Aarau
Sie wollte unbedingt nach Hause – und wurde auf dem Heimweg von einer Lawine begraben

1958 treibt das Heimweh die 19-jährige Aki Senn von Aarau nach Kärnten. Dafür hat sie ihren Job riskiert – und beinahe ihr Leben.

Katja Schlegel
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Aki Senn verliebte sich vor 60 Jahren in Aarau – das Heimweh trieb sie damals trotzdem nach Hause.

Aki Senn verliebte sich vor 60 Jahren in Aarau – das Heimweh trieb sie damals trotzdem nach Hause.

Katja Schlegel

Und dann kam die Lawine. Ein Knall, ein Beben. Innert Sekundenbruchteilen war der Zug begraben, eingebacken in Tonnen von pickelhartem Schnee. Fast augenblicklich verglommen die elektrischen Lichter und es wurde dunkel. Zappenduster.

Noch nicht einmal mehr die Hand sah Aki Senn mehr vor Augen. Und dann begann das Geschrei, das Heulen. Vor Schreck, vor Angst. Vor Enttäuschung. Es war doch die Nacht auf Heiligabend, Weihnachten 1958 stand vor der Tür.

Aki Senn sass da in der Dunkelheit und dachte ans Essen. Überlegte, was sie alles eingepackt hatte. Zwei Eingeklemmte, eine Tafel Schokolade, etwas Tee. Das war’s. «Wäre alles nach Plan gelaufen, wäre ich ja am Nachmittag des Heiligabends bei meinen Eltern gewesen.» Wäre. Wäre da am Arlberg nicht diese Lawine losgegangen, wäre ihr Zug doch nur Sekunden früher oder später losgefahren.

«Das Heimweh war grässlich»

Als Aki Senn-Maier (heute 79) in diesem Zug sass, war sie 19 Jahre alt und auf dem Heimweg von Aarau nach Kärnten. Mit knapp 18 hatte die gebürtige Österreicherin in Aarau eine Stelle als kaufmännische Angestellte angeboten bekommen und angenommen. Die Fremde hatte sie gelockt.

Doch die Ernüchterung folgte schon bald. Der Nebel, der wochenlang dicht bis aufs Strassenpflaster hing, schlug ihr aufs Gemüt. Dann die Einsamkeit. Und das Schlimmste: Sie verstand kein Wort. «Das Heimweh war grässlich», sagt sie heute. «Ich wollte nur noch heim. Die erste Weihnacht allein war das Traurigste, was ich in meinen jungen Jahren erlebt hatte.»

Doch es sollte 14 Monate dauern, bis sie endlich ihre Familie wiedersah. 14 Monate, in denen ihr die Kolleginnen im Nähatelier Schweizerdeutsch beibrachten. 14 Monate, in denen sich Aki Senn unsterblich in den Hallwilersee verliebte. Und jener Tag Anfang Juli, der ihr Herz nachhaltig für Aarau erwärmte: der Maienzug.

Trotzdem. Es wurde Zeit. Die Sehnsucht nach den Eltern und den Geschwistern war zu gross. Also bat Aki Senn ihre Chefin bereits im Oktober um unbezahlten Urlaub. «Sie hat es mir nicht erlaubt. Sie hatte zwar Verständnis, konnte bei mir aber keine Ausnahme machen. Schliesslich hätten alle Angestellten gerne über Weihnachten Urlaub gemacht.» Auch ein zweites, spontanes Nachfragen am 23. Dezember half nichts.

Doch für Aki Senn war längst klar: Sie fährt nach Hause. Egal, was die Chefin sagt. «Mein Heimweh war so gross, mich hätte nichts aufhalten können.» Am Bahnhof kaufte sie ein Billett für den Nachtzug nach Klagenfurt, von der Telefonkabine bei der Stadtkirche aus rief sie ihren Vater an und kündigte ihren Besuch an. Dann packte sie ihren Koffer, die Geschenke hatte sie längst parat, strich die belegten Brote, kochte Tee.

«Ich habe gefroren wie ein Hund»

Das Schlimmste in diesen langen Stunden im verschütteten Zug waren nicht der Hunger, nicht der Durst, noch nicht einmal die Verzweiflung darüber, an Heiligabend nicht daheim zu sein. «Es war diese verdammte Kälte», sagt sie. Eine Kälte, die sich die Beine hochfrass, weiter nach oben und bis zuinnerst. «Wir sind im Abteil alle zusammengerückt, haben alles, was wir an Kleidern und Decken in den Koffern hatten, um uns gewickelt. Aber ich habe gefroren wie ein Hund.»

Grenzenlos war die Erleichterung, als sie die ersten Schaufeln hörten, die durch den Schnee gegen das Zugdach stocherten. Und erlösend war der Pfiff der Lokomotive, als die Reise endlich weiterging. Glücklicherweise war der Zug unter der Lawine nicht aus den Gleisen gesprungen.

Mit 26 Stunden Verspätung kam Aki Senn gegen 3 Uhr morgens am Weihnachtstag in Klagenfurt an. Steifgefroren, hungrig und müde. Aber grenzenlos glücklich, am Bahnsteig ihren Vater zu sehen. Stunde um Stunde hatte er da gestanden, auf sein ältestes Kind gewartet.

«Er brachte mich zum Auto und fuhr mit mir nach Hause.» Da wartete die ganze Familie. In ihren Kleidern hatten sie geschlafen und die Jüngsten vertröstet; Heiligabend sei erst, wenn Aki daheim sei. Als sie dann endlich da war, wurde gefeiert. Und wie.

So schön wie diese Weihnachten sei Weihnachten nie mehr gewesen. «Ein so überwältigendes Gefühl von Glück und Geborgenheit habe ich mein ganzes Leben lang nicht mehr verspürt.» Dass sie in Aarau abgehauen war, behielt Aki Senn für sich.

Mit flauem Gefühl im Bauch reiste sie im neuen Jahr zurück und rechnete mit allem, nur nicht mit dem, was passierte: Die Chefin gab ihr den Lohn, abzüglich der gefehlten Tage, und sagte, sie freue sich sehr, dass sie heil wieder zurück sei. «Dann sagte sie, ich hätte Zivilcourage. Das war der Anfang meiner Karriere.»