Littering

Wie Autofahrer ihren Müll auf der Autobahn entsorgen

Es ist ein Bild des Grauens: Der Werkdienst sammelt beim Autobahnknoten A1 Rothrist mehr Abfall als irgendwo sonst auf der Autobahn im Kanton Aargau.

Sabine Kuster
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Als wir aussteigen, schlägt uns der kalte Fahrwind ins Gesicht. Dabei stehen wir still. Doch neben uns tosen Autos vorbei, eine Strom ohne Ende, sie treiben den A1-Wind an. Jedes vorbeifahrende Auto bringt mit dem Luftdruck das schwere Werkhoffahrzeug auf dem Pannenstreifen zum Schaukeln.

Spuren der umliegenden Geschäfte

Martin Hedinger und Pascal Jaquier vom Werkhof der Nationalstrassen Nordwestschweiz (NSNW) in Schafisheim sind heute auf Littering-Tour zwischen dem Autobahnknoten Wiggertal und Rothrist. Dort, sagten die beiden, ist es am schlimmsten. Die Leute kommen vom Schnellimbiss und den Einkaufszentren. In den Kurven der Autobahnauffahrt lassen sie das Fenster runter, werfen raus, was übrig bleibt: Becher, Dosen, PET-Flaschen, Servietten, Verpackungen. Dann drücken sie aufs Gas, die lockeren Verpackungsteile der Fracht lösen sich: Sagexstücke, Plastik, Bänder, Etiketten, Lieferscheine.

Manchmal flucht Martin Hedinger leise: «Diese verdammten Büchsen und PET-Flaschen», und träumt von einem Büchsen- und PET-Pfand. Das Autobahnbord erzählt ihm, wenn eine Party kommt und dafür mit Flyern hinter den Scheibenwischern Werbung gemacht wurde, es zeigt mit Red-Bull-Büchsen, dass in der Nähe ein Fest statt fand. Und natürlich dass vor zwei Wochen Zügeltermin war: «Einer hat an einem Rastplatz ein ganzes Kinderzimmer entsorgt: Barbieschminktisch, rosa Velo, alles.»

Natur zwischen Abfall und Asphalt

Die ersten 600 Meter Autobahnbord sind gereinigt. Die Reporterin hat klamme Finger. Doch jetzt um halb 9 Uhr streckt die Sonne ihre ersten Strahlen zum Bord hinunter, das Foto, das im Morgenlicht entsteht, ist eigentlich zu friedlich fürs Thema Littering. Und nicht immer ist das Wetter schön. Doch jetzt blüht zwischen den Zigarettenpäckchen und Stücken Isolationsmaterial der Kriechende Günsel, eine Bachstelze hüpft, eine Wieseninsel bei der Autobahnzufahrt ist gelb vom Löwenzahn. «Da hats Leben drin», sagt Martin Hedinger. Aber er finden vor allem überfahrene Tiere, «verchareti».

Er fährt mit dem Werkhofauto über den Rastplatz bei Oftringen, Abfall auch da. «Gestern wurde hier geputzt!», sagt Hediger. Frustriert ihn die Sisyphusarbeit? «Ja, mich schon. Es ist doch einfach Arbeit, die nicht nötig sein sollte.»

Für 250 Kilometer Strasse in den Kantonen Aargau, Solothurn und beiden Basel ist die NSNW zuständig, täglich fahren darauf 120000 Fahrzeuge. Schon nur auf den A1, A2 und A3 im Aargau sammeln die Arbeiter jährlich 20 Tonnen Abfall ein. Es gibt sechs geplante Räumungsaktionen, doch die NSNW ist während des ganzen Jahres in Randstunden am «Fötzelen». Die Steuerzahler kostet das 200000 Franken. «Es wird immer schlimmer», sagt Thomas Leuzinger, Leiter Betrieb im Werkhof Schafisheim.

Ein gefährlicher Arbeitsplatz

In der Kaffeepause in einem nahen Restaurant treffen Hedinger und Jaquier auf zwei Kollegen, die heute ebenfalls am Räumen sind. Auf der Stirn des einen klebt ein Pflaster. Die Wunde stammt von einem Lastwagen: Ein Gummizug der losen Lastwagenplane flatterte im Vorbeifahren gegen seine Stirn. Gefahren wie diese begleiten die Arbeiter ständig.

Trotz orangefarbener Kleider mit den Leuchtstreifen, trotz Absperrungen und trotz Lichtsignalen, die sie zur Warnung der Autofahrer einschalten können. Sperrgut in der Autobahnmitte muss eingesammelt werden. Hedinger hat einmal acht Minuten in der Mitte gewartet, bis in der Blechlawine eine genug grosse Lücke zum Zurückkehren war. Und wenn ein Automobilist die Absperrung übersieht oder ein Anhänger unverhofft ausschwenkt, gibt es keinen Schutz.

Müssen die Arbeiter einen Teil der Autobahn sperren, gibt es im Gegenteil regelmässig wüste Beschimpfungen von den Autofahrern. Die Arbeiter brauchen ein dickes Fell. Einmal hat eine aus dem fahrenden Auto geworfene PET-Flasche Hedinger am Bein getroffen.

Das Badewasser ist schwarz

Abends, wenn die Arbeiter ein Bad nehmen, wird das Wasser manchmal schwarz, zum Beispiel wenn sie die Rinnen fürs Regenwasser reinigen mussten. «Gestern waren meine Zehen schwarz vom Staub», sagt einer. Und tatsächlich, als die Reporterin, am Mittag die Socken auszieht, sind auch ihre Zehen dunkel. Im Nastuch, in das sie sich schnäuzte, hat es kleine graue Punkte.