Baden
«Unsere Narrenfreiheit»: Theater- und Transgenderfrau Stella Luna Palino arbeitet erstmals mit ihrer Tochter zusammen

Im Stück «Cabaret Dezember» steht die Badener Transgender-Frau gemeinsam mit Tochter Senta Camille auf der Bühne. Warum die Produktion für alle Beteiligten eine Herausforderung darstellt.

Ursula Burgherr
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Zwischen Stella Luna Palino, deren Tochter Senta Camille (am Flügel) und Xavier Mestres Emilo besteht eine besondere Chemie.

Zwischen Stella Luna Palino, deren Tochter Senta Camille (am Flügel) und Xavier Mestres Emilo besteht eine besondere Chemie.

Bild: Ursula Burgherr

Noch gähnt das winzige Theater im Untergeschoss der «Unvermeidbar» leer vor sich hin, der weisse Flügel ist stumm. Vom 10. bis zum 29. Dezember erschaffen darin Theaterfrau Stella Luna Palino zusammen mit Tochter Senta Camille und Regisseur Xavier Mestres Emilio im Trio ein Variété, das den Glamour der goldenen 20er-Jahre wieder aufleben lässt. Als klassisches Nummernprogramm wird es angesagt, in dem einige der legendärsten Songs und Chansons aller Zeiten zu Gehör kommen. Dazwischen gibt es brisante und bissige Kommentare, groteske Clownerie, Slapstick und viel Komik.

Das Publikum muss sich auf einige Tabubrüche gefasst machen. Die als «Dezember Cabaret» betitelte Show will aber vor allem die Lebensfreude zelebrieren, die in letzter Zeit viel zu kurz gekommen ist. «Wir frönen deshalb bewusst der leichten Muse und lassen die Menschen den Alltag für einige Momente vergessen», meint Mestres und fügt hinzu: «Wir haben für diese kleine Produktion keinerlei finanzielle Unterstützung, geniessen sozusagen Narrenfreiheit und machen, was wir wollen.»

Seit über 40 Jahren arbeitet der Franzose mit Palino zusammen, wirkt meist im Hintergrund als Regisseur ihrer Stücke. Im «Dezember Cabaret» agiert er auch auf der Bühne und überrascht als Sänger mit seinem bemerkenswerten Bariton. Gespannt darf man auf seine selber als mässig bezeichneten Klavierkünste sein, mit denen er Putins persönlichen Pianisten Igor Rostopov mimt. Und sich an eine Rachmaninoff-Komposition heranwagt.

Grosse Ikonen werden neu interpretiert

Das Transgender-Thema steht für Palino nicht mehr im Vordergrund – wie das früher so oft der Fall war. Entspannt wie nie parodiert sie mit tiefer rauer Stimme Louis Armstrong und interpretiert von der Piaf das für die Ewigkeit geschriebene «Padam Padam». Grosse Ikonen der Musik- und Filmgeschichte wie Marlene Dietrich und Frank Sinatra leben im «Dezember Cabaret» wieder auf. «Wir hüten uns aber davor, die Evergreens dieser Legenden zu kopieren, sondern interpretieren sie auf unsere ureigene Art», sagt Palino bestimmt. Instrumental begleitet wird das Trio von Pianist Oliver Jerike.

Senta Camille, die 32-jährige Tochter von Palino, ist frisch von einem vierjährigen Aufenthalt in Frankreich zurückgekehrt, wo sie eigene Lieder schrieb und eine Tierrettungsstation unterhielt. Obwohl sie die Jüngste im Trio ist, beruht das Cabaret im Stil der Roaring Twenties hauptsächlich auf ihren Ideen. Während sie darin als schüchterne Sängerin agiert und fast mit Gewalt vor das Publikum gezerrt werden muss, stand sie im realen Leben schon als Kind auf der Bühne. Allerdings nur in Nebenrollen. Einen so gewichtigen Solopart wie jetzt hatte die Künstlerin noch nie.

Das Stück bedeutet für alle eine Herausforderung

Vor wenigen Jahren wäre es für Senta Camille noch undenkbar gewesen, mit Familie aufzutreten. «Das war mir zu eng, ich wollte mich abnabeln und meine eigenen Sachen machen.» Hinter dem Geschlechtswandel ihres Papas kann sie mittlerweile voll stehen. «Aber es hat einige Zeit gebraucht, bis ich mit der Situation im Reinen war.»

So bedeutet das Stück für alle drei Akteure eine besondere Herausforderung. Daran scheint das Trio offensichtlich Spass zu haben. «Es wird viel gelacht und manchmal auch geweint bei den Proben. Die Chemie zwischen uns ist ganz speziell. Wir freuen uns wie Kinder vor Weihnachten auf unsere Vorstellungen», sagt Mestres.

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