BT-Kolumne

Gras auf Weg- und Strassenrändern

Franz Streif schreibt heute über das Mähen zur Unzeit und die Suche nach den Gründen hierfür.

Franz Streif
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(Symbolbild)

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In Leserbriefen vom 23. und 27. Mai wird der Brauch beklagt, dass das Strassenamt die blühenden Wegränder frühzeitig ratzekahl mäht. Wo bleiben da die weissen «Geisseblüemli»und die gelben «Ankeblüemli»? Kein Platz ist mehr für die violetten «Gufechüsseli» und die blaue Wegwarte. Wo bleiben die zirpende Grille und die fleissige Ameise? Nur die gelben «Säuistöck» in den fetten Kunstwiesen würden prächtig gedeihen.

Diese Mahd zur Unzeit ist wirklich bedauerlich. Da wären meine Brüder gleicher Meinung. Für unsere Tablar-Kühe (Kaninchen) schickte uns der Vater jeweils hinaus an die Strassenränder. Dort mussten wir jeden Tag mit einer Sichel Gras schneiden, damit wir die Barren unserer Fleischlieferanten am Abend auffüllen konnten und so unseren Sonntagsbraten sicherstellten. Bis der Grassack voll war, mussten wir oft weit gehen. An der Kronengasse wuchsen keine Gräser. Ausgiebige Plätze waren die hintere Kanalstrasse, das Mätteli beim Grand Hotel und die Sportarena Aue.

Bei der Letzteren mussten wir uns auf die umgebenden Hänge beschränken. Die Fläche war mit Rasen besät und diente zeitweise auch als Kartoffelfeld. Von futtergrashaltigen Wiesen mussten wir fernbleiben, so verlockend sie auch waren. Dort zu grasen wäre Landfrevel gewesen. Die Besitzer oder Pächter achteten scharf darauf, dass wir Unterstädter ihre dem Heuet reservierten Flächen nicht betraten. Ja, wie war es damals mit der Abgasbelastung? Überhaupt kein Problem. Die karrenziehenden Hafermotoren (Pferde) belasteten die Umwelt als kleine Düngefabriken (Rossbollen) kaum und benzinbetriebene Autos waren äusserst selten. Was bringt denn heute die Strassenämter dazu, den halben Meter an Grasland von Blüten und damit auch von Insekten zu befreien? Ist es der schweizerische Ordnungssinn, der auch hier dafür sorgen will, dass alles Überständige zurückgebunden wird? Oder sollen auf diese Weisse die grossen Maschinen amortisiert werden?

Der alte Strassenwärter mit seinem Reisigbesen hat endgültig ausgedient. Es ist die rumpelnde Strassenwischmaschine, die im wöchentlichen Rhythmus die meist saubere Strasse befahren muss, und so beweist, dass wir Schweizer das sauberste Land der Welt bewohnen.

Franz Streif, Jahrgang 1936, aufgewachsen an der Kronengasse in Baden, seit 1965 wohnhaft in Oberrohrdorf, gelernter Schreiner, ab 1958 bis zur Pensionierung bei Otto Fuchs AG, Seidenbänder in Baden, Verkaufsleiter.