis 60 Franken pro Nacht, je nach Standard. Für die Benutzung der Forschungsanlagen zahlen die Forscher von in- und ausländischen Universitäten aber nichts. Nur die Privatwirtschaft zahlt für ihre Messungen hier. «Das Gleiche gilt aber auch für Schweizer Forschende im Ausland», sagt Stefan Janssen, der für die Organisation des Nutzerbetriebs am PSI sowie für das Gästehaus zuständig ist. Das PSI erhält dafür auch Gelder aus EU-Forschungsprogrammen.

Bisher kann sich die Schweiz noch an diesen Programmen beteiligen. Doch mit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative ist die Zukunft der Schweizer Beteiligung ungewiss. Stefan Janssen schätzt die Folgen düster ein: «In einem so internationalen Forschungsumfeld wie am PSI würde eine Aufhebung der Personenfreizügigkeit und die Kündigung der Forschungsprogramme nicht absehbare Folgen haben.» Auch Andreas Späth teilt diese Ansicht: «Im Vergleich zu einer Universität ist die Forschungsumgebung am PSI um einiges internationaler.»

Einkaufstourismus mit dem Velo

Vor allem in den Sommermonaten sind die Zimmer knapp. Denn dann kommen viele Studenten während ihrer Semesterferien für ein mehrwöchiges Praktikum nach Villigen. «Dann kommt es auch mal vor, dass wir ein zweites Bett in ein Einzelzimmer stellen müssen», sagt Stefan Janssen.

Maura Dantuma ist etwas länger hier. Insgesamt forscht sie während dreier Monate für ihre Masterarbeit in der Abteilung Protonentherapie. Diese Behandlungsmethode zeigt gute Resultate bei der Therapie von gewissen Krebsleiden, beispielsweise bei Augenmelanomen. Die Patienten werden dazu ambulant auf dem PSI-Areal behandelt.

Maura Dantuma Sie aus Holland macht ein Praktikum in der Protonentherapie.

Maura Dantuma Sie aus Holland macht ein Praktikum in der Protonentherapie.

Matthias Hausherr

Als Praktikantin verdient Maura hier auch einen Lohn: «Als ich den Betrag erfuhr, war ich erstaunt, wie hoch ein Praktikantenlohn in der Schweiz sein kann. Wenn man den in Euro umrechnet, könnte man als Studentin in den Niederlanden beinahe davon leben. Aber als ich dann hier in der Schweiz sah, wie teuer die Lebensmittel sind, war meine Freude etwas gedämpft.»

Deshalb ist sie zum Einkaufen auch schon über die Grenze nach Deutschland gefahren – mit dem Velo, das sie im PSI kostenlos mieten kann, um auch die teure Bahn zu sparen. Ob Bahn oder Velo – für den Weg braucht sie zirka 40 Minuten. Maura kommt aus Enschede im Norden der Niederlande. Das Fahrrad ist für sie das vertraute Fortbewegungsmittel, auch wenn die Topografie hier etwas anders aussieht. Maura und Jaianth haben sich im Gästehaus bereits kennengelernt.

Die Bewohner organisieren sich über eine eigene Facebook-Seite. «Im Moment sind wir eine ganz gute Gruppe,» finden Maura und Jaianth. «Wir organisieren Ausflüge nach Genf zum Cern, wir gehen in Baden oder Zürich aus oder organisieren Barbecues und Filmabende.» Mit dem Klischee der langweiligen Physik-Nerds aus der Serie «The Big Bang Theory» hat das gar nichts zu tun: «Die Afterpartys finden dann jeweils hier im Gameroom im Untergeschoss statt.»