Sowohl das Büro, die Ruine Stein und der Kerker sind ihr Alltag

Vor 23 Jahren zog die Holländerin Manuella Seiler der Liebe wegen nach Baden. Heute arbeitet sie als Stadtführerin und kennt die geschichtsreiche Vergangenheit der Bäderstadt so gut wie die eigene Handtasche.

Joel Kälin
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Mit Stolz trägt Manuella Seiler die Farben des Stadtwappens.

Mit Stolz trägt Manuella Seiler die Farben des Stadtwappens.

Sandra Ardizzone

Es ist Mittagszeit. Ganz Baden, so scheint es, begibt sich auf die Suche nach einem kurzen Imbiss in die Innenstadt. Mittendrin, mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht, die Badener Stadtführerin Manuella Seiler. Die 56-Jährige trägt über einer weissen Bluse eine lässige rote Strickjacke. An dieser ist ein kleines Namensschild befestigt. Dazu trägt sie – passend zu den Farben des Stadtwappens – eine schwarze Hose.

Seit rund zwei Jahren gehört die gebürtige Niederländerin zum Team der Badener Stadtführerinnen und Stadtführer (siehe Text unten). Doch bereits Jahre zuvor packte die gelernte Übersetzerin die Leidenschaft fürs Geschichtenerzählen. «Es bereitete mir schon immer Freude, etwas über Orte zu berichten und Dinge zu zeigen, wenn ich mit jemandem unterwegs war», sagt Manuella Seiler mit einem sympathischen niederländischen Akzent. Sie fügt an: Baden sei als geschichtsreiche Kultur– und Bäderstadt die geeignete Stadt dafür.

Mit ihrem Ehemann, den Manuella Seiler als junge Studentin an der Universität Manchester in England kennen gelernt hatte, zog sie vor 23 Jahren in die Bäderstadt. Doch bereits vor ihrem Zuzug arbeitete sie während vier Jahren bei der BBC – der heutigen ABB – in Baden. Sie hatte die Funktion als Assistentin der Geschäftsleitung inne. Heute hingegen arbeitet sie als Assistentin für die Schulleitung der Höheren Fachschule (HF) «ABB Technikerschule» im 60-Prozent-Pensum. Und in der Freizeit ist sie als Stadtführerin tätig.

Von den Römern bis zur BBC/ABB

So kann es durchaus sein, dass sie morgens im Büro arbeitet, nachmittags die Touristen auf die Ruine Stein begleitet und als Abschluss in der Gefängniszelle des Stadtturms landet. Sie arbeite zwar sehr gerne am Schreibtisch, doch die Stadtführungen seien eine willkommene Abwechslung, sagt Seiler. Bevor sie der Tätigkeit als Stadtführerin nachgehen konnte, musste sie eine mehrmonatige Ausbildung absolvieren. Die Geschichte Badens stand dabei im Fokus: von der Zeit der Römer über den selbst ernannten Kaiser Napoleon bis hin zur Gründung der BBC/ABB.

Nachdem sie sich gründlich in die Geschichte der Bäder- und Kulturstadt eingearbeitet hatte, folgte am Ende ihrer Ausbildung eine theoretische sowie eine praktische Prüfung. Der praktische Teil beinhaltete die alleinige Führung von «Zeitreise durch 2000 Jahre Stadtgeschichte». Mit dieser eineinhalbstündigen Führung beginnen alle angehenden Stadtführer. Während der Ausbildung wurde Seiler von erfahrenen Teamkolleginnen und Teamkollegen unterstützt. «Falls Fragen von den Kunden in die Runde geworfen werden, muss man vorbereitet sein und sich mit der Thematik auskennen», sagt die Stadtführerin. Sie fügt an: Auch Spontanität sei gefragt.

Noch neu und trotzdem routiniert

Obwohl sie nach wie vor zu den Neuen im Team der Stadtführer gehört, verfügt sie bereits über Routine. Sie erinnert sich an einen heiteren Moment in ihrer bisherigen Laufbahn: «Eine Gruppe Niederländer nahm an einer Führung teil. Ich wollte die Gäste schon auf Holländisch begrüssen, als ich bemerkte, dass sich noch ein einzelner Teilnehmer aus Norwegen dazugesellte. Ein bisschen enttäuscht musste ich die Führung also doch auf Englisch halten», sagt Seiler mit einem Lächeln. Man spürt, sie hat Spass an ihrem Hobby.

Dass die Entschädigung nicht allzu hoch ausfällt, hat für sie keine Priorität. Mit viel Herzblut zeigt Manuella Seiler interessierten Besuchern mit Führungen wie «Heimliche Hauptstadt der Eidgenossen», «Hexen, Mörder, Dirnen und Brandstifter» oder mit «Geschichten von Frauen, die Baden und die Welt bewegten» ihre Stadt. Es scheint, als würde sie Baden so gut kennen wie ihre Handtasche. Dafür sei zwar kein Studium in Geschichte notwendig, doch ein gutes Allgemeinwissen gehört schon dazu, sagt Seiler.

Rund 8000 Gäste waren im Jahr 2015 auf den Spuren der Vergangenheit der Stadt Baden

Aktuell sind 13 Stadtführerinnen und Stadtführer für das Tourismusbüro Info Baden tätig. Sie sind als freischaffende Mitarbeiter bei der Stadt angestellt. Mit viel Engagement bringen sie den Gästen die Bäderstadt näher. Täglich laden sie Einheimische und Touristen dazu ein, der Vergangenheit Badens auf die Spur zu gehen: Im vergangenen Jahr begleiteten die Stadtführer rund 8000 Gäste – und 2016 sollen es noch mehr sein.

Die meisten Besucher kommen aus der Region, dem Aargau oder aus den Nachbarkantonen. Doch auch ausländische Touristen nehmen regelmässig an den Stadtführungen teil. Rund 30 verschiedene Führungen umfasst das Angebot von «Info Baden». Generell dauern diese eineinhalb Stunden. Es werden aber auch individuelle Stadtführungen für Jubiläen oder auf Wunsch von Kunden zusammengestellt – sofern diese ins Segment passen. Beispielsweise bietet «Info Baden» anlässlich des 125-Jahr-Jubiläums von BBC/ABB im Industriegebiet die Führungen «Baden Turbo» und «Metamorphose Baden Nord» an. (az)