Aarau

Seit 11 Jahren bittet er Abend um Abend um eine Herberge

Die Stadtverwaltung hatte diese und letzte Nacht einen wahren Nomaden samt Hund zu Gast. Seit 11 Jahren zieht Gianluca mit seinem Hund Shira schon durch Zentraleuropa, denn diese Lebensart ist sein Traum.

Sabine Kuster
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Hier übernachtete er: Gianluca mit Hund Shira und Daniel Schneeberger, Materialwart des Zivilschutzes, im Feuerwehrmagazin.

Hier übernachtete er: Gianluca mit Hund Shira und Daniel Schneeberger, Materialwart des Zivilschutzes, im Feuerwehrmagazin.

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Er heisst Gianluca Ratta. Er ist Italiener. Seit 11 Jahren zieht Gianluca mit seinem Hund Shira schon durch Zentraleuropa. «Weil das mein Traum ist», sagt er. Er sagt es oft: «It’s my dream to see geography with my legs and eyes.» Er wolle das Land mit seinen Beinen und Augen sehen.

In der Nacht auf Dienstag hat er in der Zivilschutzanlage in der Telli geschlafen, heute wird Gianluca im Pikettzimmer der Feuerwehr Aarau aufwachen. Auf dem Stadtbüro im Rathaus hat man ihm diese beiden Unterkünfte vermittelt.

Er will ins Buch der Rekorde

Auf seinem endlosen Weg durch Europa läuft Gianluca die grösseren Orte an, fragt auf den Ämtern nach einer Unterkunft und einem offiziellen Papier, das bestätigt, dass er vorbeigekommen ist. Gianluca will ins «Guinness-Buch der Rekorde» als «Der längste Marsch mit einem Hund». Aber eben: Der Hauptgrund, weshalb er unterwegs ist, sei sein Traum.

Über Weihnachten ist er manchmal in Turin, wo seine Familie zu Hause ist – er schon lange nicht mehr. Dieses Jahr ist er nicht in der Nähe, also wird er Weihnachten in der Schweiz verbringen. Zehn Städte hat er noch auf seiner Liste bis er Lugano erreichen wird und dann weiter schaut. «Ich weiss nicht, wie lange ich noch weiterwandere. Ich kenne die Zukunft nicht. Es ist mir egal, alles ist eine Überraschung.»

Aber die Sehnsucht nach Geborgenheit? Die Familie? Vermisst er sie nicht? «Nein», sagt er, «die Familie ist in meinem Kopf.» Im Kopf sagt er, nicht im Herzen. Und sowieso sei Familie überall, wo er sich willkommen fühle. Einsam fühle er sich, wenn er abgewiesen werde.

«Ich bin frei. Ich habe keine Frau, keine Kinder.» Und jemanden, um seine Gefühle zu teilen, brauche er nicht. «Es ist in Ordnung, wenn du mit mir sprichst, aber ich halte es auch ohne reden aus, nur mit mir.» Sein Traum sei ihm wichtiger als Menschen. Stattdessen sammelt er Artikel: Sieben verschiedene Schweizer Zeitungen haben allein im letzten Monat über ihn geschrieben.

Aber wie wurde er elf Jahre lang abends satt? «Mit einer Frau will ich über Liebe rede, nicht über Geld», sagt er charmant und blockt jedes weitere Nachhaken ab. «Immer fragen die Leute nach dem Geld, dann fühle ich mich leer. Geld ist nicht wichtig für mich.» Sein Gesicht verfinstert sich. «Du verstehst mich nicht, weil du ein anderes Leben hast.» Wer versteht Gianluca Ratta, 40 Jahre alt, der immer in der Wir-Form spricht und damit seinen Husky meint, ein Findelkind aus Sizilien? Der Nomade aus Turin, dessen Mutter und Schwester manchmal fragen, wie es dem Hund gehe, aber nie, wie es ihm geht, Gianluca, Sohn eines verstorbenen Alkoholikers. Wer versteht ihn? «Manchmal mein Hund.»

«An einem Ort leben ist wie tot sein»

Wie ihm Aarau gefallen habe, wolle er erst in seinem Buch verraten. Er hat schon einmal eines über seine Wanderschaft geschrieben und blieb dazu ein Jahr lang in Turin. «Es war wie tot sein.»

Gianluca, 47000 gewanderte Kilometer, 32 verbrauchte Paar Schuhe ist Nomade. Mehr noch als äusserlich ist er es innerlich. So entwurzelt, dass es wehtut, ihm zuzuhören.