Wettingen 

Eine Freude für die Kinder, eine Lehre für die Erwachsenen

Beim Klosterfest wurde das Mittelalter so authentisch wie möglich nachgelebt. Das Privileg, in der Moderne zu leben, wurde einem dadurch so richtig bewusst.

Daniel Vizentini
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Klosterfest Wettingen
12 Bilder
Schriften von Daniel Severin vom Mittelalterverein Comthurey Alpinum
Während zweier Stunden liess er Lavendel und Wasser erhitzen, bis Lavendelöl heraustropfte
Mittelalterliches Schreiben, wie früher im Kloster
Operationsbesteck aus dem Jahr 1200
Kinder duellierten im Schwertkampf mit den Profis
Die Eierschalen und das Odermennigkraut auf dem Teller dienen nicht etwa der Schwarzen Magie, sondern echte mittelalterliche Arzneimittel
Ein Ritter im Garten des Kloster Wettingen – heute wenig üblich, früher wohl Alltag
Authentische Schilder, Pfeile und Helme stellen die Mittelaltervereine selber her
Daniel Severin präsentierte das mittelalterliche Schreiben live
Bis zu drei Kilo wiegt die Metallmaske, die dieses Kind gerade anprobiert
Die breite Schrift der Romanik wurde bis zur Gotik immer schmäler

Klosterfest Wettingen

Daniel Vizentini

Museumsbesuche dienen uns, um zu verstehen, wie die Welt früher war und wie sie zu dem geworden ist, was wir heute kennen. Umso besser wenn man diese Wandlung gleich in einer original mittelalterlichen Stätte wie das Kloster Wettingen und erst noch draussen an der frischen Luft erfahren darf. Dass diese Luft für Mitte Mai zwar noch etwas zu frisch war, schien den Kindern am Klosterfest gestern Nachmittag ziemlich egal zu sein: Mit Begeisterung probierten sie die schweren, mittelalterlichen Metallmasken aus, griffen zu Schild und Schwert und wagten sich in Duelle gegen die Grossen.

Verletzt aus den Gefechten stieg niemand. «Zum Glück», dachte man sich beim Anblick des «Hospital»-Zelts, wo die Arztversorgung aus der Zeit um das Jahr 1200 präsentiert wurde. Da lagen etwa Skalpelle und Operationsbesteck, die eher einer Werkzeugkiste anmuten. «Wie wurde damals desinfiziert?» wollte eine Frau wissen. «Gar nicht», lautete die simple, heutzutage haarsträubende Antwort. «Damals kannte man Bakterien noch nicht», so die Erklärung. Gewisse «Heilmittel» wurden aber dennoch eingesetzt: Auf Schlangenbisse streute man etwa Odermennigkraut und Wein, und gemahlene Eierschalen dienten zum Unterbinden von Nasenbluten. «Ich habe relativ oft Nasenbluten. Irgendwann probiere ich das aus», sagte die Dame im mittelalterlichen Gewand. Die vermeintlich primitive Ära lehrt uns scheinbar doch noch was.

Es ist ein zentrales Anliegen der Mittelaltervereine, die damalige Zeit so echt wie möglich nachzuleben. «Kein Pseudo-Mittelalter», sagt Daniel Severin vom Verein Comthurey Alpinum klipp und klar, sondern eine Ausstellung zum Miterleben auf Museumsniveau. Er selber zeigte am Klosterfest, wie früher mit Gänsekiel und Tinte auf Pergament geschrieben wurde. Die verschiedenen Schriften von der Epoche der Römer bis hin zur Gotik brachte er sich während Jahren selber bei. «In der Schule habe ich noch so schreiben gelernt», erinnerte sich ein älterer Zuschauer.