Baden
Indoor-Hanfbauer wird brutal überfallen und erpresst

Ein junger Mann ist nach einem Raub schwer traumatisiert. Die Täter? Erscheinen entweder gar nicht vor dem Badener Bezirksgericht oder behaupten, das Opfer habe zu viele Actionfilme geschaut.

Aline Wüst
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Versteckte Hanfpflanzenzucht in einem Keller. (Symbolbild)

Versteckte Hanfpflanzenzucht in einem Keller. (Symbolbild)

Es war ein seltsamer Tag, ein seltsamer Prozess. Es ging um Raub und Erpressung. Vier Täter, nur zwei waren gestern vor Bezirksgericht Baden anwesend.

Das Opfer: Renato*, Künstler, ehemaliger Besitzer einer Indoor-Hanfanlage. Er sagt über sich: «Ich bin ein lieber Siech. Das wissen alle hier.» Der Raubüberfall aber, der habe sein Leben zerstört.

Es war im Sommer 2011, als vor seiner Haustür drei Männer standen – mit Pistole und Messer bewaffnet: Jadran*, Blerim* und Adrim*.

Jadran (32) soll Renato die ganze Zeit die Pistole an den Kopf gehalten und Geld gefordert haben. «Er war ausser sich», erinnert sich Renato. Jadran soll mit dem Messer auch Stichbewegungen in Renatos Richtung gemacht haben.

Renato steht auf. Ein grosser Mann, sichtlich aufgewühlt durch das Erzählen. Er zeigt, wie er dem Messer ausgewichen ist. Er tut es mit grossen Bewegungen und lauten Worten.

Schliesslich stahlen sie ihm 2800 Franken und 60 Gramm Marihuana.

In Albanien statt vor Gericht

Vor Gericht anwesend ist Jadran, der zurzeit in Haft sitzt, und Renatos Ausführungen konzentriert zuhört.

Jadran ist der Boss einer Einbrecherbande, die sich am Vortag vor Bezirksgericht verantworten musste – 79 Einbrüche gehen auf sein Konto. Ihn erwartet eine lange Haftstrafe – noch fehlt für die Verurteilung ein psychiatrisches Gutachten .

Blerim (29) war auch dabei beim Raub. Zur Gerichtsverhandlung kam er nicht. Er sei in Albanien und habe eine Lungenentzündung, liess er ausrichten.

Sein Anwalt sass allein da. Ein weiterer am Raub beteiligter Mann ist zur Haft ausgeschrieben. Er weilt im Kosovo. Um Schuld oder Unschuld der drei Männer zu klären, braucht es nochmals eine Gerichtsverhandlung.

Auf der Anklagebank sitzt auch eine zierliche 24-jährige Spanierin, die alle früheren Aussagen widerruft. Bei den Einvernahmen gab sie noch zu, am Raub beteiligte gewesen zu sein.

Gestern erklärte sie, nur ein bisschen Gras gewollt zu haben. «Ich wollte nichts rauben und habe nichts von der Beute erhalten.» Aufpasserin sei sie auch nicht gewesen.

Das Gericht sah das anders: Die Spanierin wurde im Sinne der Anklage zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten wegen Raub verurteilt – Probezeit zwei Jahre. Sie muss Renato ausserdem eine Genugtuung von 10 000 Franken bezahlen.

Nicht so harmlos, wie er tut

Und so beschreibt Jadran den Vorfall: «Ich wusste überhaupt nicht, was läuft. Ich bin nur schnell mit den anderen mitgegangen, weil ich wissen wollte, wo Renato wohnt. Ich hatte vor, bei ihm einzubrechen. Ich habe versucht, die Situation zu beruhigen. Ich habe ihn nicht mit dem kleinen Finger berührt.»

Zur Version von Renato sagt er: «Das hat er wohl in Actionfilmen gesehen, was er da erzählt. Oder er war paranoid vom Kiffen.»

Jadran passe sein Aussageverhalten stets an den neusten Ermittlungsstand an schmücke seine Aussagen nach belieben aus, sagt der Staatsanwalt.

So harmlos, wie er sich gebe, sei der Mazedonier nicht. Jadran habe beispielsweise eine Vorstrafe, weil er auf einen Mann geschossen hat.

Der Staatsanwalt ist sicher, dass die Männer und die Spanierin den Raub planten und Renato danach weiter erpressten.

Ihm drohten, sie würden seiner Freundin etwas antun oder ihn bei der Polizei verpfeifen wegen des Hanfs. Irgendwann meldete sich Renato selber bei der Polizei.

Was nach der Tat geschah: Zu einem frühkindlichen Trauma kam bei Renato ein erneutes schweres Trauma aufgrund der Todesangst während des Raubs.

Das äussert sich in paranoide Anfälle und Flashbacks. Er musste aus der Wohnung ausziehen, konnte nicht mehr arbeiten, geriet in eine Unglücksspirale, seine langjährige Beziehung zerbrach.

Der grosse Mann wischt sich Tränen aus den Augen, während die Anwältin seine Geschichte erzählt. Jadran beobachtet ihn. Die Spanierin schaut unbeeindruckt ins Leere.

*Namen geändert

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