Wo früher Fleisch verkauft wurde, gibt es neu balkanisches Gebäck

Nachdem das Lokal der Metzgerei Felchlin an der Wettinger Landstrasse jahrelang leer stand, kehrt nun neues Leben ein – viele können die Eröffnung der Bäckerei Boem kaum erwarten.

Claudia Laube
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Bigo, Boyda, Almir und Alvin Oskakach (v.l.) führen die neue Bäckerei an der Landstrasse. B

Bigo, Boyda, Almir und Alvin Oskakach (v.l.) führen die neue Bäckerei an der Landstrasse. B

ild: Alex Spichale

Die Metzgerei Felchlin war mehr als 30 Jahre lang eine Institution an der viel befahrenen Wettinger Landstrasse. Doch vier Jahre nachdem Inhaber Heinrich Felchlin den Betrieb und das Haus dem Ehepaar Beatrice und Michael Pabst verkauft hatte, schlossen diese 2017 die Metzgerei für immer. Seither standen die Räumlichkeiten mit den auffällig hervorstechenden bordeauxroten Dächern an der Fassade leer.

Doch in den letzten Monaten kehrte in die Räumlichkeiten Leben zurück, das ganze Interieur wurde herausgerissen und eine Bäckerei-Konditorei mit kleinem Café eingerichtet. Die bordeaux roten Dächer an der Fassade sind nun nicht mehr mit Metzgerei, sondern mit «Bäckerei Boem» beschriftet – einer Bäckerei mit balkanischen Spezialitäten. An der Landstrasse gibt es künftig selbst produzierte balkanische Klassiker wie Bureks, aber auch Torten, Gipfel und Glace nach Grossvaters Art zu kaufen. «Wir arbeiten mit regionalen Zutaten und stellen alles frisch und von Hand her. Das gehört zu unserem Geschäftsmodell», sagt der 35-jährige Inhaber Almir Oskakach. So wird zum Beispiel ihre Eiscrème mit Milch von einem lokalen Bauer zubereitet.

Almir Oskakach ist wichtig, zu betonen, dass er die Bäckerei gemeinsam mit Vater Bigo, 55, Onkel Boyda, 48, und Cousin Alvin, 22, führt. Die vier sind ein eingespieltes Team, jeder hat von der Herstellung über die Dekoration bis hin zum Verkauf seine klar definierte Aufgabe. Bis kurz vor dem Shutdown im März betrieb Familie Oskakach ihre Bäckerei während dreier Jahren in Zürich-Oerlikon. Was mit Wettingen eigentlich eine Expansion hätte werden sollen, also eine zweite Filiale, wurde inzwischen begraben: «Wegen Corona haben wir uns dazu entschieden, die Filiale in Oerlikon ganz aufzugeben und nur diejenige in Wettingen zu führen. Wir finden es besser, nur an einem Ort zu produzieren», erklärt Almir.

Von Nordmazedonien über Bulgarien nach Wettingen

Er unterhält sich mit der Journalistin in Englisch. Nicht, weil er Deutsch nicht versteht, aber weil er die Sprache nicht so gut spricht. Er und seine Familie haben 2016 mit ihrer Bäckerei und Konditorei den Schritt – nach 15 Jahren in Bulgarien – in die Schweiz gewagt. Das Geschäft mit salzigem und süssem Gebäck hat eine jahrelange Tradition in der Familie. Über deren Geschichte ist auch auf der Facebook-Seite der «Boem Bäckerei & Cake» zu lesen, garniert mit einem alten Bild aus dem Jahr 1966, auf dem Almirs Vater Bigo als kleiner Knirps zu sehen ist, wie er seinem Vater in der Bäckerei in Strumica – einer Stadt im Südosten Nordmazedoniens, nahe der Grenze zu Bulgarien und Griechenland – bei der Arbeit hilft. «Mein Grossvater führte damals die erste private Bäckerei und Patisserie der Stadt», erzählt Almir.

2005 zog die Familie mitsamt Geschäft nach Petrich in Bulgarien – und kam danach in die Schweiz. Die Oskakachs sind sich Neuanfänge wie in Wettingen gewohnt. Bäckerei und Familie, das gehört dabei für sie untrennbar zusammen. Sie haben nicht nur ihre Bäckerei nach Wettingen gezügelt, sondern gleich die ganze Familie. «Ich habe die Region durch Freunde bereits vorher gekannt», sagt Almir. Und als er und seine Verwandten nach einem zweiten Standort Ausschau hielten, stand Wettingen ganz oben auf der Liste: «Wir mögen den dörflichen Charakter hier.» Es gehe viel familiärer zu als zum Beispiel in Oerlikon. Das Dorf sei ausserdem Strumica sehr ähnlich – von der Grösse und der Einwohnerzahl her –, der Stadt, in der seine Vorfahren jahrelang die Bäckerei führten: «Wahrscheinlich hat das mitgespielt, dass wir uns schon sehr heimisch fühlen, obwohl wir erst seit Februar hier leben», sagt Almir Oskakach. Die Menschen aus der Nachbarschaft seien sehr freundlich, kämen offen auf ihn und seine Familie zu. Auch den Nachbarn ist aufgefallen, dass in der ehemaligen Metzgerei nach drei Jahren Leerstand endlich wieder Leben einkehrt.

Wettinger Migranten freuen sich auf das Sortiment

Während des Gesprächs mit der AZ läuft eine Kundin ins Geschäft und ist sichtlich enttäuscht, als sie keine Waren in der Auslage entdeckt – das sei in den letzten Tagen öfters passiert, sagt Almir. Die Frau fragt nach dem genauen Datum der Eröffnung, doch das ist noch nicht klar: «Zuerst muss der Umbau von der Gemeinde abgenommen werden», erklärt Almir, der es kaum erwarten kann, endlich loszulegen. Geplant war, im Juni zu eröffnen, doch auch ihnen kam Corona dazwischen. «Umso motivierter sind wir jetzt.» Er hofft auf eine Eröffnung in den nächsten Tagen.

Nicht nur er und seine Familie freuen sich darauf, wenn es endlich losgehen kann, sondern auch besagte Kundin. Sie sei dabei bei weitem nicht die Einzige: «Ganz viele freuen sich auf die Eröffnung», bekräftigt die Frau, die sich in ihrer Muttersprache mit den Oskakachs unterhalten kann. Almir hat aus ihrem Dialekt sofort herausgehört, dass sie ebenso aus dem nordmazedonischen Strumica kommt. Nicht ganz unerwartet freut sie sich besonders auf die Bureks, einem Teiggebäck aus dem ehemaligen Jugoslawien, die hier im Angebot sein werden – und die es in Wettingen laut Almir bisher nirgends zu kaufen gibt.

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