Prozess in Baden

In Aargauer Kita: Lehrling missbraucht Bub (4) – und streitet weitere Missbräuche ab

Ein 28-jähriger Angeklagter steht vor dem Bezirksgericht Baden, weil er mehrere Kleinkinder in einer Kita sexuell missbraucht haben soll. Der Mann gibt allerdings nur einen Missbrauch zu.

Philipp Zimmermann
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Es ist die Horrorvorstellung für Eltern: Aus dem Nichts sagt ein Vierjähriger seinem Vater, dass sein Betreuer aus der Kita «mein Schnäbi in den Mund genommen hat». Ob das normal sei? Der Vater hat seinen Sohn eben erst aus der Kita abgeholt. Sofort ist ihm klar, dass sein Sohn sich hier nichts zusammenfabuliert, wie er an der Verhandlung vor dem Bezirksgericht Baden ausführt. «Mein Sohn war stark irritiert.» Der Vorfall geschah im Mai 2018.

Angeklagt ist am Dienstag ein 28-Jähriger. Er absolvierte damals in der Kita in der Region Baden eine Lehre als Kleinkinderzieher. Wenig später wurde er freigestellt, dann entlassen. Die Kita lud die Eltern zu einem Infoanlass ein. Danach meldeten sich weitere Eltern, die aufgrund von Schilderungen ihrer Jungen auch von einem Missbrauch ausgingen.

Angeklagt wurde der nicht vorbestrafte 28-Jährige wegen mehrfacher sexueller Übergriffe und mehrfacher Schändung. Der Lernende soll in der Kita jeweils zur Mittagszeit den Gruppen-Schlafraum der Kinder aufgesucht und sich an den Buben im Alter von zwei bis vier Jahren vergangen haben. Er soll den Penis mehrerer Kinder in den Mund genommen und den eigenen einem von ihnen in den Mund eingeführt haben. Gemäss Anklageschrift erwachten die Buben schnell, woraufhin er von ihnen abliess. Im anfangs geschilderten Fall soll er den Buben wieder zugedeckt und gesagt haben, er solle weiter schlafen.

Die Vorwürfe basieren auf den Äusserungen und Schilderungen der Kinder, nicht alle in derselben Deutlichkeit. Vor Gericht äusserten sich ihre Eltern. Grundsätzlich gehe es ihren Familien gut, sagten sie. «Ich weiss aber nicht, wie es in seiner Seele aussieht», sagte ein Vater über seinen Sohn. Die Angst, dass ihre Söhne langfristig einen schweren Schaden davontragen, war unüberhörbar.

Die Leiterin der Kinderkrippe bricht in Tränen aus

Die Krippenleiterin beschrieb ihren ehemaligen Lernenden als sehr freundlich und aufgestellt. Er sei zuverlässig gewesen und beliebt bei den Kindern. Im Vergleich zu Gleichaltrigen sei er ihr zwar etwas unreif vorgekommen. Hinweise für einen Missbrauch habe es aber nie gegeben.

Als Gerichtspräsident Christian Bolleter sie fragte, wie sie vom Übergriff erfahren habe, brach sie in Tränen aus. «Es ist schlimm, bis heute», sagte sie. «Im ersten Moment konnte ich es mir bei ihm überhaupt nicht vorstellen.» Für sie sei eine Welt zusammengebrochen.

«Ich habe keine Fantasien mit Kindern, nur mit Männern»

Ein forensischer Psychiater hat vom Beschuldigten ein Gutachten erstellt. Er stellte eine Persönlichkeitsakzentuierung, aber keine Persönlichkeitsstörung fest. Der 28-Jährige habe homoerotische Fantasien. Einen Penis in den Mund zu nehmen, sei ein lang ersehnter Wunsch gewesen. Er habe keine homoerotischen Kontakte zu anderen Männern ausgelebt.

Dafür hätte er seine Homosexualität offenbaren müssen, was ihm auch aufgrund eines massiven Konflikts mit den konservativen Wertvorstellungen in seiner Familie nicht gelungen sei. Die Fantasien aber wurden immer drängender. Bis es zu einem impulsiven Durchbruch gekommen sei. Dieser sei als Kompensationshandlung zu verstehen. Pädophil sei der Beschuldigte nicht.

Rückfallgefahr besteht

Der Psychiater bejahte eine moderat erhöhte Rückfallgefahr in Bezug auf neue sexuelle Handlungen mit Kindern. «Wenn er seine Fantasien und Bedürfnisse mit einer erwachsenen Person ausleben könnte, wäre die Gefahr deutlich tiefer.» Wichtig sei, dass er sich einer Psychotherapie unterziehe.
Der Beschuldigte machte vor dem Gericht einen unsicheren Eindruck. Er legte einzig ein Geständnis zum Vierjährigen ab. «Mir tut es leid», sagte er leise. Die Tat sei eine Kurzschlusshandlung gewesen. Und er stimme dem Antrag der Staatsanwaltschaft für ein lebenslängliches Tätigkeitsverbot mit Minderjährigen zu.

Im Gutachten des forensischen Psychiaters erkenne er sich wieder. «Ich habe keine Fantasien mit Kindern, nur mit Männern.» Er lebt nach wie vor allein und hat einen neuen Job. Wie lebt er seine Sexualität aus? «Dazu möchte ich nichts sagen.» Befragt zu seiner Rückfallgefahr, zuckte der Beschuldigte mit den Schultern. «Nein, ich glaube nicht, dass es wieder zu solchen Handlungen kommt.» Stattdessen steht demnächst der erste Termin für die Psychotherapie an.

Urteil wird am Dienstag erwartet

Die Verhandlung vor dem Bezirksgericht Baden wird am Dienstag mit den Plädoyers und der Urteilsverkündung fortgesetzt. Der Staatsanwalt wird eine teilbedingte dreijährige Freiheitsstrafe beantragen, mit einem Jahr unbedingt. Der Verteidiger wollte sich gestern noch nicht zu seinem Antrag äussern.