Neues Gesundheitsgesetz

Ärzte sollen ihren Patienten in jedem Fall Medikamente verkaufen dürfen

Das neue Gesundheitsgesetz soll erlauben, dass Ärzte ihren Patienten in jedem Fall Medikamente selbst verkaufen dürfen. Die Initiative der Apotheker ist ausformuliert – sie liegt der az exklusiv vor

Mathias Küng
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Ärzte sollen ihren Patienten in jedem Fall Medis verkaufen dürfen

Ärzte sollen ihren Patienten in jedem Fall Medis verkaufen dürfen

Keystone

Im Gesundheitswesen ergänzen sich zentrale Player idealerweise untereinander: etwa Haus- und Spezialärzte, Apotheken, Spitäler. Wenn die es gut miteinander können, profitieren Patientinnen und Patienten optimal. Doch unter steigendem Kostendruck kommen traditionelle Rollenmuster ins Wanken. So fühlen sich die Apothekerinnen und Apotheker von der eben im Amtsblatt publizierten Gesetzesinitiative der Ärzte bedroht.

Der Aargauische Ärzteverband will das Gesundheitsgesetz so ändern, dass Ärzte und Zahnärzte ihren Patienten nicht nur im Notfall, sondern – mit Bewilligung des Kantons – die verschriebenen Medikamente selbst verkaufen dürfen (Selbstdispensation).

«Miteinander statt Gegeneinander»

Der az Aargauer Zeitung liegt exklusiv der frisch «geborene», genaue Wortlaut der Initiative «Miteinander statt Gegeneinander» der Apotheker vor. Sie bezweckt, die heutige medizinische Grundversorgungskette aufrechtzuerhalten, und verlangt explizit, dass die Versorgung mit Medikamenten grundsätzlich durch Apotheken erfolgt. Im Wesentlichen also so, wie es heute läuft.

Das Besondere an der Apotheker-Initiative ist, dass sie auf die Verfassung abzielt. Anzunehmen ist ja, dass beide Begehren – die zweifellos pro-blemlos zustande kommen – dann im politischen Prozess zusammen behandelt werden und wohl auch gemeinsam vors Volk kommen.

Sollten beide Initiativen an der Urne eine Mehrheit finden, wöge ein Ja zu einer Verfassungsänderung natürlich schwerer als eine Gesetzesänderung, so das Kalkül der Apotheker.

Warum sollen denn nicht Hausärzte Medikamente abgeben können, fragen wir Fabian Vaucher, Präsident des Aargauischen Apothekerverbandes? Immerhin erspart dies den Patienten zuweilen mühsame Wege, was gerade gehbehinderte Personen besonders schätzen könnten?

Dies lässt Vaucher so nicht gelten. Im Aargau bieten die Apotheken für Stammkunden einen kostenlosen, flächendeckenden Lieferservice an.

Wichtige Kontakte in Apotheke

Ein Arzt, so Vaucher weiter, habe «zu wenig Zeit, um die Entwicklung im ganzen Medikamentenmarkt zu überblicken». Zudem nähmen sich Apotheker Zeit, um die Therapie der Patienten zu begleiten. Laut einer Studie haben 22 Prozent der Patienten Mühe mit dem Schlucken von Tabletten.

Da könne man Hilfestellung geben oder mit unsicheren Patienten reden, die ihre Medikamente nicht nehmen. Zudem, so Vaucher, schicken Apotheker Patienten mit vermeintlich harmlosen «Bobos» schon mal direkt zum Hausarzt oder in den Notfall, wenn sie eine Gefahr erkennen. All diese direkten Kontakte bringen Vaucher nebenbei zur Überzeugung, dass Internet-Versandapotheken keine Zukunft haben.

Sollten die Ärzte sich in der Medikamentenabgabe wie in anderen Kantonen auch (Beispiel Zürich, Luzern) durchsetzen, «käme künftig der Arzt über Video auch in die Apotheke», sagt Vaucher. So würde seine Zunft das eigene Geschäftsmodell stützen.

In Ländern wie Norwegen oder Schweden funktioniere das längst, gibt Vaucher zu bedenken. Ideal finde er es allerdings nicht. Was denn? «Eine persönliche Beziehung der Patienten zum Hausarzt ergibt das beste Behandlungsresultat. Die Apotheker geben Unterstützung, indem sie die Therapie begleiten und dem Arzt Rückmeldung machen.»

Dass grosse Distanzen zwischen Hausarzt und Apotheke schlecht sind, ist den Apothekern bewusst. Deshalb, so Vaucher, seien sie auch gegenüber der Idee kleiner Gesundheitszentren aufgeschlossen. Der beste Service für die Patienten wäre ein Zentrum mit Hausarzt, Apotheke, Spitex, Physiotherapie etc. im selben Gebäude.

Mit dem Ziel, die medizinische Grundversorgung auch auf dem Land künftig bestmöglich sicherzustellen. Vaucher: « Das Ziel muss sein, die verfügbaren Mittel optimal einzusetzen, statt gegeneinander anzutreten.»

Welche Lösung sich als die bessere durchsetzt, wird der Aargauer Souverän frühestens in zwei Jahren an der Urne entscheiden. Die politische Diskussion hat jetzt erst angefangen.