Ennetbaden
Flüchtlinge und Schweizer rücken beim Essen näher zusammen: «Eine Chance, mehr über unglaubliche Schicksale zu erfahren»

Das Projekt «Eat and Meat» in Ennetbaden wird neu aufgegleist und erweitert: Flüchtlinge kochen dort für Einheimische und erzählen aus ihrem Leben.

Ursula Burgherr
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Sie bringen Menschen zusammen: Marit Studer, Gerardo Kersout und Katharina Barandun. Es fehlt Stefan Moll.

Sie bringen Menschen zusammen: Marit Studer, Gerardo Kersout und Katharina Barandun. Es fehlt Stefan Moll.

Ursula Burgherr

Vor sieben Jahren haben Katharina Barandun und ihr Mann Gerardo Kersout das erste Mal die Türen zu ihrem Privathaus in Ennetbaden geöffnet. «Unsere Idee war es, Menschen aus aller Welt an unseren Tisch einzuladen und bei einem gemütlichen Essen einen spontanen Austausch auf Augenhöhe zu bieten», sagt Kersout, der aus Surinam stammt. Ihm waren die kreolischen Spezialitäten zu verdanken, die bei «Eat & Meet» jeweils auf den Tisch kamen.

Der monatlich stattfindende Event entwickelte sich zum Erfolg. Musiker gesellten sich zu der bunt gemischten Gesellschaft. Flüchtlinge waren zu Gast, öffneten sich zaghaft und erzählten von sich. Dies auf besonderen Wunsch von Barandun, die ein grosses soziales Herz hat: «Mir war es immer ein besonderes Anliegen, das Verständnis für geflüchtete Menschen und ihre Lebenserfahrungen, zu fördern», bekundet die 56-Jährige und fügt stolz hinzu:

«Dank unserer Initiative entwickelten sich Freundschaften und kleine Integrations-Projekte, die bis heute Bestand haben.»

Nach der langen coronabedingten Pause geht «Eat & Meet» jetzt in neuer Form weiter. Das Organisationsteam Barandun und Kersout hat sich mit dem evangelisch methodistischen Pfarrer Stefan Moll aus Baden und der Norwegerin Marit Studer zusammengetan, die sich in ihrer Kirchgemeinde ebenfalls seit langem für die Integration von Ausländerinnen und Ausländern stark machen.

Ab Samstag, 26. Juni, wird der Anlass nun alle vier Wochen im neuen Kulturzentrum «Ennetraum» am Postplatz in Ennetbaden stattfinden. Unter dem bewährten Label «Eat & Meet» kocht Kersout weiterhin kreolisch. Neu dazu kommt im monatlichen Wechsel das Format «Reisen erlaubt!». Dann bereiten Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea, Äthiopien, Sri Lanka oder Afghanistan landestypischen Speisen für die Gäste zu und erzählen persönliche Geschichten aus ihrer Heimat.

Nicht möglich ohne viel Freiwilligenarbeit

«Besucherinnen und Besucher aus der Schweiz können so ganz in ihrer Nähe in verschiedene Länder und Kulturen eintauchen und deren Menschen kennenlernen – ganz ohne Flugticket», meint Barandun, die im Berufsleben als Siedlungscoach verschiedene Partizipationsprojekte anbietet.

«Eat & Meet» sowie «Reisen erlaubt!» wird zum Teil von den Kirchgemeinden getragen. Gäste zahlen für ein Drei- bis Viergang-Menü 40 Franken. Flüchtlinge nehmen kostenlos am Anlass teil. «Wir sind mit diesem Prinzip in den letzten Jahren sehr gut gefahren. Unter dem Strich ging die Rechnung immer auf», sagt Barandun. Und betont, dass dies ohne ganz viel Freiwilligenarbeit keinesfalls möglich wäre.

Integriert dank Deutschkursen

Ishtar aus Syrien ist beim Gespräch mit der Zeitung dabei und hat ihren Sohn Andreas mitgebracht. «Als wir vor acht Jahren in die Schweiz geflüchtet und in Wettingen gelandet sind, war er noch ein Baby», erzählt sie und lächelt scheu. Dank Deutschkursen fühlt sie sich mittlerweile integriert. Sie ist ursprünglich Mathematiklehrerin und hat hier einen Job als Spielgruppenleiterin gefunden. Sie freut sich, an einem der kommenden Anlässe zu kochen und Köfte mit Bulgur, Hackfleisch und Reis gefüllte Weinblätter und vieles mehr zu servieren.

Ob sie dann auch von ihrem schicksalhaften Weg ohne Hab und Gut in ein für sie anfänglich fremdes Land erzählen wird? «Für alle jene unter uns, die sich nicht mit so vielen Herausforderungen konfrontieren mussten wie Ishtar, bieten unsere Anlässe eine Chance, mehr über unglaubliche Schicksale zu erfahren. Sowie, sich dadurch berühren zu lassen und die eigenen Lebensperspektiven zu erweitern», ist Barandun überzeugt.

Der erste kulinarische Integrationsanlass nach der coronabedingten Pause findet unter dem Motto «Reisen erlaubt» am Samstag, 26. Juni 2021, 19 Uhr im Kulturzentrum Ennetraum, Badstrasse 8 (Postplatz), in Ennetbaden statt. Syrische Flüchtlinge kochen dann ihre Landesspeisen und erzählen über ihre Heimat. Eine Reservation ist notwendig. Tel. 079 339 30 33 oder katharina@barandun-interkultur.ch