Aarau
Tuchlaube-Leiter: «Ich bin kein Feind von Unterhaltungstheater»

Die Tuchlaube Aarau setzt im Oktober seine Wertediskussion fort – ein Gespräch mit Leiter Peter-Jakob Kelting

Julia Stephan
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Peter-Jakob Kelting: Der Theaterleiter geht mit seinem Publikum gerne auf Tuchfühlung.

Peter-Jakob Kelting: Der Theaterleiter geht mit seinem Publikum gerne auf Tuchfühlung.

Emanuel Freudiger

Werte? Moral? Werte-Welten? Wie bitte? Ja, man kann dem seit Februar laufenden Tuchlaube-Programm «Balancen» vorwerfen, es hafte an ihm der Stallgeruch eines Soziologie-Seminars.

Die Zahlen sprechen trotzdem für Volksnähe: Die Aarauer fühlen sich wohl in ihrer «Laube»; zehn Prozent mehr Zuschauer in der letzten Saison, und auch die Schultheatervorstellungen im Herbst sind trotz Zusatzvorstellungen ausverkauft. «Ich bin zuversichtlich, dass sich dieser Trend fortsetzen wird», ist Tuchlaube-Leiter Peter-Jakob Kelting überzeugt.

Das verkopfte Motto verschleiert, dass Kelting seit Übernahme der Intendanz 2011 mit den Aarauern und Aargauern gerne und intensiv auf Tuchfühlung geht. Im Herbst will er die Intimität mit den «Tischgesprächen» intensivieren.

Wein, Wasser und Brot

Erprobt hat er das Format bereits während seiner Zeit am Theater Basel: Rund fünfzig Zuschauer und zwei bekannte Persönlichkeiten diskutieren am gemeinsamen Tisch in der Galerie bei Wein, Wasser und Brot – über Gott und die Welt. Der Eintritt zu diesem Gesellschafts-Theater ist frei.

Bühne und Welt rücken auch bei den Publikumsgesprächen enger zusammen: «Ich möchte Zuschauergespräche, die darüber hinaus gehen, dass man sich darüber verständigt, ob es gefallen hat oder nicht.» Deshalb hat Kelting bei der zweiten Aufführung von Mike Müllers Gastspiel «Truppenbesuch» den Aarauer Kasernenchef, Oberstleutnant Thomas Frey, eingeladen. Als Betroffener soll er nach der Vorstellung zu Mike Müllers Armee-Satire Stellung beziehen.

Handfeste, starke Geschichten

So radikal wie in Keltings Antrittsjahr ist das Tuchlaube-Programm längst nicht mehr. «Die Tuchlaube ist ja beides: ein Haus für die Freie Szene und zugleich das Stadttheater für die Aarauer Bevölkerung. Ich denke, wir sind dabei, die richtige Mischung zu finden», sagt Kelting.

Deshalb setzt er im zweiten «Balancen»-Teil 2013/14 wieder auf handfeste, emotionale Geschichten bekannter Künstler, weniger auf performancelastige Experimente: Die Dramatisierung von Alex Capus’ Roman «Glaubst du, dass es Liebe war» oder das Gastspiel der Aargauer Tanzkompanie Flamencos en route («Paso por Paso») setzen solche Akzente. Für Kelting kein Rückschritt: «Ich bin kein Feind des Unterhaltungstheaters.»

Durch alle sieben Lebens-Welten

Auf die Idee, das neue Programm nach sieben «Werte-Welten» auszurichten, kam er Anfang 2000 mit einem befreundeten Pastor in der deutschen Stadt Lübeck. Mit ihm definierte er die sieben Lebens-Welten Kultur, Freizeit, Politik, Wirtschaft, Religion, Wissenschaft und Privatleben und ordnete ihnen Grundwerte zu. Werden diese für andere Lebens-Welten zweckentfremdet, drohe Sinn- und Werteverlust, etwa, wenn das Freizeitprogramm oder das Familienleben nach ökonomischen Prinzipien optimiert wird.

Zum Glück lassen sich die gezeigten Stücke nicht in ein so strenges Raster quetschen, dafür sind sie zu raffiniert. Aber es stimmt: Die Figuren in diesen stark an der Aktualität ausgerichteten Arbeiten stehen häufig etwas verloren im gesellschaftlichen Interessenkonflikt: In «We Are Family» führte die Gruppe Pulkproduktion Interviews mit berufstätigen Familienmenschen, die im Job Berufsleute mit Familie sind – und lassen Familiensinn mit unternehmerischer Flexibilität kollidieren.

Reminiszenz an Dürenmatt

Neuland verspricht die Uraufführung von «Chinin» der Gruppe Fax an Max. Im Stück des Nachwuchsdramatikers Gaël Roth geht auf einer Insel das Erdöl aus – und dem herrschenden Gewaltregime die Argumente für die Aufrechterhaltung der Macht.

«Chinin» ist nach Kelting ein mutiger Versuch, mit der seit Friedrich Dürrenmatt ausgedienten Theaterparabel die Welt zu beschreiben.

Von den Menschen aus Eritrea, die im Tanztheater der Aargauer Gruppe Szenart «Nein, ich will» erklären, was für sie Freiheit bedeutet, hat Kelting viel über die Auslegungsfreiheit des Theaterbegriffs gelernt: «Theater ist für sie etwas, das auf dem Dorfplatz passiert. Ein soziales Ereignis wie bei uns die Aufführungen des Theatervereins.» Diese Lebensnähe will er mit einer Ausweitung des Vermittlungsangebots auch in der Tuchlaube schaffen: Es soll Menschen nicht nur aufs Theater vorbereiten, sondern sie auch Theater spielen lassen.

«Spiel(T)räume» im Winterschlaf

Die «Spiel(T)räume 2013» – die Sommerbespielung der alten Reithalle – gehen in diesen Tagen mit dem Stück «ArbeiT» in den Winterschlaf. Kelting, der sich seit 2011 stark für die Eröffnung des Theaterhauses «Oxer» in der Alten Reithalle eingesetzt hat, hat sich schon im April 2012 aus dem Vorstand der Trägerschaft T.u.T., der Interessengemeinschaft darstellende Künste Aargau, zurückgezogen und ist in die Programmgruppe gewechselt.

Der Leiter des Tuchlaube-Betriebsbüros, Christoph A. Schenker, hat seinen Vorstandssitz übernommen. Der Vertrag von T.u.T. läuft im Oktober aus, die neue Trägerschaft ist noch nicht bekannt. Ausgeträumt ist für Kelting der Traum vom Aargauer Spielort noch nicht, auch wenn die Eröffnung 2019 mehr Vision bleibt als Traumerfüllung. Die Resonanzen auf die Bespielung waren diesen Sommer sehr positiv. Kelting: «Hauptsache, es geht weiter.»

Das Theater Tuchlaube in Aarau startet seine Saison am 16. Oktober mit der Premiere «Harry Widmer Junior» des Theater Marie. Der Vorverkauf hat begonnen. www.tuchlaube.ch

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