Bezirksgericht

Auf dem Weg, ein Leben zu retten, eines ausgelöscht

In Baden steht die Fahrerin eines Ambulanzfahrzeugs vor Gericht, die der fahrlässigen Tötung beschuldigt wird. Sie hatte im Einsatz einen Motorradfahrer übersehen.

Rosmarie Mehlin
Drucken
Teilen
Das Motorrad prallte mit 60 bis 70 km/h in die Ambulanz.

Das Motorrad prallte mit 60 bis 70 km/h in die Ambulanz.

Alois Felber

Vor zwei Jahren, an einem Montagmittag, war für M.S. der Albtraum jedes Automobilisten, jeder Automobilistin wahr geworden – insbesondere aber jedes Lenkers eines Rettungsfahrzeugs. Seit neun Jahren hatte die heute 35-jährige diplomierte Rettungssanitäterin damals auf diesem Beruf gearbeitet; seit zwei Jahren hatte die zweifache Mutter eine 50-Prozent-Stelle am Kantonsspital Baden (KSB) und hat sie auch heute noch. «Ich arbeite nicht des Geldes wegen, sondern weil mir der Beruf Spass macht.

Er ist abwechslungsreich, spannend, verantwortungsvoll und fordert hohe Sozialkompetenz», sagte M.S. gestern vor Bezirksgericht Baden. Sichtlich mitgenommen und häufig mit den Tränen kämpfend sass sie dort, beschuldigt der fahrlässigen Tötung.

Mit Blaulicht und Horn

An jenem Montag, dem 30. März 2009, war beim Kantonsspital Baden kurz nach 13 Uhr ein Anruf eingegangen, dass in Wettingen ein 80-jähriger Patient mit Verdacht auf Schlaganfall dringend medizinisch versorgt werden müsse. Begleitet von zwei Kollegen, hatte M.S. sich ans Steuer des Ambulanzfahrzeugs gesetzt und war – wie von der Einsatzzentrale angeordnet – mit eingeschaltetem Blaulicht und Wechselklanghorn in Richtung Autobahn losgefahren. Die sich vor der grossen Kreuzung mit der breiten Badenerstrasse stauenden Autos hatten umgehend eine Gasse gebildet, an deren Kopf die Ampel 19 Sekunden zuvor auf Rot geschaltet hatte.

«Ich machte beim Rotlicht einen Rollstopp. Es hatte sehr viel Verkehr, alle Spuren waren besetzt, ich blickte nach links und rechts und beschleunigte, als ich sah, dass alle Fahrzeuge stillstanden.» Nicht alle – M.S. hatte sich getäuscht. Ein von Birmenstorf herkommender Motorradfahrer war bei Grün losgefahren und Bruchteile von Sekunden später gegen die linke Seite des Ambulanzfahrzeugs geprallt. Der 53-Jährige hatte keine Chance gehabt, eine halbe Stunde später war er im nahen Spital verstorben.

120 Tagessätze und 1000 Franken Busse

Gutachten ergaben, dass die Geschwindigkeit des Motorrads zwischen 62 und 71 km/h, jene des Rettungsfahrzeugs zwischen 19 und 21 km/h betragen hatte. M.S. sagte, sie habe nicht auf den Tacho geschaut, sei aber sehr langsam gefahren. Zu wenig langsam, so der Staatsanwalt: «Bis zur Autobahn hätte M.S. insgesamt neun Spuren queren müssen, von denen mehrere in jenem Moment bei Grün mit Vortritt behaftet waren. In dieser Situation ist auch mit Blaulicht und Horn höchste Aufmerksamkeit gefordert und sind 20 km/h eindeutig zu schnell.» M.S. habe sich klar einer Sorgfaltspflichtverletzung schuldig gemacht. Er plädierte auf eine bedingte Geldstrafe von 120 Tagessätzen und 1000 Franken Busse.

Solches verneinte der Verteidiger vehement. Als er mit dem Mandat beauftragt wurde, sei er überzeugt gewesen, das Verfahren werde eingestellt. Denn M.S. habe sämtliche Vorschriften und Bestimmungen eingehalten und sei auch ihrer Sorgfaltspflicht nachgekommen, was mehrere Zeugen am Unfallort bestätigt hätten: «Ihre Geschwindigkeit war durchaus angepasst, aber es ist schlicht unmöglich, neun Spuren gleichzeitig im Auge zu behalten.»

Warum M.S. den Motorradfahrer nicht sah, könne verschiedene Gründe haben. Fest stehe, dass dieser zu schnell gefahren und ungebremst mit dem Notfallwagen kollidiert sei. «Pro Jahr gibt es ab dem KSB mindestens 3000 Blaulichtfahrten. Der ortskundige Motorradfahrer hätte mit einem Ambulanzfahrzeug rechnen und es auch sehen müssen», so der Verteidiger, der einen Freispruch forderte. Das Urteil wird heute bekannt gegeben.